Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 457 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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457 Redaktionen Juden eine vorwiegende Stellung einnehmen. Sie sind wie einzelne Tropfen im Ocean der Tagespresse und beschränken sich namentlich auf Berlin, Wien, Pest und Paris. Dennoch gönnt man ihnen auch diesen Minimalantheil an der Tagespresse nicht und stürmt gegen sie an, die doch im großen Ganzen fast verschwinden. Dabei hat diese Tagespresse Eigenschaften, die völlig allgemein sind und von denen kein Blatt ganz frei ist. Abgesehen davon, daß ihr Stil sich immer mehr verschlechtert und meist sehr salopp ausfällt, was auch bei der Eilfertigkeit erklärlich ist, mit der sie abgefaßt werden müssen, ist es der Parteigeist, der ihre Berichte und Urtheile beherrscht und sie zur Leidenschaft, zur Ungerechtigkeit und Gehässigkeit antreibt, so daß sie den Gegner nicht tief genug erniedrigen können und die Sucht, durch sensationelle Nachrichten das Publikum anzuziehen, welche wiederum der Wahrhaftigkeit großen Nachtheil bringt und die Gewissenhaftigkeit äußerst schädigt. Außerdem zeichnet sich die jetzige Tagespresse durch eine außerordentliche Selbstüberhebung aus. Sie kritisirt Alles, weiß Alles besser und hat stets Alles vorausgewußt und vorausgesagt, selbst wenn sie Tags zuvor das gerade Gegentheil behauptet hatte. Was von den lenkenden Kreisen und Männern in irgend welchem Lande geschieht, be- und verurtheilt sie, da sie es viel besser versteht, und sie sieht manchen Staat am Abgrunde des Verderbens, der es gar nicht ahnt und es wirklich in recht günstiger Weise überlebt. An diesen üblen Eigenschaften laborirt die ganze Tagespresse, selbstverständlich bald mehr, bald weniger. Und nun sucht man sich die paar Blätter mit jüdischen Redakteuren aus, um bei dem geringsten Versehen sie ihrer Religion wegen, der sie noch dazu oft sehr entfremdet sind, anzuklagen. Auch hier muß sich mit der Zeit das Urtheil richtiger stellen und jene ^nft^en werden verschwinden. Berlin, 4. Juli (Privatmitth.). Wir wissen nicht, ob die Denunciationen des „Reichsboten" und der „Kreuzzeitung" die Ausweisung des Reichstagsabgeordneten und Stadtverordneten Paul Singer als Svzialistenführers veranlaßt haben, oder ob die Regierung hierin selbständig zu ihrem Entschlüsse gekommen. Wir hätten den Fall an dieser Stelle auch gar nicht zu besprechen, noch dazu, da Singer mit dem Judenthume in gar keiner Berührung steht und sich in einer öffentlichen Rede für „confessionslos" erklärt hat. Aber die Art, wie die Kreuzzeitung ihre Denunciationen versucht und dabei in geradezu lächerlicher Weise die ganze Gefahr für die sociale Ordnung auf das Judenthum zu wälzen übernimmt, läßt uns denn doch diesen Vorgang nicht mit Stillschweigen übergehen. Das Blatt meint: Das Judenthum sei zur Zeit drauf und dran, sich zum einigenden Moment zwischen Socialdemokratie und vorgeschrittenem Liberalismus zu entwickeln und dadurch eine Macht zu erlangen, die es im Bund mit jeder einzelnen dieser Parteien bisher nicht habe erlangen können. Als das Haupt dieser sich anbahnenden Vereinigung stehe aber der jüdische Abg. Singer da, und deshalb sei man berechtigt, ja verpflichtet gewesen, auf die Gefährlichkeit dieses Politikers hinzuweisen. Man wird über diese neue Denunciation, die vom Einzelnen auf das Ganze übergeht, sich nicht verwundern. Die „Kreuzzeitung" hat von ihrem Entstehen im Jahre 1849 an nichts weiter gethan als denunciren. Sie denuncirte immer und Alle, die nicht zu ihr schworen. Sie hat Niemanden gescheut und selbst Fürst Bismarck entging bekanntlich ihrer Denunciationswuth nicht. Es mag immerhin sich dieser oder jener Jude, der jedoch vom Juden nur noch die Abstammung hat, sich zu den Socialdemokraten zählen; das Judenthum als solches steht mit dem Socialismus im schärfsten Gegensatz und die Juden ihrer ganzen Natur nach sind Gegner der Socialdemokratie. Dieser Standpunkt ist soeben ausführlich in vier Leitartikeln der A. Z. d. I. besprochen worden. Bekanntlich insinuiren die Antisemiten der gesammten Judenheit das Streben, eine herrschende Macht zu bilden, von welchem Streben die Juden selbst gar keine Ahnung haben. So paßt denn diese neue Denunciation des frommen ritterlichen Blattes ganz in seinen Kram. Berlin, 4. Juli. Die Beleidigungsklage, welche seit über Jahresfrist zwischen dem Professor vr. Strack und dem ehemaligen Mitarbeter des „Reichsboten", dem getauften Simon May, ist gestern vor der Berufungsstrafkammer des Landgerichts I. zu Ende gelangt, nachdem May gegen das letzte Urtheil desselben Gerichtshofes mit seinem Revisionsantrage durchgedrungen war. May hielt im Frühjahre vor. I. in der Viktoria-Brauerei in einer Antisemitenversammlung eine Rede, in welcher er das Kolnidre der Juden in absprechendster Weise beleuchtet und u. A. auch den Professor Strack angriff. Dieser erwiderte durch einen Zeitungsartikel, auf welchen wieder May durch einen Artikel in der „Post" anwortete, in welchem er den Professor Strack der Verleumdung und Unwahrheit zieh. Letzterer wurde klagbar und May erhob die Widerklage. Vom Schöffengericht wurde May zu 30 Mark verurtheilt. Beide Parteien legten Berufung ein und May wurde in zweiter Instanz zu 100 Mark verurtheilt. Eines Formfehlers wegen hatte May mit dem Revisionsantrage Erfolg, erreichte aber weiter nichts, denn das gestrige Urtheil deckte sich vollständig mit dein der Voriustanz, nur wurde dem Professor Strack noch die Publikationsbefugniß im „Reichsboten" und in der „Post" zugesprochen. Aus Bayern, 29. Juni (Privatmitth.). Es ist auch in dieser Zeitg. bereits ausgesprochen worden, wie tief die Trauer über die Katastrophe, die den König Ludwig II. betroffen, bei den bayerischen Israeliten ebenso wie bei ihren andersgläubigen Mitbürgern ist. Selbstverständlich bethätigte 29