Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 460 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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460 (Wenn dieser Bericht Wahres enthalt, so ist es eben nur in Großbritannien und den Ver. Staaten von Nordamerika möglich, daß eine, sei es nach der Confession, sei es nach der Nationalität besondere Versammlung zu Politischen Zwecken abgehalten werden kann, ohne daß man es dieser Confession oder Nationalität verübelt. So kommen häufig in den genannten Staaten irische, deutsche oder sonstige Versammlungen vor. Jedenfalls ist es unsres Wissens das erste Mal, daß eine jüdische Masse ein politisches Meeting abzuhalten sich bewogen fühlt. Besondere Zwecke für Judenthum und Juden sind dabei nicht ins Auge gefaßt, denn ihr Candidat ist kein Jude, und die Tendenz erzielt die beabsichtigte Befreiung Irlands. Wir heben noch hervor, daß die Juden sich hierbei als Anhänger Gladstones geriren, der früher sich öfters als Gegner derselben erwiesen hat, weßhalb er in der A. Z. d. I. genügend bekämpft ward. Redakt). — Gleich unter den ersten Wahlen war die des Barons Henry de Worms, ohne Gegenkandidat. Belgien. Brüssel, 29. Juni. (Privatmitth.) Ich habe Ihnen wieder von einem großartigen Werke jüdischer Menschenliebe zu berichten. Herr Senator Montefiore, Schwiegersohn des wegen seiner hochherzigen Freigebigkeit rühmlichst bekannten Bischoffsheim, wandelt in den Bahnen dieses edlen Verstorbenen. Er hat soeben in Esneux, im Ourthethale, ein Asyl für arme in der Reconvalescenz begriffene Kinder begründet, welche besonderer Pflege bedürfen. Diese schöne Anstalt kann augenblicklich 50 kleine Patienten aufnehmen, soll aber noch aufs Doppelte vergrößert werden. Ein besonderer Arzt, eine Directrice, 6 Kindergärtnerinnen und ein zahlreiches Subalternpersonal leiten und bedienen das Asyl. Frau Montefiore hat selber darüber gewacht, daß die Einrichtungen überall den strengsten Anforderungen der hygienischen Wissenschaft entsprechen. Ein Verbandsaal, ein abgesonderter Pavillon für die Kinder, welche an ansteckenden Krankheiten gelitten, zeugen für die Umsicht und Trefflichkeit der Anordnung. Selbstverständlich ist Alles in dem Asyl unentgeltlich. Gestern fand die feierliche Einweihung statt, welcher, außer vielen politischen und administrativen Sommitäten, auch der protestantische und jüdische Geistliche von Lüttich beiwohnten. Der gleichfalls eingeladene katholische Pfarrer von Esneux war nicht erschienen. Alle Anwesenden waren entzückt über die reiche und zweckmäßige Einrichtung einer Stiftung, die, wenn wir nicht irren, noch einzig in ihrer Art dasteht. Amerika. Nrw-Orleans, 15. Juni. (Privatmitth.) Die hiesige Sinai-Gemeinde, die amerikanische Judenheit und unsre ganze Stadt haben einen schmerzlichen Verlust durch das Hinscheiden des Rabbiners James K. Gutheim am 11. Juni c. erlitten. Die Theilnahme über den Tod dieses viel verdienten Mannes ist eine ebenso allgemeine wie tiefe. Alle Zeitungen, englische wie deutsche, bringen Nachrufe und Nekrologe, die des Lobes und der Anerkennung voll sind. Er war am 15. November 1817 in Menne bei Marburg, Westfalen, geboren. Im Jahre 1838 kam er nach New-Iork und verblieb dort acht Jahre. In 1846 nahm er einen Ruf nach Cincinnati an. In 1850 kam er zum ersten Male nach New-Orleans und übernahm die Gemeinde in Rampart Straße. In 1868 tvurde er als Rabbi des Tempels Emanuel nach Rew-Iork berufen, kehrte aber auf wie-! derholte dringende Aufforderungen wieder nach New-Orleans zurück und hat seitdem ohne Unterbrechung hier gewohnt. Seine Bemühungen im Interesse der Reform, seine Theilnahme an allen wissenschaftlichen und wohlthätigen Bestrebungen sind zu allgemein bekannt, als daß es nöthig wäre, hier noch in Einzelheiten eiuzugehen. Er war ein tüchtiger Bürger, ein hervorragender Gelehrter, ein treuer Freund und liebender Gatte und Vater. Gestern wurde das Trauerhaus den ganzen Tag über von Freunden und Bekannten, ohne Unterschied der Religion, besucht, ein überzeugender Beweis von der hohen Achtung, deren sich der Verstorbene bei allen , Klassen der hiesigen Bevölkerung erfreute. Dir. Gutheim hinterläßt eine Wittwe und einen Sohn, den bekannten Advocaten Meyer Gutheim. Das sprechendste Zeugniß für die Achtung, die er genoß, gab seine Beerdigung, über welche wir im Feuilleton berichten. Marokko. Fez, im Juni. In der hiesigen Stadt fanden jüngst tvieder Unruhen gegen die Juden statt, die aus einem Streit zwischen einem jüdischen Lastträger und Araber entstanden. Die Regierung trat kräftig für die Juden ein und stellte die Ruhe wieder her; demungeachtet wurden ein Dutzend Israeliten und zum Theil schwer verwundet. Bonn, 4. Juli. (Notizen). Aus Pest wird uns unter dem 28. Juni geschrieben: Vorige Nacht starb der Rabbiner der hiesigen orthodoxen Gemeinde R. Chaim Schreiber im 64. Lebensjahre. Er war früher Rabbiner in Munkacs und als solcher Mitglied des ungarisch-israelitischen Congresses, in dem er sich durch sein Schreien und Schimpfen hervorthat. Seinem letzten Willen gemäß wird sein Leichnam, begleitet von zahlreichen Getreuen, nach Preßburg überführt.— Aus Czernovitz schreibt man: In dem von Czernovitz eine halbe Meile entfernten Städtchen Sadagora leben gegenwärtig zwei „Wunderthäter", welche täglich Hunderte