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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-20 · Heft 30 (20.7.1886) · p. Seite 472

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 30 (20.7.1886)
Date
1886-07-20
Page
Seite 472 (sequence 8)
Language
German
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472 Dies geschah, Dr. B. hielt dem Jungen seine Thorheit vor und ermahnte ihn, mit seiner Mutter nach Hause zu fahren. Um 6 Uhr kamen Beide zu mir; ich nahm den Abtrünnigen in sanfter, schonender Weise vor und ließ mir seine „Ueberzeugung" vortragen: cs waren die alten abgedroschenen geistlosen Thesen, die Jedermann bekannt sind, am längsten und liebsten verweilte er bei Jesaja 53. Nachdem er geschlossen, widerlegte ich in Gegenwart seiner Mutter und eines alten, erfahrenen und kenntnisreichen Mannes, der mich zufällig besuchte, Punkt für Punkt, und es war interessant zu sehen, wie sich die finstere Stirne des Verirrten nach und nach aufhellte. Am deutlichsten zeigte sich dieses bei meiner Erklärung von Jes. 53, welche nahezu eine Stunde in Anspruch nahm. Daß sich dieses Capitel auf die frommen Exulanten beziehe, daß der „Ebed Adonai" kein anderer sein kann, als der, von dem oben schon Cap. 49, V. 3 ausdrücklich gesprochen ward: „Abdi attah, Jisrael ascher becha ethpaar", daß die bedeutendsten Lehrer der protestantischen Theologie mit dieser Erklärung übereinftimmen (wie z. B. Knobel Jes.), das war ihm ganz neu. Es stellte sich heraus, daß der junge Mann keine Ahnung von der jüdischen, selbst nicht einmal von der biblischen Geschichte hatte, so war ihm die eigentliche Bedeutung des „Maschiach" ganz fremd und anstatt von David zu reden, sprach er von Ahron, als dem Kohen hamaschiach, während er Jonathan ben Usiels Malka meschicha in der ihm geläufigen Beziehung immer im Munde führte. Seine Anschauung über „Elohim", als hätte schon eine Trinität bei der Schöpfung gewirkt, beweist, daß er sich mit hebr. Grammatik gar nicht befaßt habe, was ich ihm durch „bara" und „adonai Josef" klar machte u. s. w. — Kann man von einem Bochur, der von dem 5. bis zum 14. Jahre nichts weiter als Gemara in der bekannten pilpulistischen Weise gelernt, dabei aber von der Bibel, den Propheten der hebr. Grammatik und der Geschichte Israels, also von der Grundlage des jüdischen Glaubens und Wissens in Jerusalem nichts erfahren hatte und außerhalb Jerusalems in Königsberg, London und Hamburg nur Christologie gehört, erwarten, daß er plötzlich andere Ideen bekomme? Dennoch gelang es meinen Bemühungen, ihn für das Wissenswertheste über das Judenthum und dessen erhabene Lehre und große Geschichte und Literatur geneigt zu machen, dessen gründliches Studium ich ihm empfahl. Bei allen Unterweisungen fühlte ich sein reges Interesse sowohl, als auch das Wiedererwachen pilpulistischen Scharfsinns aus den Banden der Mystik heraus. In den: Momente, in welchem ich von der Haltlosigkeit der Idee der Erbsünde und Versuchung mit dem Hinweis auf den Pentateuch, Hosea, Jesaja und Ezechiel gesprochen, wurde die Mutter ohnmächtig und verfiel in ein nervöses Zucken, so daß meine Gattin viel zu thun hatte, bis sie sie ins Bewußtsein zurückrief. Das machte einen sichtlichen Eindruck auf das Gemüth des Sohnes, während die mit ganzer Seele von mir vorgetragenen Hauptlehren unserer Religion seinen Geist stark zu beeinflussen begannen. Nachdem sich die Mutter erholt hatte, etwa um 9 Uhr Abends, verließen uns Beide mit dem Bemerken, daß sie am andern Morgen, an welchem der Sohn sich seine Habseligkeiten aus der Missionsanstalt holen wollte, mir einen Abschiedsbesuch abstatten würden. Sonntag, den 4. Juli 8 Uhr, erschien die Frau recht vergnügt und erzählte, ihr Sohn hätte in der Nacht von mir, wie von seinem Vater gesprochen, was ich als günstiges Zeichen ansah. Er kam einige Stunden später und wiederholte mir, ,,daß er in mir einen Vater erblicke", was mich bestimmte, ihn liebevoll und doch äußerst energisch nochmals vorzunehmen; alle Vernunftgründe, alle mir zu Gebote stehende Beredsamkeit ihn zu begeistern und zu rühren, habe ich aufgewandt — bis ich mit Hilfe Gottes den Sieg über die Nacht davon trug, die sein Herz verhärtet und seinen Geist verdüstert hatte. Bei den Worten Hoseas: Kchu imachem debarim weschubu el Adonai drückte er mir gesenkten Hauptes die Hand, schwieg aber stille, bis ich energisch frug: Im Namen Ihrer frommen Mutter, im Namen des einig einzigen Gottes und unserer heiligen Religion: Wollen Sie umkehren? ein anderer Mensch, ein reiner Jude werden? „Ja", war seine Antwort. „Ich will, daß Sie es mir durch Handschlag geloben, ehe Sie fortgehen!" sprach ich, und er that es; mit seinem Danke „für die empfangenen Liebesthaten" verband er die Bitte, daß ich ihn empfehle und ihm zu einer menschenwürdigen Zukunft verhelfe. Ich versprach ihm mein Fürwort bei Di-. Jellinek und der Alliance Israelite zu Wien, zu deren Aufgabe auch die moralische Hebung unserer Glaubensgenossen gehört, welche ich auch hielt. Nach einer bei mir eingenommenen Mahlzeit versah ich Mutter und Sohn mit Wegzehrung, behändigte ihnen 105 Mk. (100 Mk. von der hiesigen Alliance), forderte noch einmal das heilige Versprechen: Jude zu sein, worauf er wieder die Hand gab, und versprach, es halten zu wollen. Auf mein „Jebarechecha" folgte sein „Amen" und Thränen benetzten meine Hand, auf die er zum Abschiede einen warmen Kuß gedrückt, während die verehrungswürdige Mutter hochklopfenden Herzens, über den Wiederbesitz des verlorenen Sohnes Gott preisend und tausend Segenswünschen — den verlorenen Sohn am Arm — davon zog. — Möge dieser Bekehrungsact seinen Abschluß finden dadurch, daß es der Einsicht derer, denen ich die Sache ans Herz gelegt, gelinge, die richtigen Mittel zu finden zu dem Wege der Theschuba schlema dieses Sprößlings einer ungarischen Rabbinerfamilie! Mögen ferner isr. Eltern an diesem Falle lernen, ihre Kinder so zu befestigen in ihrem Glauben, daß ein Abfall ein Ding der Unmöglichkeit sei, indem sie ihre Kinder sorgfältig unterrichten lassen in den ewigen Wahrheiten der

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