Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 31 (27.7.1886)
- Date
- 1886-07-27
- Page
- Seite 482 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227641--43699-3264075- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
482 der metaphysische Gottesbegriff rrriN ib'.n d. i. Gott! ist das unveränderliche Sein, der für das Volk und im Bolksmunde als 'n „der ewig Seiende" sich ausprägt, und die religiös ethischen Grundlehren in den Zehnworten, so wie die speciellen Gesetze der politischen und socialen Verfassung, welche zuerst und vor jeder Cultusvorschrift verkündet wurden. Bald aber stellte es sich heraus, daß die Volksmasfen für diese vernunftgemäßen Begriffe und Lehren geistig noch nicht entwickelt genug waren, um sie zu fassen, zu ihrem Lebenselemente zu machen und sich zu bewahren. Es erschien nothwendig, um die Gotteslehre in den Massen wurzeln zu machen und sie an dieselbe zu fesseln, einen symbolischen Cultus herzustellen, welcher den Vorstellungen des Volkes gemäß in symbolischen Akten und Darstellungen die Ideen der Gotteslehre ausprägten und zum Gefühle brachte. Selbst die ursprüngliche Absicht, die Erstgeborenen aller Familien zu den culturellen Functionen und dadurch zu Trägern der Religiosität zu verwenden, mußte aufgegeben werden, da sie sich factisch nicht dazu befähigt erwiesen. Es mußte deshalb ein Priesterstand geschaffen werden, dessen Bestand mit der Aufrechterhaltnug der Gotteslehre verbunden wäre, wobei dann Sorge getragen wurde, daß die politische und sociale Macht desselben möglichst beschränkt loerde, weshalb den Priestern Güterbesitz unmöglich gemacht und die Selbstverwaltung, mit Ausschluß der Priester, der Gesamintheit wie den Gemeinden, gesichert wurde. — Diese Charakterzüge des Judenthums, die sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte bewährten, mußten zwei bedeutende Resultate erwirken. Das erste bestand darin, daß die Cultur mit dem Judenthume in dessen Grundbegriffen und eigentlicher Religionslehre zu keiner Zeit in Conslikt gerieth, und so das letztere von der Cultur einen eigentlichen Angriff nicht erfahren konnte, weil eben das Grundelement beider, die Vorherrschaft der Vernunft, dasselbe war. Nur dann und da, wenn der Gottglaube selbst von den Tendenzen der Cultur angegriffen und bekämpft wurde oder wird, hat das Judenthum gegen dieses Extrem der Cultur Front zu machen. Das zweite Resultat war hingegen, daß auch im Judenthume in dessen verschiedenen Phasen die Gefahr nahe lag, daß sich aus dem Cultus ein Formalismus entwickelte, der um so stärker wurde, je mehr das symbolische Verständniß verblaßte und verschwand, so daß die in den Symbolen enthaltenen Gedanken der Gotteslehre und der Sittenreinheit dem Volksbewnßtsein entfremdet wurden. Mit der fortschreitenden Cultur mußte sich deshalb ein Angriff auf diesen Formalismus immer wieder erneuern. — Das erste Beispiel dieser Art bietet das Zeitalter des Prophetenthums. Insbesondere durch die Regierung Davids und Salomos war eine größere Culturbewegung in das israelitische Volk gekommen. Verbindungen mit den größeren Nationen ringsum, mit Phönizien, Egypten, Syrien waren angeknüpft, Austausch der Produkte fand statt, selbst der Luxus drang in die früher verschlossenen Grenzen ein, die Entwickelung der Psalmendichtung und Musik durch mehrere Sängerfamilien, der Spruchreden, welche die Beobachtungen des praktischen Lebens zum Ausdruck brachten, wohl auch der profanen Dichtung, von der uns nur wenige Spuren übrig geblieben, z. B. der Epithalamien (Pf. 45), die Verpflanzung der Baukunst durch den Bau des Tempels, von Palästen und Lustschlössern, die Ausbildung der Gartenkunst u. f. w. geben Zeugniß von den Fortschritten der Cultur in Israel. Unter den nachfolgenden Königen von Juda und Israel fanden diese Bestrebungen wohl weiteren Fortgang. Sie hatten aber zweifache Folgen: Das Wiedereinreißen des Heidenthums aus den Ländern, mit welchen man in engere Verbindung getreten, und der Formalismus in dem bestehenden Cultus. Gegen beide Momente richteten nun die Propheten ihre Anstrengungen. Mit tiefer Begeisterung suchten sie die religiösen und sittlichen Lehren in dem Bewußtsein des Volkes zu erwecken und dem Herzen einzusenken. Den gereiftcren Verstand, die Natur und die Geschichte verwandten sie als Mittel, um die Geister aufzuklären, die heidnischen Vorstellungen zu verdrängen und die reineren Begriffe von Gott, Frömmigkeit und Tugend in die Gemüther zu verpflanzen. Andererseits bekämpften sie mit großer Strenge den eingerissenen Formalismus, die Uebungen der Cultusvorschriften in heuchlerischer oder irrthümlicher Weise, ohne Reinheit der Sitten, in Ungerechtigkeiten und Verbrechen aller Art. Man braucht nur das erste Capitel des Jesaias zu lesen, um die Verurtheilung dieser heuchlerischen Frömmelei seitens der Propheten zu ersehen, die jede Art des officiellen Cultus verwerfen, wenn er nicht mit Gerechtigkeit und Liebe, mit Umkehr vom bösen Wandel und mit reinen Sitten verbunden wäre. Allerdings wollen auch sie das mosaische Gesetz und die Cultuseinrichtungen aufrecht erhalten; aber diese müssen mit ernst religiösem und streng sittlichem Inhalt erfüllt sein, um Werth und Wirksamkeit zu haben. Es bekundet sich dies ganz besonders in der Rede, welche Jesaias II über das Fasten und den Sabbath gehalten. Wenn wir nun sehen, daß dieser Eifer der Propheten die Zwecke, die sie vor Augen hatten, wirklich erreichte, daß im Volke immerhin ein bedeutender Theil für die Gotteslehre bewahrt blieb und endlich das Heidenthum gänzlich aus Israel verschwand: so müssen wir dies eben auch dem Einflüsse der Cultur zuschreiben, welche im Exil ihre Nahrung fand, theils durch die Berührung mit den großen Nationen, theils durch den Gegensatz, welcher in religiöser Beziehung gegen die heidnischen Völker im Bewußtsein des jüdischen Volkes hervortrat. Man gewahrt diesen so recht in der Zurückweisung der Samaritaner bei dem Wiederaufbau des Tempels, welche ja mit materiellen Nachtheilen verbunden war. — Dennoch erfolgt auch hier im