Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 30 (20.7.1886)
- Date
- 1886-07-20
- Page
- Seite 466 (sequence 2)
- Language
- German
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466 Lehre nicht verneinten Unsterblichkeitsglauben, ohne jedoch jemals dem mosaischen Impuls untreu geworden zu sein, das Werk des irdischen Lebens durch Unsierblichkeitsschwärmeret zurückzudrängen und in die Schatten der Mißachtung zu versetzen. Die Beweise hierfür haben wir in der gedachten Abhandlung durch alle späteren Zeiten des Judenthums geführt. Aus der Zeit vor dem Entstehen des Christenthums wollen wir hier nur noch den einen Umstand erwähnen, daß es der vornehmen Sekte der Sadducäer zum Charakteristikum und Vorwurf gemacht wurde, die Unsterblichkeit zu leugnen, weil sie eben nicht von Moses buchstäblich ausgesprochen sei. Das Volk hing aber den Gegnern der Sadducäer an und diese verschwanden mit dem Falle Jerusalems, wobei es bezeichnend ist, daß die den Sadducäern nachfolgenden Karäer gerade den Unsterblichkeitsglauben in ihren Dogmenkreis ausgenommen haben. In den talmudischen Schriften kommt die Unterscheidung zwischen “ G^y und Nnr: 'y zu oft vor, als daß wir es besonders hervorzuheben brauchten. — Ebensowenig hat Brunetiöre Glück mit seiner Berufung auf einen jüdischen Schriftsteller hinsichtlich seines zweiten Punktes, von dem mystischen Ideal des Christenthums und dem leiblichen (cliarnel) des Judenthums. Er selbst weicht schon etwas zurück, indem er das cliarnel (eigentlich „fleischlich") mit terrestre „irdisch" erklärt. Er beruft sich auf eine Stelle voll Jalnes Darmestetter in dessen „Coup d’oeuil sur Thistoire des juives“, wo dieser sagt: im nach biblischen Judenthum seien die beiden Dogmen von der Einzigkeit Gottes und dem Messianismus vorherrschend geblieben, und der letztere bedeute die Herrschaft des Friedens und der Gerechtigkeit in der gesammten Menschheit. Das sei, meint Brünettere, doch nichts weiter als das irdische Leben. Wir wollen nun nicht einmal geltend machen, daß ein solcher Messianismus, der das Streben und die Entwicklung des Menschen in die immer mehr sich verbreitende, verstärkende und vertiefende Herrschaft des Rechts und des Friedens versetzt, gewiß ein höchstes Ideal enthält; auch nicht, daß das Christenthum mit der Ausbreitung des „Gottesreiches" wohl auch nichts Anderes meint — sondern wir fragen nur, meint denn Darmestetter mit der Betonung jener beiden Dogmen, daß mit diesen der Inhalt des Judenthums erschöpft sei? Will er damit anerkennen, daß dasselbe außer jenen beiden gar keine andere enthalte? Gewiß nicht; er will mir diese beiden als wesentlich charakteristische hervorheben; er wurde ja sonst auch sehr irren — die Lehre von der Belohnung und Bestrafung nach dem Tode durch das göttliche Gericht, die Lehre von der göttlichen Offenbarung und andere werden von dem Judenthume als integrirende Elemente aufrecht erhalten. So hat Brunetiere mit seiner Berufung auf jüdische Autoren nur fehlgegriffen uud seine Behauptungen nicht um ein Haar breit mehr erhärtet. — Endlich kommt er auf den Hinweis Franks, daß jener Unterschied zwischen dem mystischen leiblichen oder irdischen Ideal im Christenthume und Judenthume schon deßhalb hinfällig sei, weil beide Religionen dieselben Grundbegriffe hätten, und das Christenthum sie aus dem Judenthume entlehnthabe. Dem setzt Br. zweierlei entgegen: Wenn dies so sei, so müßte auch der Mohamedanismus, der im gleichen Falle sei, herangezogen werden. Nun, das erkennen wir auch an und betrachten den Islam ebenso als eine Tochterreligion des Judenthums, wie das Christenthum. Aber gerade dies beweist, daß außer jenen Grundbegriffen, welche, aus dem Judenthume entnommen, im Christenthume uud im Islam bewahrt geblieben sind, diese beiden Religionen in ihrer Weiterentwicklung sehr Verschiedenartiges vom Judenthume in sich ausgenommen und ausgestaltet haben, wodurch sie sich vom Judenthume und von einander unterscheiden. Zweitens stellt also Brunetiäre der Auseinandersetzung Franks entgegen, warum,wenn Judenthum und Christenthum so gleiche Elemente enthielten, beide Religionen sich nicht vereinigt hätten und noch heute einander gegenüber ständen? Brunetiere hätte sich dieseFrage leicht selbst beantworten können. Denn trotz jener gleichen Grundbegriffe hat das Christenthum Glaubenslehren ausgestellt, welche das Judenthum und jeder aufrichtige Bekenner desselben niemals annehmen kann: Er brauchte nur an die Lehre der Dreieinigkeit, von der Menschwerdung Gottes in Jesu, von der Erbsünde, von der Erlösung der Menschheit durch den Tod Jesu u. s. w., ferner auch von der Unfehlbarkeit des Papstes, von der Beichte und dem Ablaß, von der Verehrung der Heiligen u. s. w. zu denken. Wir bestreiten ja dem Christenthume nicht das Recht und die Eigenthümlichkeiten seiner Dogmen — wir finden nur als Juden dieselben unverträglich mit den Lehren des Judenthums und mit der von diesen geleiteten Vernunft, und vertheidigen unsere Berechtigung zu dieser Anschauung. — Brunetiäre wiederholt in seiner Replik nichts wieder von der geistigen Herrschaft des Judentums innerhalb der modernen Cultur, er hält sogar, was er von Pessimismus des Christenthums und vom Optimismus des Judenthums gesagt, nicht aufrecht. Hiermit schwindet aber im Grunde Alles, was er dem Judenthume vorgeworfen; und seine Antwort ist eher eine Bekräftigung als eine Widerlegung dessen, was das Schreiben Franks ihm entgegeugestellt hatte. Das Resultat isk daß das Judenthum das Erdenlebcn des Menschen als den Boden betrachtet, auf welchem er sich durch seine geistige und leibliche Arbeit und durch treue Pflichterfüllung zu entwickeln habe und daß aus diesem Boden das jenseitige Leben erwächst, in welches der Mensch mit seiner Entfaltung, insofern und inwieweit er sie erreicht hat, eintritt, um nach göttlichem Gerichte sich zu immer höherm Dasein zu erheben. Das Judenthum enthält zwar eine optimistische Weltanschauung, aber es gesteht auch der pessimistischen Stimmung eine Berechtigung zu, aus welcher sich der Mensch immer