Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-20 · Heft 30 (20.7.1886) · p. Seite 469

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 30 (20.7.1886)
Date
1886-07-20
Page
Seite 469 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227640--43685-3264060
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

vielen seiner Standesgenofsen ist die Socialpolitik jetzt Mode geworden. Die Herren thun gerade so, als gäbe es gar keine Geschichte, als wüßte man nicht, daß ihre immensen Reichthümer, denen gegenüber der angeblich ungeheure Besitz der Juden verschwindend ist, entstanden sind, theils durch die Leibeigenschaft der durch den Liberalismus befreiten Bauern, theils sogar durch einfachen Raub, theils durch das Uebergewicht, welches sie als ausschließlich herrschende Classe im Staate sich verschafften. Dieselben Herren, welche, um ihrer Familie das gleiche ungeheure Vermögen zu erhalten, sich Fideicommisse verschaffen, welche unter der gegenwärtigen Regierung überhaupt eine bedrohliche Zahl annehmen, wagen es, von Capitalismus zu sprechen, wo doch das Capital immerhin ein fluctuirendes Vermögen darstellt, während das Fideicommiß den Besitz an eine Familie bindet. Fürst Liechtenstein hat es für nothwendig befunden, bei der Berathung über die Arbeitergesetze den Umstand zu erwähnen, daß die Arbeiter in den galizischen Naphtagruben, welche mit Ausnahme von dreien in dem Besitze von Juden sind, so schlecht behandelt werden. Ich will nun nicht davon sprechen, daß noch nicht vier Decennien verflossen sind seit der Zeit, wo der Bauer die wichtigste Arbeit liegen lassen mußte, wenn es dem Gutsbesitzer des Fürsten von Liechtenstein einfiel zur Stadt ins Theater zu fahren, aber ich möchte seiner Durchlaucht die Frage vorlegen, warum denn die Leute noch heut zu Tage die Gutsbezirke verlassen und nach den Jndustrialorten gehen, um Arbeit zu suchen. Es kommt einfach daher, weil sie für schwere, oft 14—15 ständige Arbeit nur Hungerlöhne erhalten. Tie Herren Clericalen haben übrigens an dem antisemitischen Treiben ihre helle Freude und thun das ihrige dazu, um es zu schüren. So erzählen sie die merkwürdige Geschichte, daß einige Juden in eine rumänische Kirche während des Gottesdienstes eindrangen und dort einen Tumult hervorriefen. Die armen Juden in Rumänien, die keinen Augenblick vor den gefährlichsten Gewaltthaten sicher, sind gewiß daran unschuldig und die Clericalen Oesterreichs wissen sehr wohl, daß dieses Gerücht eine bloße Erfindung ist, aber trotzdem verbreiten sie es gerne, um der Welt wieder einmal das Märchen von der Anfeindung der christlichen Religion durch die Juden auftischen zu können. Das „Vaterland", das Organ der Clericalen, hat in letzter Zeit sich von dem bekannten Wiener Antisemiten Schneider die Geschichte erzählen lassen, daß der getaufte Jude vr. Wolf Eppinger über 8000 fl. Gehalt für die Vertheidigung der Anarchisten beziehe, darunter auch einen Theil von Rothschild, welcher die Anarchisten fördere, um durch dieses Schreckensgespenst die Regierung für das capitalistische Judenthum günstig zu stimmen, ebenso sei der Abgeordnete vr. Jacques mit dem Führer der Anarchisten in Wien, einem gewissen Brady, auf vertrautestem Fuße gestanden. Das „Vaterland" mußte sich darauf die Berichtigung gefallen lassen, daß vr. Wolf Eppinger die ganze Thatsache schon deswegen als Erfindung stempeln kann, weil er in einem Processe von Schneider selbst mit 3036 fl. bezahlt wurde und vr. Jacques versichert den Anarchisten Brady nie gesehen zu haben. Außer dem Parlamente war der deutsche Schulverein zunächst das Forum für die Discussion der Judenfrage. Seit langer Zeit wühlen daselbst die Deutschnationalen, die Vorkämpfer für die Reinheit der Race, um die Juden auszuschließen. Lange Zeit sah die Leitung diesem Treiben ruhig zu, ja sie machte sogar Concessionen, indem sie demonstrativ die Anstellung von Juden als Lehrer vermied und in ihrem Centralausschusse sogar Herrn von Schönerer einen Platz gönnte. Erst als die Antisemiten, dadurch sicher gemacht, die ganze Herrschaft im Schulvereine an sich ziehen wollten, als einzelne Ortsgruppen, wie zuerst die akademische der Wiener Universität in ihre Statuten — Vergebung, Satzungen sollte ich sagen — die Bestimmung aufnahm, daß Juden nicht Mitglieder werden dürfen, da mußte die Schulvereinsleitung Farbe bekennen und schied die renitenten Ortsgruppen, welche diese Bestimmung nicht zurücknehmen wollten, aus. vr. Weitlos, der Präsident des Schulvereins, suchte übrigens trotzdem den Antisemiten gegenüber eine conciliante Haltung zu bewahren, indem er in seiner auf der letzten Hauptversammlung in Wien gehaltenen Rede sagte, politische Ueberzeugung sei Jedermanns Privatsache, nur dürfe der deutsche Schulverein seinem Vorsatze einzig und allein das Geltungsgebiet der deutschen Sprache in seinem Bestände zu schützen, nicht dadurch untreu werden, daß er irgend eine politische oder consessivnelle Partei ausschließlich ergreift. Man sieht daraus, daß man an der Wiedergewinnung der abgefallenen Deutschnationalen eifrig arbeitet und sieht auch andererseits, wie weit es in dem liberalen Oesterreich von 1867 schon gekommen ist, wenn die Antisemiten jede Transaktion verschmähen. Trotz dieser zahmen Erklärung vr. Weitlofs bleibt er für Schönerer und Genossen Judenknecht und mußte sich gefallen lassen, daß die deutsche Lesehalle der Wiener Studenten ihm das Ehrenmitgliedsrecht, welches er in richtiger Vorahnung der kommenden Ereignisse zurückgelegt hatte, demonstrativ entzogen. Uebrigens hat ein Bazar, welcher für die Zwecke des deutschen Schulvereins im Wiener Rathhause veranlaßt wurde, von Juden mancherlei Förderung erfahren, wie daraus hervorgeht, daß ein jüdischer Reichsrathsabgeordneter auf demselben alle gekauften Gegenstände mit Dukaten bezahlt haben soll, was wir gerne als Erfindung ansehen würden, weil es dem Interesse des Gesammtjudenthums sicherlich abträglich ist, wenn einzelne Juden in einem solchen Falle demonstrativ auftreten. Uebrigens hat

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.