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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-27 · Heft 31 (27.7.1886) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 31 (27.7.1886)
Date
1886-07-27
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeilung des Iudmihums. Ein mMknsches Organ für alles jüdische Interesse. j Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonne- > ment in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeöitiorr: Leipzig, Woßpkoch 17. In reoaetionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlnng. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 27. Juli 1886. Nr. 31. lutrsN. Leitende Artikel: Cultur und Religion. — Einige Betrachtungen über den sogen. Antisemitismus vulgo Judenhaß, in einem Briefe an den Herrn Redacteur dieser Zeitung. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, München, Mecklenburg-Strelitz, Witten, Zweibrücken. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Von der Donau, Graz. — Griechenland: Corfu. — Großbritannien: London.— Feuilleton: Correspondenz. — Vermischtes. £citeviSe €Xzki&c€. Bonn, 21. Juli. Cultur und Religion. ii. Nachdem wir im vor. Art. die allgemeinen Beziehungen der Cultur und Religion zu einander auf Grund des geschichtlichen Verlaufes und nach der Natur dieser beiden großen Erscheinungen zu zeichnen versucht haben, bemerkten wir, daß das Judenthum seinem Wesen nach in charakteristischer Weise von jenem allgemeinen Gange Abweichungen hervorbrachte. Der Grund hiervon liegt in dem Umstande, daß die mosaischen Gottesbegriffe nicht aus der Erklärung der Naturerscheinungen durch die Phantasie geschaffen worden, sondern daß das Judenthum von seinem Beginne an eine Vernunftreligion war, d. h. daß ihre religiösen und sittlichen Begriffe aus den Vorstellungen der Vernunft entsprangen, mit den Folgerungen und Schlüssen der Vernunft übereinstimmten. Auf dem unerschütterlichen Boden des Gottglaubens baute der Mosaismus seine Religionslehre vernunftgemäß auf, und — immer den Gottglauben vorausgesetzt — widerspricht in ihm nichts den Forderungen des Verstandes. Um so leichter konnten sich mit ihm auch die Gefühle des menschlichen Herzens vereinbaren, leichter und inniger, als es mit den Gebilden der aus der Phantasie entsprungenen mythologischen Religionen der Fall war. Dies ist es denn auch, was den Religionslehren des Judenthums den dauernden Bestand durch die Jahrtausende sicherte, ihr den theilweisen Sieg in den beiden Töchterreligionen verschaffte untrem eigenthümliches Verhältniß zur Cultur bewirkte. Wer die obige Charakterisirung für zweifelhaft hielte, braucht nur vornrtheilslos in die Einzelheiten dieser Lehre einzugehen. Das Dasein eines einzigen, unendlichen, deshalb unkörperlichen, allweisen und allmächtigen Gottes, Schöpfers der Welt und der Wesen in ihr, der die Vorsehung und die Vergeltung ist, die Gottebenbildlichkeit des Menschen, namentlich in dessen Willensfreiheit und sittlichem Bewußtsein bestehend, die Einheit des Menschengeschlechts und die Gleichheit aller Glieder desselben vor Gott, die Heiligung, die in der Uebung des Rechtes und der Liebe enthalten ist u. s. w. sind Lehren und Begriffe, welche den Schlüssen der Vernunft aus den von ihr gemachten Wahrnehmungen und nicht minder den Gefühlen des Herzens entsprechen. Sobald man nur von dem Gottglanben ausgeht, wird Jedermann diese Lehren und Begriffe als vernunftgemäß erkennen und im Herzen warm empfinden. Deshalb tritt in den Urkunden des Judenthums überall die Forderung hervor: „Erkenne und nimm es wohl zu Herzen", wobei wir nochmals betonen, daß diese Erkenntniß auf dem Boden des Gottglaubens, der „Gottesfurcht" zu stehen und zu beharren habe. Deshalb wurde das Forschen in dieser Lehre jedem Bekenner derselben und jedem Vater der Unterricht seiner Kinder in ihr zur Pflicht gemacht — also nicht etwa eine blindgläubige Uebertragung aus dem Munde des Priesters als geheimnißvolle Kunde, welche so und nicht anders als der Priester es lehrt, gefaßt und bewahrt werden müsse. Auch äußerlich bestätigt sich dies. Denn bei der geschichtlichen Begründung dieser Religion sind 31

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