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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-13 · Heft 29 (13.7.1886) · p. Seite 462

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 29 (13.7.1886)
Date
1886-07-13
Page
Seite 462 (sequence 14)
Language
German
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462 Pflichten nicht nur als jüdischer Geistlicher, sondern als wahrer Weltpriester und Menschenfreund oblag. Die allgemeine Trauer, die sich nicht allein bei den Israeliten, sondern bei der gesammten Bevölkerung ob dieses unersetzlichen Verlustes kund gab, fand nicht allein in der hiesigen Tagespresse, sondern in der des ganzen Landes, wohin der geflügelte Bote der Elektrizität die Hiobspost brachte, einen lauten Wiederhall. Durch seine edelmüthigen, aufopferungsvollen Handlungen, wie auch durch seine literarischen Arbeiten war der Name James K. Gutheim in die entferntesten Weiler gedrungen und allgemein war die Klage, als die Botschaft erscholl, daß dieses treue deutsche Herz, das in dem Lande seiner Adoptive so viel Gutes gewirkt, zu schlagen aufgehört hat. Daher auch das große Mitgefühl, die außerordentlich zahlreiche Betheiligung bei der im Tempel stattgefundenen Todtenfeier. Hatten sich schon während des Samstags bei Tage und des Nachts, am Sonntag und gestern, in seiner Behausung wie auch im Gotteshause, woselbst die Leiche zur Besichtigung ausgestellt war, die Besucher zu Hunderten und Tausenden eingefunden, so konnten in Folge des immensen Andranges die Pforten des Tempels bei Beginn der Feierlichkeiten nicht geschlossen werden, denn die Räumlichkeit war zu klein, alle die Leidtragenden zu fassen. Hier hatten sich die Leute aller Stände zusammen geschaart, die Geisllichkeit aller Confessionen, die Künstler« und Gelehrtenwelt, der Kaufmanns-, der Lehrer¬ und der Arbeiterstand. Um die Mittagsstunde schon wurden die Comptoirs und Geschäfte sämmtlicher Israeliten geschlossen, es war, als ob es ein Tag der Versöhnung wäre, so still und öde waren die Straßen geworden, Alles bewegte sich nach dem Sanktum, um noch einmal die geliebte Form des nun in Gott ruhenden Edelmannes der Natur anschauen zu können. Von allen Theilen des Landes waren Trauerbriefe und Depeschen an die betrübte Frau und ihren Sohn wie auch an die ihres Führers beraubte Gemeinde hierhergesandt worden, sogar von jenseits des atlantischen Meeres kamen Trostworte. Viele der benachbarten Gemeinden sandten Deputationen, so sandte Montgomery seinen Ex-Bürgermeister Straßburger, Mobile den Herrn Louis Cohen, Jackson, Miss., den Rabbiner L. Weis, Vicksburg, Miss., den Rabbiner H. M. Bien, Woodville seinen Seelenhirt, Rev. Henry Cohen u. s. w. Außer den obengenannten hatten auch die bedeutendsten Kirchengrößen von hier dem dahingeschiedenen die letzte Ehre erzeigt, worunter das Haupt der Jesuitenkirche Vater Hubert, fast sämmtliche Geistliche der protestantischen, baptistischen, methodistischen und Unitarier Gemeinden, die Beamten der verschiedenen Geschäftsbörsen, die der Fakultäten der Medizin, Wissenschaften, Kunst und Gesetzeskuude, auch waren vom Militärstande viele in Civil anwesend. General Beauregard hatte sich auch eingefunden; Stadt- und Staatsbehörden waren repräsentirt. GouverneurMcEnery hatte ein Condolenz-Schreiben gesandt, da er zu seinem Bedauern nicht anwesend sein konnte. Der Tempel war in Trauer gehüllt, die heilige Arche, die Kanzel und die Säulen in schwarz gekleidet, das Ner Tomid, das ewige Licht, brannte vor der Lade und die siebenarmigen Leuchter zu beiden Seiten. Der Katafalk trug den mit schwarzem Tuch beschlagenen Sarg, um den sich eine unzählige Blumenspende, der Liebe Tribut, angehäuft hatte. Krone, Leyer und Harfe, Herz und Stern, Bouquets und Kränze in Masse; die Damen der Christus Kirche, die der eonföderirteu Gesellschaft, die Damen- Hülfsgesellschaft, ja, fast jeder Verein sandte Gaben als Zeichen der Trauer; die unconfirmirten Constrmanden brachten einen „Leitstern" aus Blumen, in dessen Centrum das Bild des Verblichenen eingeflochteu war, Blumensäulen, die offene Himmelspforte und viele andere Blumenspenden, überragt von Tauben, füllten und umgaben den Katafalk, so daß der große Todte förmlich in Blumen eingebettet war. Punkt 3 Uhr erklang die/Orgel, und es ertönte eine von Professor Schaffter executirte Trauermelodie. Der Chor sang das Lied: „Was ist der Mensch?" Hierauf las Rabbi Levy von Natchez, Miss., den DOften und Olsten Psalm gefühlvoll vor, welchem ein vom Rabbiner Löwenthal, von San Antonio, Texas, ergreifendes Gebet folgte, worauf der Chor das Amen sang. Die Soloistin des Tempel-Chors trug dann das hübsche Sopran-Solo: „Ruhe in Gott!" ausgezeichnet vor. Diesem folgten die Trauerreden und jeder der Redner schien der Worte des großen jüdischen Gelehrten Raab eingedenk gewesen zu sein, der da seinen Jüngern vor seinem Hinsterben die Worte zurief: „Macht mir eine warme Leichenrede." Rabbi Leucht war tief erregt und zollte seinem Meister große Ehre in tiefdurchdachten und gut vorgetragenen Worten; der Chor sang dann das am Tage der Versöhnung übliche Lied „Shivisi", der Tod versöhnt ja Alles, dann hielt der jugendliche Rabbiner Berkowitz, von Mobile, Ala., eine in alle Herzen Eingang findende Rede, worauf der Chor das Lied: „Wer aufrecht wandelt" sang. Di. Sanfield, der Rabbiner von Memphis, Tennessee, ließ zum Lobe des Verstorbenen seine Stentorstimme schallen und seine Worte fanden ein Echo in allen Herzen der Anwesenden. Ein Trauerlied, welches dann gesungen wurde, diente als Eingangshymne zu dem aus vollem Herzen kommenden geistreichen Trostworten des Reverend Palmer, von der Lafayette Square Kirche, der ein prachtvolles Bild von dem Verstorbenen entwarf, mit dem er seit dreißig Jahren in freundschaftlichem Verkehr stand; er war es auch, der Rev. Leucht gegenüber einstmal die Worte äußerte: „Ta, wo ein Jude leidet, da leide ich auch!"

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