Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1886)
- Date
- 1886-07-27
- Page
- Seite 485 (sequence 5)
- Language
- German
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485 seiner „Einleitung" ganz richtig und wie freilich längst bekannt: „Wir sehen, daß der Dichter inhaltlich dieser Novelle sehr genau gefolgt ist. Die Charakteristik der Figur dagegen, die in der Novelle vergebens gesucht wird, ist ganz von ihm, und Lorenzo, Jessica, Gratiano und die anderen Freunde Antonios, sowie die beiden Gobbos sind seine eigenen Coneeptionen. Außerdem scheint der Dichter einige Züge aus einer wahrscheinlich kurz vor Abfassung des Stückes entstandenen Ballade: ,A new Song, shewing the erueltie of Gernutus, a Jew, who, lending to a Marchant a hundred crownes, would have a pound of his Flesh“, etc. entlehnt zu haben. So viel zur Ehrenrettung Shakspeares, einer- und zur Rechtfertigung meiner Anklage andererseits. Diejenige Version, deren Sie erwähnt haben, nach welcher der Streit sich vor dem Papst Sixtus V. abgespielt haben soll, ist nur eine der vielen, welche, wie gesagt, von der Sage im Umlaufe sind (hat aber historischen Werth. Red.). Ganz richtig aber ist Ihre Schlußbemerkung: „Was auch über Shylock discutirt, disputirt, verhandelt und erklärt wird: die Wirkung des Stückes entscheidet die Ansicht über dessen Tendenz und Werth. Schwerlich wird durch ein anderes Drama Judenhaß und Judenspott mehr genährt und befriedigt, als durch Shylock!" — Um jedoch nun auf mein eigentliches Thema, den heutigen „Antisemitismus" zurückzukommen, möchte ich zunächst ein Wort betreffs der in Nr. 27 von Ihnen beregten Frage, ob derselbe nicht bereits im Niedergange sei, fallen lassen. Meine Erfahrungen und die daraus erwachsenen Betrachtungen, die ich mir eben gestatte, Ihren Lesern vorzulegen, sprechen gerade nicht dafür. Vielleicht ist es anderswo besser; hier, ebenso wie in Berlin, fürchte ich, ist von einem Verschwinden oder Hinsterben dieser unglückseligen Ausgeburt des Mittelalters, wie nicht minder der alten römischen Zeit, nichts zu merken, wenn sie sich auch vielleicht nicht mehr in ihrer ganzen Nacktheit und Häßlichkeit zur Schau stellt und unfern Blicken sich aufdrängt. Sie ist zwar mehr von der Oberfläche verschwunden, wühlt aber nach wie vor im Verborgenen. Am meisten ist wohl zu beklagen, daß sich das Gift dieses, man weiß nicht soll man sagen Religions- oder Racenhasses, gerade des besten und künftig maßgebendsten Theiles des deutschen Volkes, der studirenden Jugend, bemächtigt hat, der Jugend, aus welcher dereinst die Richter, Anwälte, Geistlichen und, wichtiger als Alles, Schullehrer hervorgehen sollen. Da besteht jetzt die Verbindung der „deutschen Studenten", die an allen deutschen und selbst österreich. Universitäten ihre Mitglieder und außerdem ihr eigenes, „Akademische Blätter" betiteltes, in der Reichshauptstadt erscheinendes Organ hat. Die Grundsätze dieser Verbindung sind zwar an sich sehr lobenswerth, schließen aber, wenn auch nicht ausgesprochener, doch immerhin in unverblümter Weise unsre Glaubensgenossen aus, ja athmen Unduldsamkeit und Engherzigkeit, die traurigen Kennzeichen unserer neuesten Zeit, sei es in religiöser, sei es in nationaler Hinsicht. Wie diese unsre neuen Ritter vom Geiste — und welchen Geistes! — ihre judenfeindlichen Gesinnungen zu bemänteln, ihren Geist der Finsterniß und des Hasses in einen des Lichtes und der Liebe zu kleiden verstehen, das muß mau lesen, um es zu glauben. Ich citire aus einer der neuesten Nummern dieser ehrenwerthen „Blätter", der vom 1. Juni 1886, wo es unter der Ueberschrift des ersten, leitenden Artikels: »Der Kampf gegen den Jndifferentismns, eine Hauptaufgabe der Vereine deutscher Studenten" heißt: „Was bekämpfen wir? Vorab das glaubenslose Judenthum, das mit seiner undeutschen, zersetzenden, sprühenden Geistesart unsere dem Ideale zugewandte Volksseele vergiftet und an dem geistigen Mark und Bein unseres Volkskörpers zehrt. Aber gerechter Zorn ist mit christlicher Liebe wohl vereinbar. Beide Affecte sind verschiedene Ausprägungen derselben Gemüthsrichtung. Die Liebe zürnt, greift man verwegen an, was ihr lieb und heilig ist. Es ist keine Heuchelei, keine Psychologische Unklarheit, wenn vom ^christlichen', d. h. sittlich berechtigten Antisemitismus versichert wird: Mit dem Kampf gegen das moderne' Judenthum verbinden wir Sympathie zu den Israeliten, die voll Glauben auf dem Boden des Alten Testaments stehen." Unterzeichnet ist der Artikel, der einst dem Historiker als fürchterliches, ich mag nicht sagen klassischesZeugniß, für die traurigen, höchst beklagenswerthen Zustände unserer Zeit willkommen sein wird: „I. W. a. H. desHeidelberger und Hallenser V.d. St."! Also ein „alter Herr", ein bigotter Geistlicher, vielleicht ein Zelot, wahrscheinlicher noch ein Mucker, ist der Leiter dieser verirrten Jugend, und wenn nicht der Leiter, so doch einer ihrer Wortführer, da er ihr Programm aufstellt oder doch es von Neuem beleuchtet*). Nun, da ist ja die spanische Inquisition im neuen deutschen Reiche wieder aufgelebt und die Gewissensfreiheit zu Grabe getragen! Diese jugendlichen und alten Herren wollen also unsre Religionsrichter sein und jeden einzelnen jüdischen Studenten, wenn nicht jeden einzelnen Juden, auf seine Rechtgläubigkeit hin prüfen? Nun, sehet da, wie recht der Vorsitzende des Akademisch-Liberalen Vereins zu Berlin, Abgeordneter und Major a. D. Hintze hatte, als er an „einem trüben Maiabend im Jahre des Heils 1886", ich citire den Bericht wiederum aus den „Academischen Blättern" und zwar aus der Nummer vom *) Bei dem, seit Obiges von mir geschrieben, stattgehabten Stiftungsfeste des löblichen Vereins sprach der Vorsitzende, ein junger 8tud. phii. Heinze, Sahn des Ehrenmitgl. des Vereins, Hosrath Pros, vr. Heinze, des Philosophen, in ganz ähnlichem Sinne und soll, nach den Berichten der Kgl. Leipziger Ztg , sogar geäußert haben, die Juden befehden das Christenthum und das Vaterland! Das wagt ein solcher Jüngling in einer Stadt und einem Lande auszuspreche», wo Juden neben ihren christlichen Mitbürgern (sogar freiwillig in einzelnen Fällen) für das Vaterland gefallen sind und in den Reihen der Vertheidiger desselben, mit dem Ehrenrock des Königs bekleidet, stehen und kämpfen.