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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-20 · Heft 30 (20.7.1886) · p. Seite 471

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 30 (20.7.1886)
Date
1886-07-20
Page
Seite 471 (sequence 7)
Language
German
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471 selben unter großen inneren und äußeren Kämpfen mit der Mutter, die er vor 3 Jahren verlassen und die er durch seine bisher geführte Correspondenz in dem Glauben bestärkte, er sei jüdischer Privatlehrer und ernährte sich gut, zusammen. Es war ein herzbrechender Anblick, wie der finstere, fast unmenschlich aussehende Sohn seiner vor Erregung bebenden und krampfhaft zuckenden, dabei lärmenden und jammernden Mutter in die Arme fiel. In ihrer 2—3 ständigen Unterredung behauptete er fest, von der Wahrheit der christlichen Lehre überzeugt zu sein und meinte selbst, für den Fall, daß er der Mutter nach Wien folgen sollte, er seiner „Ueberzeugung" treu bleiben werde, was er auch vor mir oft wiederholte. Die Mutter, die nicht von dem Sohne weichen wollte, begleitete ihn auch in den Garten Proselytenheims, wo sie in heiliger Entrüstung dem Pastor Bacher, dem getauften Vorsteher dieses Instituts, unter heftigen Ausfällen die Wahrheit sagte, dasselbe bei der zweite Zusammenkunft mit ihm in noch größerer Beherztheit wiederholend. Es nützt Alles nichts: Der Sohn blieb verstockt, meinte aber anfangs, er wolle mit der Mutter nach Hause fahren, was er wieder nach einer Besprechung mit seinem „geistlichen Vater" zurücknahm. Jede Hoffnung auf ein günstiges Resultat war aufgegeben. Trostlos in unsäglichem Jammer wollte die Frau unverrichteter Sache abreisen, und auch ich, der ich bei der ersten Rücksprache mit ihrem verlorenen Sohne die Ueberzeugung gewonnen, daß kein Licht diese finstere Seele erleuchten und keine mütterliche Liebe und keine mütterliche Aufopferung sein hartes Herz rühren können, verzweifelte an irgend einem Erfolg. Die ganze Nacht vom Donnerstag auf Freitag nachdenkend, ging ich Freitag Morgens zum Präses des hiesigen Alliance-Comitees, Herr H. Gumperz und bat ihn, mit mir zum Rechtsanwalt, Herrn Di-. Belmonte, zu kommen, um die Sache dort gründlich zu erwägen. Wir kamen überein, um jeden Preis dafür einzutreten, daß die Mutter ihren 18jährigen Sohn, der (vielleicht aus Noch oder Arbeitsscheu) schon vor einem Jahre in Königsberg getauft wurde, von Königsberg nach London und von da nach Hamburg gekommen war, um sich als Missionär auszubilden, der aber den Seinen Alles verschwiegen, auf jeden Fall requirire. Der genannte Advocat und Redacteur der „Reform" und des „Tribunal", dem ich die Mutter zugeschickt, notirte nun die Personalien, wobei angegeben wurde: „Juda Holzmann wurde als ehelicher Sohn des Rabbiners Pollak aus Szilagy Chep-Ungarn einige Monate vor des Bakers Tode im Hause seines Großvaters, des Rabbiners Ascher Anschil Neumann zu Waitzen bei Pest geboren. (Der Name Holzmann statt Pollak wurde später angenommen.) Mit letzterem wanderte die bald verwittwete, jetzt zum zweiten Male verheirathete Frau Jittel, gen. Julie Rosenberg und mit ihr die drei Kinder aus erster Ehe — der drittgeborene ist Juda — nach Jerusalem, woselbst Juda bis nach seiner Bar-Mizwah dem Talmudstudium obliegend, verblieb. Nach Rückkehr der (in Jerusalem mit dem Sprachlehrer Herrn Rosenberg wiederverheiratheten) Mutter nach Europa (Wien), verließ Juda sein Elternhaus, ging nach Deutschland, wo er in Königsberg einige Zeit und bei Königsberg als jüd. Lehrer, Bochur, fast 2 Jahre lebte. Bon Königsberg, wo er in die Hände der Mission gerathen, ging er via Hamburg nach London, auf welcher Fahrt er Schiffbruch erlitten, aber gerettet in einem Hospital der Mission in London Unterkunft gefunden; von dort zu Beginn des Jahres 1886 nach Hamburg geschickt, hielt sich derselbe in dem genannten „Heim" auf, in welchem er schon „gepredigt" und andere wenig Unterrichtete in der christlichen Glaubenslehre unterwies. Er spricht Arabisch, Spanisch und Englisch ziemlich gut. — Mit seiner Familie stand er stets im Briefwechsel, gab an, er unterrichte überall jüdische Kinder im Jüdischen, bis sein Stiefvater, der Lehrer Rosenberg, theils aus manchen brieflichen Aeußerungen geschlossen, theils aus der Lektüre von Zeitungen erfahren, daß das Quartier „Wandsbeck, Börsenallee 6" die christl. evang. Missionsaustalt sei. Dieses ahnend, reiste die Mutter, nachdem ssie fünf Kinder und einen Säugling an der Brust der väterlichen Fürsorge übergab, über Berlin nach Hamburg." Das protocollirte der Rechtsanwalt und erhielt noch in meiner Gegenwart von der Mutter die „Vollmacht", ihren Sohn für den Fall, daß er nicht freiwillig ihr folgen sollte, behördlicherseits zu requiriren. Die Mutter entfernte sich, um noch einmal ihren Sohn zu sprechen und zu veranlassen, mit ihr abzureisen. Der inzwischen bearbeitete junge Mann betheuerte unter Weinen und Wehklagen, daß er nicht gehen und umkehren könne, worauf die Frau unter erregten Exklamationen gegen die Verführer ihres Kindes in Beider Gegenwart mit Anzeige bei der Behörde drohte und dann in meine Wohnung zurückkehrte. Freitag Abend, während des Gottesdienstes im Tempel, wendete sich ein mir bekannter, einflußreicher Israelit, der von der Angelegenheit unterrichtet wurde, an mich mit den Worten: „Der k. k. Oest.-Ung. General-Consul Baron von Westenholz läßt Ihnen sagen, daß Sie auf seine energische Unterstützung rechnen können;" es waren Worte, die mich sehr ermuthigten, ausdauernd die Sache der Mutter zu vertreten. Sonnabend 12 Uhr Mittags entsendete Pastor Bacher einen Täufling an mich, mir mitzutheilen, daß er gegen den Abgang Juda Holzmanns nichts einzusprechen hätte, er könnte jederzeit das „Heim" verlassen. Ich beschied dem Genannten: Punkt 3 Uhr Nachmittags müsse der Sohn mit seiner Mutter beim Advocaten Herrn Dr. Belmonte Zusammentreffen.

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