Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 30 (20.7.1886)
- Date
- 1886-07-20
- Page
- Seite 477 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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477 erschweren, versucht. Den Juden gesellen sich oft deutsche, nach Amerika wandernde Colonisten zu. Aus Galizien, im Juli. Das Monatsbulletin der Alliance isr. univ. vom Juni c. enthält über die jüdischen Schulen in Galizien folgenden Bericht. Im Jahre 1879 votirte der galizische Landtag ein organisches Gesetz über den Elementarunterricht in der Provinz; nach dem Artikel 40 dieses Gesetzes müssen alle Kinder im Alter von 6 bis 12 Jahren eine öffentliche Schule besuchen, und haben Zutritt zu den öffentlichen Schulen, sowie zu den Privatschulen, welche nach dem Reglement der öffentlichen Schulen organisirt sind und von einem Lehrer geleitet werden, der das Diplom für den Elementarunterricht besitzt. Man weiß, daß zur Zeit, als dieses Gesetz erlassen wurde, die israelitischen Kinder die Cheder besuchten, welche von einem Melamed geleitet wurden. Der Zustand dieser Einrichtungen war jämmerlich, sowohl in pädagogischer, wie in hygienischer Beziehung. Die Kinder erhielten keinerlei regelmäßigen Unterricht; die Lehrer, die nur hebräisch gelernt hatten, beschränkten ihren Unterricht aus einige Anweisung im Hebräischen und im Talmud. Seit dem Gesetze von 1873 über den obligatorischen Unterricht hat sich der Zustand verbessert, aber er ist noch weit entfernt davon, befriedigend zu sein. Nach der officiellen Statistik beträgt die Zahl der jüdischen schulpflichtigen Kinder 83,202, davon 42039 Knaben und 41,163 Mädchen. Im Jahre 1883 haben die Hälfte dieser Kinder die öffentlichen oder Privatschulen besucht, 14,821 Knaben und 24,884 Mädchen, zusammen 39,705, mährend 43,497 jüdische Kinder keinerlei regelmäßigen Unterricht erhielten und fortfahre», die Cheder zu besuchen. Man muß sogar hinzufügen, daß die letztere Zahl noch unter der Wirklichkeit steht. Die Verwaltung hat ihre Statistik nur in den Städten und Dörfern aufgestellt, welche öffentliche Schulen oder autorisirte Privatschulen besitzen und es existirt eine große Zahl Dörfer, welche von Israeliten bewohnt sind und gar keine Schulen besitzen, weder eine öffentliche noch eine Privatschule. Man kann dort die jüdischen schulpflichtigen Kinder auf 3000 schätzen. Indem die osficielle Statistik diese nicht in Berechnung zieht, constatirt sie, daß im Jahre 1884 die Zahl der Cheder 1000 betrug, die von 17,251 Kindern besucht wurden. Seit 1873 hat die Zahl dieser Anstalten sich um 200 vermindert. Die Resultate des Gesetzes von 1873 können also durchaus keine brillanten genannt werden, aber es ist gewiß, daß die Abnahme der Zahl der Cheder mehr um sich greifen wird, im Verhältniß je mehr die Eltern Gelegenheit haben, biej wohlthätigen Erfolge der Schulen zu constatiren.! Es wäre ein Jrrthum zu glauben, daß die Eltern dcmj Unterrichte in den Lehrgegenständen des officiellen Programmes! feindlich wären und für ihre Kinder nur den Unterricht im I Hebräischen und im Talmud haben wollten. An allen Orten, wo es ihnen leicht gemacht worden, ihren Kindern Unterricht zu Theil werden zu lassen, profitiren sie davon; aber das Gesetz von 1873 über den obligatorischen Unterricht könnte nur vollständig ausgeführt werden, wenn es den jüd. Gemeinden Schullokale und die nöthigen Lehrer zur Verfügung stellte. Gewiß, die öffentliche Gemeindeschule steht den jüdischen Kindern immer offen, aber in gewissen Theilen der Provinz, besonders im östlichen Galizien, ist es durchaus unmöglich, bei dem gegenwärtigen geistigen Zustände, jüdische Kinder in Schulen zu schicken, die von katholischen Kindern besucht und von Lehrern derselben Confession geleitet werden. Man müßte also den jüdischen Gemeinden dieses Theiles Galiziens zu Hilfe kommen, um ihnen die Mittel zu liefern, wirkliche Schulen zu haben. Später, wenn erst diese Schulen einige Jahre functionirt haben, wenn die Verbreitung der Aufklärung uud der Bildung eine erfreuliche Veränderung in den Begriffen der Bevölkerung herbeigeführt, könnten diese Schulen wieder wegfallen. Man muß hinzufügen, daß wenn die Gemeinden durch das Gesetz gezwungen sind, eine öffentliche Schule zu halten, eine beträchtliche Anzahl von Gemeinden durchaus außer Stande sind, die nöthigen Gelder für diesen Zweck herbeizuschaffen. Man müßte ihnen also Vorschüsse leisten, welche sie nach und nach durch außergewöhnliche Steuern abtragen. Kurz, damit alle jüdischen Kinder eine regelmäßig organisirte Schule besuchen können und um nach und nach die Cheder verschwinden zu lassen, ist es nöthig, daß der Staat den armen Gemeinden zu Hilfe komme für den Bau der Schulhäuser und für die Unterhaltung der Schulen; und daß in den Gemeinden, in denen die Juden ihre Kinder nicht in die öffentlichen Schulen schicken können, oder wo sie zahlreich genug sind, um eine Privatschule zu haben, den jüdischen Gemeinden Zuschüsse gewährt werden, um Privatschulen zu schaffen, die nach einer kürzeren oder längeren Zeit aufgelöst und durch öffentliche Schulen ersetzt werden. Großwardein, im Juli. (Privatmitth.) Angesichts der Versuche, welche noch immer gemacht werden, nm Haß gegen die Juden zu schüren, ist es erfreulich, Aeußerungen hochstehender Persönlichkeiten zu vernehmen, welche den Beweis liefern, daß die Kluft zwischen den Angehörigen der verschiedenen Confesstonen nicht so tief ist. Eine solche Enunciation ist die Antwort, welche der neuernannte hiesige Bischof Arnold Jpolyi, einer der hervorragendsten Kirchenfürsten Ungarns, der zu seiner Begrüßung erschienenen Deputation der hiesigen j israelitischen Gemeinde ertheilt hat. Sie lautet: „Ich freue! mich sehr über Ihre herzliche Aufmerksamkeit und empfangen j Sie hierfür meinen wärmsten Dank. Ich ehre und schätze 'Sie, weil Sie an Ihrem alten Glauben festhalten. Wir I stehen ja auf einer und derselben religiösen Basis auf Grund