Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 456 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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456 wegung, weil die Popularisirung der materialistischen Philosophie und der Lehre vom Kampfe ums Dasein die Massen entzündet, das Gleiche im praktischen Leben zu üben, was die Krabben an den Schalthieren und die Fische wieder an jenen thun. Ein zweiter Punkt, den ich an den, sonst so edel gehaltenen Aufsatze Siegfried's zu bemängeln hätte, ist der Ausspruch, daß wir uns die unberufenen Urtheile von Grätz und seinen Nachbetern über Christenthum verbitten müssen. Betrachtet man die christliche Glaubenslehre nicht als Mysterien, die sich nur den Gläubigen öffnen, so muß man, denke ich, jedem gebildeten Menschen gestatten, ein Urtheil über Christenthum zu haben. Ist dieses Urtheil dann falsch, so sollte der Gegner nicht härter behandelt werden, als jeder andere, der eine wissenschaftlich conträre Anschauung vertritt. Leider ist es zum guten Tone geworden, über Grätz abfällig zu urtheilen. Mir, seinem Schüler, wird es Niemand verargen, wenn ich in ihm trotz der Fehler, welche seinem Werke anhaften mögen, doch zunächst nur den Menschen sehe, der das große Werk gewagt hat, bei den« traurigen Zustande der Quellen, eine einheitliche Darstellung der jüdischen Geschichte zu geben, und dessen Werk besser gelungen ist, als man es bei der Fülle und Berschiedenartigkeit des Materials, sowie dem trostlosen Stande der Vorarbeiten erwarten konnte.*) Hat nun Grätz wirklich in seiner Darstellung von der Entstehung des Christenthums auf christlicher Seite alles Unrecht gesehen, so sollte man doch nicht vergessen, daß man auf einer andern Seite, wo die guten Werke und ihre heilbringende Kraft eine so große Rolle spielen, doch noch immer von der Idee des Christenthums spricht, welche die Welt von dem Joche des Gesetzes erlöst. Man sollte ferner nicht vergessen, daß, wenn das Christenthum zunächst an die prophetische Idee von den, Glauben anknüpft, das rabbinische Judenthum doch auch durch Anschluß an Nehemia's Wirken mit dem Propheten directer geistiger Nachfolge sich rühmen kann. I) Diesem Urtheile unseres geschätzten Mitarbeiters müssen wir widersprechen, indem wir an die beide» großen Werke Jost's über die Geschichte des Judenthums und der Juden erinnern. Redact. Deutschland. Berlin, 30. Juni (Privat,nitth.). In Ermangelung von Thatsachen, über welche wir zu berichten hätten, gestatten Sie mir wohl einige Bemerkungen, welche die allgemeine Lage betreffen. Die Felder, auf welchen man den Juden die meisten Vorwürfe machte und macht, sind der Handel und die Presse. Hinsichtlich des ersteren wird dem aufmerksamen Beobachter nicht entgehen, daß gerade bei den Juden die Tendenz gegenwärtig dahin geht, aus dem Handel möglichst herauszukommen und andere Berusszweige zu ergreifen, was fortschreitend auch immer mehr gelingt — während in der allgemeinen Welt die commercielle Tendenz vorherrschend wird. Einerseits nimmt fast jeder Industriezweig, jede Art Produktion den Charakter des Handels an und betreibt mit ihren Erzeugnissen Handel. Dies greift z. B bei den meisten Handwerkern Platz und in der That kann ein Handwerker jetzt kaum noch gedeihen, wenn er sein Gewerbe nicht zugleich gewissermaßen kaufmännisch betreibt. Der Großgrundbesitzer ist zugleich Großindustrieller und Kaufmann; der kleine Bauer hökert mit seinen Waaren und versteht es vorzüglich, die Städter zu übertheuern. Andererseits ist man von allen Seiten bedacht, den Exporthandel in die Höhe zu treiben und zu diesem Ende Handelsverbindungen mit allen Theilen der Welt anzuknüpfen, überall Geschäftshäuser zu errichten und möglichst auch Colonien zu erwerben, viel weniger, um daselbst Ansiedelungen zu machen, als um neue Absatzquellen zu eröffnen. Gerade die Deutschen zeichnen sich jetzt hierin aus, und man gehe nur von Constantinopel nach Alexandrien, Bombay, Singapore, Hongkong und nach Japan, um aller Orten die deutschen Kaufleute in Menge und in gutem Gedeihen anzutreffen. Bei dieser großartigen Umgestaltung könnte man wohl fragen, welcher Vorwurf noch in der Handelsneigung bei den Juden liegen könne? Alles treibt jetzt Handel, nun verlangt man von den Juden, daß sie sich davon fern halten, während man -sie so viele Jahrhunderte zum Handel gezwungen hat! Sicherlich ist es gerathen, daß unsere Glaubensgenossen sich immer mehr den verschiedenartigsten Berufen widmen mögen; aber man darf ihnen nur keinen Borwurf daraus machen, wenn ein großer Theil derselben »och dem Handel zugeneigt ist, da dieser zur allgemeinen Tendenz geworden ist. — Die Zeitungen brachten jüngst eine Uebersicht über die jetzige Ausdehnung der Tagespresse, und es ist in der That staunenswerth, wie dieselbe an Zahl und Oertlichkeit gewachsen ist. In den kleinsten Orten der civilisirten Welt erscheinen jetzt Zeitungen, und zwar bis in den höchsten Norden hinauf. Unter diesen tausenden und abertausenden Blättern sind es aber kaum zwei Dutzend, in deren