Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 30 (20.7.1886)
- Date
- 1886-07-20
- Page
- Seite 470 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227609-3227640--43686-3264061- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
470 die Zwietracht int Lager des deutschen Schulvereines bereits einen katholischen Schulverein hervorgerufen, wie andererseits die antisemitische Strömung in Schulkreisen ein Projekt zur Gründung eines jüdischen Gymnasiums hervorgerufen hat, welches von hochachtbarer Seite zuerst in einem jüdischen Blatte Wiens angeregt wurde, aber sofort heftigen Widerspruch fand. Unsere Meinung ist in diesem Falle, daß, so wünschenswerth in religiösem Interesse confessionelle Volksschulen wären, schon ans dem Grunde, um den Kindern im zartesten Alter die Verhöhnung seitens ihrer Lehrer und Mitschüler zu ersparen, ebenso bedenklich wäre es in der heutigen Zeit ein confessionelles Gymnasium zu errichten, zumal ein solches auch für andere Confessionen nicht besteht. Man könnte höchstens die von den Klöstern erhaltenen als solche bezeichnen, aus öffentlichen Mitteln jedoch wird unseres Wissens in Oesterreich keines erhalten. Von Interesse für die Judenheit sind einige in letzter Zeit vorgekommene Gerichtsverhandlungen. Ein Herr, der merkwürdiger Weise Ferdinand Mandl heißt und Hausbesitzer in Grunzing bei Wien ist, hat an sämmtliche dortige Hausbesitzer eine Flugschrift vertheilen lassen, worin er vor Vermiethung der Sommerwohnungen an Juden warnt. Dafür mußte er sich vor dem Strafgerichte verantworten und wurde zu einer Strafe von 100 fl. verurtheilt, wogegen der Staatsanwalt Dr. von Pelser die Berufung anmeldete wegen ungerechtfertigter Milderungsgründe. In seiner höchst bemerkenswerthen Rede nannte der Staatsanwalt den Antisemitismus den Schandfleck des Jahrhunderts. Ein gerichtliches Nachspiel hatte auch der Umstand, daß der bekannte antisemitische Rcichsrathscandidat Schneider an einen galizischen Apotheker Namens Lachovicz, der sich über das schlechte Polnisch eines an ihn gerichteten Circulärs beschwerte, eine Correspondenzkarte schickte voll der gröbsten Jnvectiven, die mit den Worten schloß: „Mit der einem Juden gebührenden Achtung." Der Angeklagte wurde freigesprochen, weil der Gerichtshof von der Annahme ausging, daß einem Juden die gleiche Achtung gebühre, wie jedem anderen Menschen. Der dritte Fall grenzt mehr an das Komische. Ein Wiener Bürgerschullehrer vr. Schleif hatte den Professor Mussafia, der an der Wiener Universität romanische Sprachen docirt, auf der Straße derartig insultirt, daß die Wache cinschreiten mußte, weil Professor Mussafia ihn schon dreimal bei der Lehramtsprüfung hatte durchfallen lassen. Bei Gericht gab der Angeklagte zu Protocoll, daß seine Erregung eine berechtigte gewesen sei und Professor Mussafia ihn nicht wegen mangelhafter Kenntnisse, sondern aus reiner Gehässigkeit habe durchfallen lassen. Der Grund zu dieser Gehässigkeit sei der, daß er", vr. Schleif, aus Ueberzeugung zum Christenthume übergetreten sei, während Mussafia als Maranne, trotzdem er sich äußerlich dem christlichen Bekenntnisse gefügt habe, ihn, den gesinnungstreuen Neophyten verfolge. Mussafia ist ein Enkel des Rabbiners von Spalatro, über dessen Tod in einem der ersten Bände des Kerem-Chemcd berichtet wird. Auch sein Vater war, wenn ich nicht irre, daselbst Rabbiner und stammt direct von dem berühmten talmudischen Lexikographen Benjamin Mussafia, dem Leibarzt der schwedischen Königin Christine. Soweit mir bekannt ist, hat er sich stets durch seine streng kirchliche Haltung vor dem Vorwurfe bewahrt, der Professur und dem Hofrathstitel zu Liebe dem Judenthume abgeschworen zu haben, andererseits zeigt sich in diesem an sich belanglosen Falle die traurige Thatsache, daß alle jüdischen Neophyten, die als Juden ostentativ gegen alle Religion Gleichgiltigkeit zur Schau trugen, als Christen eine Gläubigkeit zur Schau tragen, die alle geborenen Christen staunen macht. Mir ist die Frau eines Advocaten bekannt, die, in einem kleinen Orte lebend, am Versöhnungstage mit Ostentation Landpartien unternahm, jetzt, nachdem sie vor einem Jahre zur allein seligmachenden Kirche übergetreten ist, im strengsten Winter um fünf Nhr Morgens die Messe besucht. Auch Ferdinand Kürnberger erzählt von seinem Freunde August Lewald die interessante Geschichte, daß, als er eines Sonntag Morgens mit seinem Freunde durch die Straße von München ging, dieser ihn plötzlich mit vorwurfsvollem Blicke ansieht mit den Worten: „Gehen Sie denn nicht in die heilige Messe?" „Mich, den geborenen Katholiken", sagt Kürnberger lustig, „fragt der geborene Jude, Gehen Sie denn nicht in die heilige Messe?" Wie gerne wollten wir doch auch lachen, wenn es uns nichts anginge oder wie der Dichter sagt: „Es wäre eine Geschichte zum Todtlachen, wenn sic nicht so traurig wäre." Hamburg, 7. Juli 1886. Die Mehrung eines angehenden Missionars. Donnerstag, am 1. Juli a. e., trat in meine Studirstube eine Frau ein, die sich als Jitel, Julie Rosenberg verwittwete Rabbinersfrau Pollak, geb. Neumann, Tochter des Oberrabbiner Anschil Neuman ans Waitzen (zu Jerusalem vor 5 Jahren gestorben) legitimirte und mir ein Schreiben meines Lehrers und Freundes Herrn Lector I. H. Weiß- Wien überreichte des Inhalts: ich solle ihr mit Rath und That zur Wiedererlangung ihres von der evangel. Mission zum Abfall verleiteten, im Hamburg-Wandsbecker Proselytenheim sich aufhaltenden Sohnes beistehen. Ich zögerte keine Weile, begab mich sofort mit der unglücklichen Mutter dorthin; an der Pforte stehen bleibend, ließ ich Juda Polak, genannt Holzmann — das ist der Name des 18 jährigen Menschen — herausrufen und führte den-