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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-27 · Heft 31 (27.7.1886) · p. Seite 483

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 31 (27.7.1886)
Date
1886-07-27
Page
Seite 483 (sequence 3)
Language
German
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483 Fortgang eine neue, überaus ausgedehnte formale Ausgestaltung des religiösen Wesens, um so ausgedehnter, als dieses auch das sociale, besonders das juridische Gebiet einschloß. Es begann der große Proceß des Talmudismus, der in der ersten Periode einen actuellen Grund in den Verhältnissen und Zuständen der noch selbständigen Nation hatte, später nach dem Verluste der Unabhängigkeit und nach der gänzlichen Zerstreuung des jüdischen Stammes, theils praktische, theils theoretische Zwecke verfolgte. Daß die erste Reihe der Meister auf dem religiös-sittlichen Boden stand, bezeugt besonders die Sammlung der Pirke Aboth; jeder Lehrer verdichtete seine Lebenserfahrung und Ueberzeugung zu einem Wahrspruch, den er seinen Schülern übergab. Auch sonst verarbeitet der Talmudismus die religiös-sittlichen Ideen, allerdings im Gewände der Phantasie, im Midrasch, wie dieser theils durch die beiden Talmuden zerstreut, theils in besonderen Sammelwerken vorhanden ist. Aber die Bearbeitung des eigentlichen Gesetzes löste sich von hiesem Boden ab, indem sie es in casuistischer Weise vermittelst gewisser logischer Regeln ohne Berücksichtigung des ethischen Inhaltes und Zweckes, behandelte, und es bis in die einzelnsten Verästelungen verfolgte. Dies führte naturgemäß dahin, das ganze Religionswesen als Jus aufzufassen, und es aus dem Bereiche des individuellen Gewissens herauszuheben. Die Wirksamkeit dieses großen Formalismus bestand darin, daß durch diese ausgebildete Lebensnorm die jüdische Masse innerhalb des Monotheismus festgehalten und überall und alle Zeit in dem Bewußtsein eines besonderen Religionslebens erhalten wurde, so daß sie inmitten gegensätzlicher Religionen und der verschiedenartigsten Nationalitäten Widerstandskraft hinlänglich behielt, selbst als die Zeit der Ausschließung und der Verfolgungen begonnen hatte. Andererseits erwirkte die beständige Durchforschung und Weiterbeförderung des talmudischen Gesetzes vermittelst seiner Ausdehnung, seiner logischen Behandlungsweise und selbst der in ihm vorhandenen Widersprüche, daß das geistige Leben erhalten und immerfort geweckt und genährt wurde. Diese Resultate sind jedenfalls von großer Wichtigkeit und geben dem Talmudismus unter allen Bedingungen einen außergewöhnlichen, geschichtlichen Werth. Seiner Energie war es daher auch zuzuschreiben, daß im weiteren Verlaufe der Zeit, wenn die Juden mit neuen Culturbewegungen, wie mit der arabischen und spanischchristlichen, in nahe Berührung kamen, sich nur in äußerst wenigen Geistern eine Opposition gegen den talmudischen Formalismus regte, vielmehr der Culturzug dahin ging, die jüdische Religionslehre zu neuem Bewußtsein herauszuheben und mit den herrschenden Philosophemen auszugleichen, höchstens noch in den Gesetzesvorschriften nach Zweck und Motiv zu suchen, wie es z. B. Maimonides im dritten Theile seines More, nicht gerade mit großem Glücke, versuchte. Und doch konnte das aus der Cultur neu erwachte Geistesleben auf diesen Wegen nicht ganz befriedigt werden. Deshalb erstand auch damals nach dem Gesetze, das wir in der Cultur waltend erkannt haben, eine neue Richtung in der religiösen Anschauung. Die alleinige Berstandesthätigkeit genügte dem damaligen Menschen nicht, und so kam es, daß dieselbe vermittelst der Phantasie auf dem gegebenen Boden einen neuen phantastischen Erklärungsversuch der übersinnlichen Welt unternahm, die Kabbala. Gott und die Weltschöpfung und der Mensch in seinen Beziehungen zu beiden wurden in phantasmagorischen Gestalten geschaut, die sich zwar an das Bibelwort anzuschließen suchten, es aber zu willkürlichen Bildern und Gebilden benutzten. Naturgemäß besaß dieses System vielen Anreiz für die Menschen und beschäftigte sie je nach ihren Kräften, ohne jedoch in das bestehende Religionswesen einzudringen, so daß das traditionelle Judenthum bei der großen Mehrheit unversehrt bestehen blieb. Dagegen konnte es nicht fehlen, daß aus einer so wunderbaren und wunderlichen Anschauung bald ein Einfluß auf das wirkliche Leben erfloß, und Wunder- und Aberglaube sich daran knüpfte: Talismane, absonderliche Handlungen, Wunderthäterei durch die Namen Gottes in Schrift und Wort kamen auf und fanden weite Verbreitung. Dies aber widersprach dem Geiste des Judenthums so sehr, daß ein Kampf gegen das ganze System nicht ausblieb. Es verlor seine Stellung innerhalb des eigentlichen Judenthums, brachte aber dagegen, allerdings wiederum in bloßen Formalismus ausartend, die Secte der Chassidim hervor, die noch heute in dem unwissendsten und ungebildetsten Theile der jüdischen Masse in den osteuropäischen Ländern viele Anhänger zählt. — So sind wir bei der Gegenwart angelangt. Gerade die Unbeweglichkeit des überlieferten orthodoxen Judenthums mit seinen im strengsten Sinne stabil alle Momente umfassenden Lebensnormen erdrückte allmählig allen Geist und schränkte jede freie Bewegung ein. Es trat eine Erstarrung ein, welche eine Reaction nothwendig zur Folge hatte, die Fähigkeit, sich aus ihr wieder herauszuringen nach und nach weckte, und bei der ersten Berührung mit der vorhandenen Kulturwelt eine allgemeine und schnelle Umwandlung bewirken mußte. Die elastischen Sprungfedern des Geistes. befreien sich um so schneller und kräftiger von der auf ihnen ruhenden Last, je drückender diese war, sobald nur die Möglichkeit sie abzuschütteln in ihnen wach wird. Es ist deshalb gar kein Räthsel, daß die einmal geweckte Bewegung die mittel- und westeuropäische Judenheit mit der erstaunlichsten Schnelligkeit ergriff, so daß sie in einem Jahrhundert eine Kultur in sich aufnahm, welche den sie umgebenden Nationen die Geistesarbeit eines Jahrtausend gekostet hatte. Wer kann sich nun wundern, daß diese große Umwälzung, welche die ganze Masse von ihrem bisher so streng fest gehaltenen Boden aufhob und sr*

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