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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-13 · Heft 29 (13.7.1886) · p. Seite 459

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 29 (13.7.1886)
Date
1886-07-13
Page
Seite 459 (sequence 11)
Language
German
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459 Oberlehrer L. Stern hier, zugleich Religionslehrer vom Seminar. Oesterreich -Ungarn. Aus Böhmen, 1. Juli. (Privatmitth.) Es giebt jetzt Staaten genug, wo in den Verfassungen die Gleichheit vor dem Gesetze als ein Staatsgrundgesetz ausdrücklich verzeichnet steht, aber in der Praxis ganz offen verletzt wird. Der Unterschied ist da nur, daß in den einen die Verwaltung den Juden gegenüber gar kein Geheimniß daraus macht, während in den anderen es nicht minder geschieht, ohne es zu bekennen. Die Großherzoglich hessische Regierung sagt es in schriftlichen Erlassen ganz unumwunden: wenn ihr Euch nicht taufen lasset, werdet Ihr weder im Lehrfache noch in der juristischen Laufbahn angestellt. Der ungarische Minister v. Trefort erklärt dies ebenso. Dies thut nun die cisleithanische Regierung nicht, aber sie ruft Gesetze hervor, nach welchen an der Volksschule nur Lehrer und Lehrerinnen angestellt werden» die der Majorität der Schüler und Schülerinnen in ihrer Confession angehören. Die Zeit, wo die Juden bei der Taufe ein Geldgeschenk erhielten, ist vorüber. Aber die Zeit, in welcher getaufte Juden durch eine Anstellung belohnt wurden, wo sie zu Ministerstühlen und zur Tribunalpräsidentur höchsten Ranges aufstiegen, scheint gegenwärtig auch vorüber zu sein. Denn trotz der obenerwähnten Erklärung, kommen getaufte Juden doch selten vorwärts, es sei denn, daß sie durch außerordentliche Leistungen gewissermaßen dazu zwingen. Man hat eben in der eigenen Sippschaft oder Kaste Leute genug, die man anstellen und poussiren will. Die Juden schreckt man deshalb mit der Taufe ab, und die getauften Juden läßt man sehen, wie sie fertig werden. Dies Alles ist factisch und könnte Manchen zurückhalten, der sich durch den Religionswechsel etwas zu erkaufen gedenkt. Hieran mag noch eine Bemerkung geknüpft werden. Nichts ist gerechtfertigter, als der Wunsch und das Streben, die Juden dem Handelsstande zu entziehen und in andere Bahnen zu leiten. Aber nichtsdestoweniger ist es wahr, daß sie nur in wenigen anderen Berufen, z. B. den ärztlichen, sich Gedeihen und Selbständigkeit erringen können. Ist doch selbst, außer in großen Städten, der jüdische Handwerker übel daran, weil er bei Andersgläubigen keine Kunden findet. Frankreich. Paris, 2. Juli (Privatmitth.). Der Großrabbiner von Paris, Hr. Zadok Kahn, der schon einmal eine nicht zu rechtfertigende, unvorsichtige Aeußerung gethan, dahin gehend, daß er öffentlich aussprach, die Hl. Isr. univ. habe den Zweck, Propaganda für die französische Sprache zu machen — hat sich von einem Correspondenten der „Novoje Wremja" interviewen lassen. Er bedachte oder wußte nicht, daß dieses Blatt das antisemitischeste in Rußland ist, in consequentester Weise die Juden verfolgt und sicherlich die Aeußerungen des Großrabbinen verdrehen und verfälschen werde. Das Pariser Blatt Je Lok“ brachte denn auch Mittheilung über die stattgefundene Unterredung, welche sehr sonderbare Ansichten aus dem Munde eines Rabbinen über Mischehen, die Wirkungen der Cultur auf die Juden kundgeben. Sie mußte von vornherein verdächtig erscheinen, schon weil Kahn das famose Buch „la France juive“ belobt haben soll. Kahn ließ deshalb eine Berichtigung ergehen, die jedoch äußerst zahm ausgefallen ist, so daß sie die Vorwürfe, die man einem Manne in solcher Stellung zu machen berechtigt ist, nur verstärken. Jedermann ist gegenwärtig vorsichtig, wenn ihm ein Interviewer auf den Leib rückt und nun gar gegenüber einem Vertreter der Nov. Wremja. So lange Hr. Zadoc Kahn nicht mit voller Bestimmtheit die Aussagen jenes Correspondenten der N. W. dementirt und was er wirklich gesagt, mittheilt, kann ihm der nachdrücklichste Tadel nicht erspart werden. Was helfen alle begeisternden Reden von der Kanzel, wenn ein solches Sturzbad darauf folgt. — Italien. Rom, 20. Juni (nach dem Arch. isr.). Bei den jüngsten Wahlen zur Deputirtenkammer gingen aus dem ersten Wahlgang folgende Israeliten hervor: Hr. Arbib Eduard, Perugia; Franchetti Leopold, Perugia; Levi Ulderieo, Reggio; Luzzatti Luigi, Padua; Maurogonato Isaak, Venedig; Romanie-Jacur Leo, Padua —also sechs Deputirte. Außerdem stehen noch einige in der Stichwahl. Maurogonato ist von der Kammer zu einem ihrer Biee- Präsidenten erwählt worden. — Zu den drei Senatoren israel. Religion Hr. Tullo, Massarani, Artom und d. Ancona gesellt sich jetzt der zum Senator gewählte ehemalige Deputirte Finzi. — Der Großrabbiner von Mantua Hr. Mareo Mortara wird i» diesen Tagen das fünfzigjährige Jubiläum seiner Amtsthätigkeit feiern; er war während dieser ganzen Zeit in Mantua. Großbritannien. London, 1. Juli. Eine eigenthümliche Nachricht aus den eben begonnenen Wahlen zum englischen Parlament bringt die „W. Allg. Z." Sie berichtet: „Ein gestern abgehalteues Meeting von 2000 jüdischen Wählern Ost-Londons erklärte sich unter großer Begeisterung für Home-Rule. Wegen Raummangels wurde beschlossen, die jüdischen Volksversammlungen unter freiem Himmel abzuhalten. Die erste findet morgen statt und werden dabei 15 OOO Theilnehmer erwartet. Der Candidat ist Richard Eve." — •29*

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