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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-20 · Heft 30 (20.7.1886) · p. Seite 467

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 30 (20.7.1886)
Date
1886-07-20
Page
Seite 467 (sequence 3)
Language
German
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467 wieder zu jener reineren und vernunftgemäßeren Anschauung heransringen müsse, und in welcher er den sichern Boden des Gottglaubens niemals verlassen dürfe. Hierfür sind das Ende des Buches Jonah, das ganze Buch Hiob und Kohelet vollgiltige Zeugnisse. 0 Brünn, im Juli 1886. Politische Driefe aus Oesterreich. Von Dr. G. Deutsch. II. Die nunmehr zu Ende gegangene Legislaturperiode unseres Reichsrathes hatte sich durchwegs mit handelspolitischen Angelegenheiten zu befassen und trotzdem blieben wir nicht verschont. Unsere Altvordern hatten dafür das Sprüchwort: „Es fällt kein Stein vom Himmel, er träfe nicht uns." Zuerst war von dem Zoll- und Handelsbündniß mit Ungarn die Rede, eine der delicatesten Fragen, welche der Reichsrath überhaupt zu behandeln hat, denn einerseits will man, um den mühsam geleimten Dualismus nicht zu gefährden, die Erregung der Gemüther vermeiden, und andererseits hat jeder Theil das Bestreben, der Gewinnende im Vertrage zu sein. Dr. Pattai, der als Antisemit gewählte Abgeordnete des sechsten Gemeindebezirkes, hatte bei dem Posten Schmuckfedern die Interessen dieses Artikels, welcher hauptsächlich in dem von ihm vertretenen Wiener Bezirk erzeugt wird, die Lage dieser Industrie zur Sprache gebracht, dabei polemisirte er gegen den Abgeordneten Süß, welchen man gerne für einen Juden ausgiebt und meinte, „Süß ist der Ansicht, daß wir die Pflicht hätten, die Vermittler des Handels zwischen Ost l) Es spielt sich jetzt in Frankreich, wenn auch in geringerem Umfange, ganz dasselbe ab, was wir in Deutschland jetzt hinter nns baben. Wenn ein antisemitisches Buch einigen Erfolg gehabt, so findet es alsbald Nachahmer. So erschien in diesen Tagen „La, question .iuive“ von einem gewissen de Bilz. Die deutschen Antisemiten behaupteten stets, daß nur die geringzähligere jüdische Bevölkerung in Frankreich und die verhältnismäßig größere Anzahl von jüdischen Beamten, Osfizieren, Literaten u. s. w. dem Antisemitismus in diesem Lande den Raum versage. Diese Gründe sind also nicht mehr stichhaltig. Auch in Frankreich versucht der Antisemitismus sich Raum in schossen und wird auch dort von der Oberfläche wieder verschwinden. Es sind also nicht die Juden, die durch ihre große ^ahl und Ausschließlichkeit den Antisemitismus Hervorrufen, sondern die alte feindselige Gesinnung, von der sich die Geister auch heute noch nicht frei machen können. Wer auch nur einen Blick in das voluminöse Pamphlet von Drumonts La France juive wirft, wird sich überzeugen, daß doch in keiner deutschen antisemitischen Schrift io viel Unsinn zusammengehäuft ist, wie in jenem Machwerk, das durch den Lärm der Journalisten bereits zu 70,000 Exemplaren vers breitet ist. Da werden z. B. Napoleon I, Marat n. A. zu Juden ge- J macht!! Aber auch Herr Bilz läßt es an Unsinn nicht fehlen, seine öauptthese ist: die Revolution von 1780 ist von den Juden gemacht, weil diese davon Nutzen gezogen! Daß mit solchen Gegnern nichts zu streiten ist, sieht Jeder leicht ein. Desto eher kann man hoffen, * daß auch das französische Publikum dieser Lektüre bald überdrüssig sein wird. — und West zu sein, ich aber finde, daß wir schon zu viel Händler aus dem Osten herbeigezogen haben. Es ist freilich nur ein kleiner Hieb, aber man sieht, Dr. Pattai, der politisch bedeutendste unter den vier antisemitischen Reichsrathsabgeordneten, von dem viele meinen, er werde wie Professor Wagner in Berlin auch über kurz und lang finden, daß es unrecht und schädlich sei, für Alles und Jedes immer nur die Juden zu Prügelknaben zu machen, derselbe Pattai, der sich auf verschiedene Gerüchte hin veranlaßt sah, in einer Versammlung seiner Wähler zu erklären, er wolle ein guter Deutscher und treuer Antisemit bleiben, sieht sich verpflichtet, seine antisemitische Gesinnung, wenn es nicht anders geht, doch mindestens durch einen schlechten Witz zu documentiren. Von dem Gründer der antisemitischen Partei, Herrn von Schönerer, ist Pattai schon längst als ein unechter Antisemit, als Tscheche und Clericaler in Acht und Bann gethan. Die anderen Antisemiten suchen das Judenthum in dem Hausirwesen zu bekämpfen. Wir gönnen ihnen dieses Vergnügen und, offen gestanden, fühlt sich Schreiber dieses nicht in solchem Maße als Autorität in volkswirthschaftlichen Dingen, um zu entscheiden, ob das Hausirwesen im Großen und Ganzen mehr Schaden als Nutzen bringt. Sicher ist so viel, daß es außer den Juden noch eine Reihe von überflüssigen Hausirern giebt. Da sind zunächst die „Hergöttelhändler" des deutschen Kram, die sogenannten „Gottscheerer", deren Maaren, wie mir scheint, doch auch durch Kaufläden vertrieben werden können; ferner sind die zahlreichen italienischen Küstenländler, welche alle Welt mit ihren Südfrüchten unsicher machen, deren Geschäfte, da es zumeist in einer Art Lottospiel besteht, wo die aus dem Beutel des Hausirers gezogene Nummer entscheidet, ob der Betreffende die Waare erhält oder den Einsatz verliert, doch sicherlich keine redliche gewerbliche Thätigkeit genannt werden kann, zumal sie sich am liebsten in Wirthshauslokalen zeigen zu einer Zeit, wo man den Gästen nicht völlige Zurechnungsfähigkeit über ihre Handlungen zutrauen kann. Dann kommen die türkischen Delieateffenhändler, zum größten Theile Südslaven, deren Einfluß auf die Schuljugend, die ihnen ihr Taschengeld zuführt, sicherlich kein wohlthätiger genannt werden kann; des Weiteren ist die hansirende Nation der Slovaken zu nennen, welche mit Taschenmessern, Holzschnitzereien, Gläsern, Teppichen, Leinen- und Baumwollwaaren den Winter über, zum Theile auch das ganze Jahr, die Monarchie übersluthen. Wenn diese nun auch theilweise mit eigenen Erzeugnissen hausiren, so kann doch nicht geläugnet werden, daß sie den ortsansässigen Kaufmann schädigen, und alle diese sind ebenso wenig Juden wie die Korbflechter, Bürstenbinder und Weber des nördlichen Mährens und Böhmens. Sehen wir uns dem gegenüber die Juden an. Der arme Jude, dessen Waarenpack sein ganzes Vermögen 30*

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