Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1886)
- Date
- 1886-07-27
- Page
- Seite 484 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227641--43701-3264077- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
484 aus einen völlig anderen versetzte, auf die religiöse Anschauung und das religiöse Leben der Juden eine tiefeingehende Wirkung ausübte? Wir wollen hier die Geschichte dieser Entwickelung nicht verfolgen. Wir haben im vor. Art. die Geisteskräfte, die Motive und Wirkungen gezeichnet, die in der modernen Kultur und namentlich in Beziehung auf die Religion zu Tage treten. Sie waren auch im Judenthum thätig. Hier aber gab es noch zwei besondere Momente: Die neuen Lebensbedingungen, die sich für die Juden ergaben, und Forderungen des Geistes, wie sie sich sowohl von der allgemeinen Bildung, als auch von der wissenschaftlichen und kritischen Tendenz aus unabweislich stellten. Beide Momente mußten gegen den im Judenthum allein herrschend gewordenen und so viele Jahrhunderte hindurch unangetasteten Formalismus ihre Angriffe richten und eine schnelle Wirkung üben. Die Wirkung der modernen Kultur auf das Judenthum war demnach eine zweifache. Auch die entwickelste Verstandesrichtuug, sobald sie den Gottglauben festhielt, konnte gegen die Lehrbegriffe des Judenthums keinen wesentlichen Einwand erheben; vielmehr bewirkte sie, daß der eine lange Zeit vernachlässigte Lehrnnd Gedankeninhalt des Judenthums von Neuem hervorgehoben, ins Licht gestellt und systematisch durchgearbeitet wurde, so daß er im Bewußtsein der Bekenner den hervorragenden Platz und in Vielen eine begeisterte Anerkennung fand, überhaupt als der wesentlichste Theil der Religion betrachtet wurde. Daß hierbei auch eine gewisse Läuterung von mittelalterlichen, von außen angenommenen Zügen stattfand, ergab sich von selbst. Dahingegen wirkte die Kultur in vielfach allzugroßem Maße auflösend, ja zerstörend auf die ganze bisherige formale Gestaltung des Judenthums. Die Nebung der vorgeschriebenen Eeremonien, das Festhalten der überlieferten Lebensnormen wurde bei einem großen Theile der Masse abgeschwächt und schwand immermehr. Der öffentliche wie der häusliche Gottesdienst verlor seine bindende Kraft und der religiöse Geist verschwand aus dem Familienleben und droht mit jedem neuerwachsenden Geschlecht immermehr sich zu verflüchtigen. Es erscheinen also auch hier die Wirkungen der modernen Kultur wohlthätig und nachtheilig zugleich; die befreienden Kräfte derselben verwandeln sich zu unterwühlenden und zerstörenden. Aber wir dürfen hierüber weder die Hoffnung noch den Muth und die Widerstandskraft aufgeben. Unsere Aufgabe stellt sich um so klarer. Die Religion ist unsterblich, und das Judenthum umsomehr als es in seinem Kerne von der Kultur nicht angetastet werden kann, solange sich diese nicht in Atheismus und Materialismus verirrt. Unser Bestreben muß deßhalb dahin gehen, die Rückkehr der Geister zum Lehr- und Gedankeninhalt des Judenthums nachdrücklich zu benutzen und zu fördern, die Begeisterung dafür zu wecken und zu nähren und ganz besonders zu den Quellen zurückzuleiten, 'aus welchen er ursprünglich geflossen ist, zu dem uralten Schriftthum Jsrael's. Dann aber auch wesentliche Elemente der formalen Erscheinung des Judenthums möglichst zu erhalten, in ihrer geistigen Bedeutung aufzufassen, sie zu socialen und ethischen Zwecken zu verwenden, aber auch wo es noth thut, nach dem Bedürfniß und dem Geiste der Zeit umzugestalten. Hier vor Allem gilt die Erwägung, daß wir in einem Uebergang begriffen sind, wie wir im vor. Art. nachgewiesen haben. In einem solchen kann man auf eine abschließende Arbeit nicht rechnen; es gilt vielmehr, Altes und Neues miteinander zu verbinden, bis sich in der Entwickelung des Geistes die Tendenzen und die Formen Herausstellen und heransbilden, welche der neuen Zeit genügen. Es ist dies keine Halbheit, sondern der einfache gesetzliche Gang jeder Entwickelung. Das Ueberstürzen, wie jeder Radicalismus, vernichtet mehr als es aufbaut und giebt für einen neuen Bau keinen dauerhaften Untergrund. So erhaben auch die Lehre der Religion ist, kann sie doch für die Masse der formalen Erscheinung nicht entbehren; sie muß ihr sichtbar und durch die Form verständlich sein. Nur überall auf die Innerlichkeit hingestrebt, im Begriff und im Wort, im Unterricht und in der Handlung! Leipzig, im Juli 1886. Einige Detrachlungen über den sogen. Antisemitismus vulgo Judenhaß, in einem Hriefe an den Herrn Nedacteur dieser Zeitung. ii.*) Anknüpfend an Ihre Bemerkungen über Shylock in Nr. 27 Ihrer geschätzten, von unseren Glaubensgenossen lange nicht genug gewürdigten Zeitung, muß ich heute Shakspeare Ihnen gegenüber in Schutz nehmen, nachdem ich in meinem ersten Brief als sein Ankläger aufgetreten bin. Nicht er nämlich hat sich der Escamotage schuldig gemacht, die Sie ihm zur Last legen, den Christen in einen Juden verwandelt zu haben, sondern in der Quelle, aus der er seinen Stoff geschöpft hat, „II?oec:orons" des Giovanni Fiorentino, fand er die, wie Simrock und später wohl auch Grätz**) nachgewiesen, bis in den Orient hin in allerlei Versionen verbreitete Sage so dargestellt, wie wir sie im „Kaufmann von Benedig" vor uns haben. Einer der neuesten Herausgeber einer Schulausgabe dieses Dramas — leider ist gerade dieses Stück sehr beliebt in der Schule und wird darin vielleicht häufiger als irgend ein anderes Drama Shakspeares gelesen — bemerkt in *) Siehe Nr. 25 d. Z. **) Dessen Brochürc „Shylock in der Geschichte, im Drama und in Sage" habe ich zu meinem Bedauern noch nicht gelesen.