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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-20 · Heft 30 (20.7.1886) · p. Seite 468

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 30 (20.7.1886)
Date
1886-07-20
Page
Seite 468 (sequence 4)
Language
German
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468 bildet, welches überdies vielleicht noch durch Gefälligkeit seiner Glaubensgenossen ihm creditirt wird, geht von Dorf zu Dorf, überall mit Hohn und Spott empfangen, oft von trunkenen Bauern gefährdet, selbst aus Gewinnsucht hie und da bedroht, wie mir einige Fälle bekannt find, wo arme jüdische Hausirer von christlich-germanischen Bauern in Keller gelockt und dort wegen einer kleinen Baarschaft ermordet wurden, und bringt es kaum dahin, sein und der Seinigen Leben zu fristen. Ein anderer geht in der Stadt mit Kurzwaaren oder ähnlichen Luxusartikeln hausiren, für welche gerade dieser Hausirhandel eine große Quelle der Verbreitung dieser Products der arbeitenden Hand ist. Nun können wir doch fragen, was bedeutet dagegen der Schaden, den die Hausirer durch Anbringen von schlechten Losen oder ähnlichen Effecten anstiften? Oder hält man etwa das Einkäufen alter Kleidungsstücke, wegen welcher arme Teufel die Stadt mit ihrem eintönigen „Handel kauft"-Gesange durchziehen, um sie gegen einen kleinen Nutzen an Trödler weiter zu verkaufen, wirklich für ein so großes sociales Uebel? Will man nicht dem armen Juden, dem sein Vater kein Bauerngut hinterlassen konnte, den er vielleicht, weil der christliche Meister ihn nicht in die Lehre nahm, auch ein Handwerk nicht erlernen lassen konnte, die letzte Quelle des Erwerbes abschneiden? Da freuen wir uns doch, sagen zu können, daß das jüdische Gesetz, ivenn wir es Ausländern gegenüber zur Geltung zu bringen in der Lage wären, uns gebietet: „Wenn ein Fremder sich unter Dir aufhält, sollst Du ihn nicht kränken," während der gerühmte christliche Geist der Liebe, um dessen Nichtanerkennung willen man uns verfolgt, dieses Gesetz wohl auch unter die Gesetzesknechtschaft stellt, von welchen das Evangelium die Welt befreit hat. Wie ich seiner Zeit bei der Theilung der früheren „Vereinigten Linken" in den „Deutschen und Deuschösterreichifchen Club" prophezeit hatte, daß der elftere ein principicll antisemitischer sei, ist es thatsächlich eingetroffen. Di-, Lueger, ein demokratischer Abgeordneter von jener Species, welche alle ihre Gegner des Streberthums und des Eigennutzes beschuldigt, findet die Gelegenheit beim Arbeiter- Unfall-Versicherungs-Gesetz zu sagen: „Es gilt mir das Recht der Arbeiter gleich, ob einer Katholik, Protestant oder Jude ist." Da wenden die Abgeordneten Richter und Derschatta ein: „Juden sind keine Arbeiter." Mir scheint es sehr fraglich , ob diese beiden Herren ihre Kinder zu Steinklopfern erziehen werden, aber ein Beitrag mag das zur Stellung des nationalen Dentschthums gegen uns sei». Uebrigens haben die Herren Antisemiten gar keine Gelegenheit vorübergehen lassen, um die Juden in die Debatte zu ziehen. So hat Herr Türk, besonders bei der Verhandlung über den Petroleumzoll, etwas Vorzügliches geleistet. Hier hatte nämlich Sueß im Interesse der galizischen Petroleumgruben den Antrag gestellt, eine Controle einzuführen, die es ermöglichte, dem bisherigen Defraudationsivesen auf diesem Gebiete zu steuern, weil es nämlich ein offenes Geheimniß ist, daß raffinirtes Petroleum in verunreinigtem Zustande vom Auslande hereingebracht wird, um hier den Zollsatz des rohen zu erlangen. Dieser rein sachliche Antrag wurde von der Regierung aus politischen Rücksichten bekämpft und Herr Türk unterhielt das Haus mit folgendem ernst gemeinten Witze: „Im Interesse der großen Juden, Rothschild u. s. w. liegt es, den Antrag Sueß nicht durchzubringen, denn diese haben im Kaukasus große Petroleumraffinerien, im Interesse der kleinen Juden, welche in Galizien Petroleumgruben besitzen, liegt der Antrag Sueß, dieser hat daher in seinen Sympathien geschwankt, bis endlich die Ueberzeugung bei ihm zum Ausdrucke kam, daß das Interesse der kleinen Juden darum vorzuziehen sei, weil er damit zugleich die Regierung angreifc." Darauf riefen ihm einige Stimmen zu: „Zu dumm!" Etwas anderes läßt sich thatsächlich nicht darüber sagen. Am richtigsten hat der Präsident des Abgeordnetenhauses, vr. Smolka, geurtheilt, wenn er sagt, daß man am besten thue, die Reden dieser Herren unbeachtet zu lassen und es scheint, daß sie selbst fühlen, wie schwer sie ihrem Auditorium zur Last fallen. So ist es erklärlich, daß Herr Türk, der doch ein Wundarzt ist, sich ostentativ einen Bauern nennt und Herr von Schönerer auf eine Bemerkung des Abgeordneten vr. Exner über den traurigen Geisteszustand dieses Herrn die tiefsinnige Aeußerung thut: „Besser ein Narr, wie ein schlechter Kerl", worauf tvieder Exner die Gegenbemerkung machte: „Noch besser ist, Keines von Seiden zu sein." Man sieht also, die Herren Antisemiten thun wie ein ungezogenes Kind, welches wegen einer Unart bestraft, dieselbe trotzig wiederholt, um doch mindestens consequent zu sein. Gönnen wir den Herren dieses Vergnügen. Die antisemitische Partei hat sich bei politisch ernst denkenden Leuten um alle Reputation gebracht, sie erinnern — es wird wohl dem politischen Berichterstatter eines jüdischen Blattes erlaubt sein, die Erzählungen der Bibel auch für die Politiker der Gegenwart als typisch zu halten — an Midjan, den ältesten Feind des Gottesvolkes, welches von den 300 Mann Gideons geschlagen wurde, indem der Herr kehrte das Schwert des einen gegen den andern. Wenn mir die Herren Antisemiten es übel! nehmen sollten, daß ich sie mit Midjan, einem semitischen Stamm vergleiche, so bitte ich zu bedenken, daß diese Leute,! nach der Auslegung des Traumes im Buche der Richter zu! schließen, jedenfalls sehr phantasiereich gewesen sein müssen, was also ein sehr ehrenhaftes tsrtium eoiuxarntionis zwischen ihnen und ihren Nachfolgern vom neunzehnten Jahrhundert abgeben kann. In einem den Juden gegnerischen Interesse ist auch der Fürst Alois Liechtenstein aufgetreten. Bei diesem Herrn und

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