Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1886)
- Date
- 1886-07-27
- Page
- Seite 487 (sequence 7)
- Language
- German
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487 Mitteln aber ein sehr großer war, so daß sie das Deficit endlich hätten, welches einer ihrer Sippe einst qnasi herbeigewünscht habe. Dann sprach der salbungsvolle Herr noch von der „Liebe", die sie, die Missionäre, den Juden entgegenbrächten und Von der „Lieblosigkeit" dieser ihnen gegenüber, und diese selbstbewußte heuchlerische Mittheilung, die dieser Seelenhirt seinerHeerde machte, war mit solchen noch anderen, einen jüdischen Zuhörer nothwendiger Weise Verletzenden Bemerkungen über seine Glaubensgenossen gewürzt, daß mir der Gednldfaden riß und ich den Saal Verließ, ohne den nächsten, der Versammlung als Gast vorgeführten Redner, einen Missionär aus Afrika, der scheinbar viel zu erzählen haben sollte — wohl mehr von seiner Wirksamkeit unter den Negern als unter unfern Glaubensgenossen, denke ich, zu denen er möglicher Weise einst gehört hat — mit anhören zu wollen oder zu können. Viel ist bereits über dieses Kapitel der Judenmissionsvereine geschrieben worden und Vieles ließe sich noch darüber sagen; doch ich breche hier ab, um den Leser nicht zu ermüden oder gar in die nämliche Aufregung zu versetzen, in welcher ich, dessen Innerstes sich gegen den Inhalt jenes Theils der Rede, den ich mit angehört, aufgebäumt hatte, der Versammlung stolz den Rücken kehrte. Dr. David Asher. Deutschland. Bonn, 14. Juli. (Privatmitth.) Ein sonderbares Schauspiel bietet der Berliner Vertrag, den jetzt Rußland durch die Aufhebung des Freihafens von Batum geradezu verletzt hat, so daß England jetzt droht, die Bestimmung desselben über die Dardanellen seinerseits für nicht mehr bindend zu erklären. So rächt sich die Nichtachtung eines feierlich geschlossenen Vertrages mit der Zeit, indem er ganz und gar hinfällig wird. Die Vertragsmächte hatten in ihm auch unterschrieben, daß die Anerkennung Rumäniens als eines unabhängigen Staates erst dann erfolgen sollte, wenn Rumänien die Gleichheit aller Confessionen und Nationalitäten innerhalb seiner Grenzen gesetzlich festgestellt habe. Die Spiegelfechterei, welche dieser Kleinstaat mit dem Art. 7 seiner Verfassung trieb, war für alle Welt durchsichtig. Das Schicksal der rumänischen Juden, der eingeborenen wie der eingewanderten, war damit der Willkür der in Rumänien herrschenden Klassen preisgegeben, und wie diese es verstanden, die jüdische Bevölkerung zu mißhandeln und ihr die Erwerbsquellen abzuschneiden, weiß Jedermann. Dennoch sprachen die Bertragsmächte, Oesterreich-Ungarn und Rußland voran, jene Anerkennung aus und küminerten sich um jene Bestimmung des Berliner Vertrages nicht. Deshalb machte sich Bulgarien keine Sorge und riß Ostrumelien an sich. Der neueste Bruch des Vertrages seitens Rußlands stellt denselben völlig auf den Aussterbeetat. Wir unsrerseits können darüber keine Trauer anlegen. — Wir erhalten eine Abschrift der Mittheilung, die der Büreau-Direktor des Reichstages an die Vorstände derjenigen israelitischen Gemeinden erlassen hat, welche an den Reichstag eine Petition gegen diejenige des deutschen Thierschutzvereines betr. des rituellen Schächtens gerichtet hatten. Sie bestätigt das, >oas wir in nnserm Leitartikl Nr. 29 bemerkt hatten, nämlich daß, da die Petition des Thierschutzvereins mit dem Beschlüsse der Petitions-Kommission sammt den gegen sie gerichteten Petitionen nicht bis zur Berathung und bis zur Beschlußfassung im Plenum gelangt sei, sie mit dem Schluß der Session jede Beachtung verloren habe. Wir betonen nochmals, daß voraussichtlich der Thierschutzverein zur nächsten Session des Reichstages seine Petition erneuern wird, die jüdischen Gemeinden rechtzeitig ihre Gegenpetitionen vorbereiten und absenden müssen. Berlin, 16. Juli. An anderen Lehranstalten, als an der Universität macht man mit antisemitischen Schülern kürzeren Proceß. Die hiesigen Blätter berichten: — In der gestrigen Versammlung der Lehrer und Schüler der Kunstakademie richtete der Direktor Anton von Werner aus Anlaß einiger Vorgänge antisemitischen Hintergrundes eine ernste Verwarnung gegen die Betreffenden, und erklärte, daß im Falle der Wiederholung derartiger Vorkommnisse dieselben von der Anstalt, die mit solchen Dingen nichts zu thun habe, verwiesen werden würden. Leipzig, 13. Juli. (Privatmitth.) Wir brauchen nicht zu wiederholen, wie tief es zu bedauern ist, daß der Antisemitismus in der deutschen Studentenschaft, und zwar am meisten an den beiden größten Universitäten, die doch so recht die Centren der Wissenschaftlichkeit und Humanität sei» sollten, in Berlin und Leipzig, einen großen Anhang gefunden. Freilich, wenn wir auf frühere Vorgänge z. B. 1818—20 zurückblicken, wo ein ähnlicher Vorgang sich manifestirte, werden wir weniger darüber erstaunen. Verwundert man sich, daß eine solche schmachvolle Bewegung im letzten Viertel des 19 Jahrh. möglich gewesen, so schließt dies von selbst auch die Neigung der deutschen Studentenschaft in sich. Man muß wohl bemerken, daß es immerhin nur der kleinere Theil der Studentenschaft gewesen, der sich unumwunden antise-