Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 455 (sequence 7)
- Language
- German
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455 zwo i"i-p und doch kann das Judenthum »och immer nicht zur Ruhe kommen. Von allen Seiten ist »ns Hilfe gekommen, Männer, denen man beabsichtigte Täuschung und Parteirücksichtcn nicht vorwerfen konnte, Männer, wissenschaftlich und sittlich zur Fällung eines Nrtheils ber ufen, wie die gläubigen protestantischen Gelehrten Delitzsch und Strack, oder wie der Jesuit Bickell, der christlich-germanische vr. Kopp, haben zu Gunsten des bedrängten Judenlhums das Wort ergriffen, und doch können wir wie Mose zu dem Herrn sagen, -py rw nkhjm, „Seit ich gekommen bin, zu Pharao zu reden, hat er diesem Volke »och schlimmer mitgespielt, und gerettet hast du dein Volk doch nicht." In einem Leitartikel der protestantischen Kirchenzeitung besprach Professor Siegfried in Jena die Schrift von Kopp über Rohling und die von Strack über Stöcker. Mit Anerkennung und Dank müssen wir constatiren, daß er dem Iudenthum als Religion sein volles Recht werden läßt. Stöcker und Rohling haben, so beweist er, auf die Unwissenheit und Leichtgläubigkeit der großen Masse hin gesündigt, sie haben theils erdichtete Citate als Wahrheit aufgetischt, iheils Vorhandenes entstellt und theils solche Aeußerungen, die sich mit den Anschauungen der Gegenwart nicht vertragen, als eigentliches Charakteristicum des Judenthums angegeben, ohne zu bedenken, daß derlei in jeder Literatur vorkommt und daß es nicht an geht, irgend eine im Zusammenhänge mit ihrer Zeit erklärliche Aeußerung als hauptsächlich >» praxi wirksames Gesetz des Judenthums auszugeben. Zur ersten Kategorie gehört die Blutbeschuldigung, das ureigenste Produkt des Antisemitismus. In die zweite die Lehre von dem gestatteten Meineid, in die dritte die vermögensrechtliche Stellung der Juden zu dem Akum. Trotz alledem hat es Siegfried für nothwendig gefunden, zu sagen: „Die jüdischen Fanatiker, — es giebt auch deren — wollen uns weismachen, daß die antisemitische Bewegung eine unberechtigte sei, ohne sich darum zu bekümmern, wie es komme, daß Stöcker bei seinen Vorträgen immer volle Säle finde und Rohling's „Talmudjude" so viele Auflagen erlebt hat." Ich gestehe, daß ich unter diesen Umständen mich zu den Fanatikern unter den Juden zählen lassen muß, denn auch ich finde die antisemitische Bewegung höchstens erklärlich, als berechtigt aber, meine ich, könne sie nur ein religiöser oder nationaler Fanatiker anerkennen. Dabei muß ich bedauern, daß Herr Professor Siegfried den Unterschied zwischen erklärlich und berechtigt nicht selbst gezogen hat. Berechtigt ist das, was mit sittlichen Mitteln sittliche (siele verfolgt. Nun ist das Ziel der antisemitischen Bewegung, den Juden alle staatsbürgerlichen Rechte zu entziehen, d. h. im modernen Rechtsstaate einen Stand zu schaffen, für den, da man Rechte nur nach Pflichten mißt, in demselben gar kein Platz ist. Und die Mittel dieser Bewegung? Sie bestehen darin, daß die in Aufruhr gebrachten Massen auf die leitenden Kreise einen Druck üben sollen, der sie veranlaßt, den Grundsatz, daß alle Staatsbürger vor dem Gesetze gleich seien, zu Ungunsten der Juden umzustoßen. So ungern ich es thue, da Herr Prof. Siegfried sich die unberufenen Urtheile von Juden über Christenthum verbeten hat, so muß ich es doch aussprechen: Ich glaube nicht, daß es ihm und seinen Gesinnungsgenossen erwünscht wäre, wenn diese Ideen vom christlichen Staate mit solcher Ausschließlichkeit zur Geltung kämen, denn wie weit wäre es dann noch zu dem Schritte, daß man die staatsbürgerlichen Rechte, statt vom Christenthum, geradezu von dem speciell kirchlichen Bekenntnisse abhängig mache. Wenn also die Berliner Hofprediger-Partei berechtigt ist in ihren Ansprüchen auf christliche Umgestaltung des Staates, so müßte sie, nach meiner unmaßgeblichen Ansicht, doch auch in ihrem Endzweck berechtigt sein, und ihr Endzweck ist doch sicherlich zum mindesten die Vereidigung der Professoren an den theologischen Facultäten auf die symbolischen Bücher, auf die Dogmatik'und kirchliche Anschauung des Reformationszeitalters. Ich will wieder nicht unberufen urtheilen, aber es scheint mir, daß Herr Prof. Siegfried und seine College« von der protestantischen Kirchenzeitung die Verwirklichung dieser berechtigten Wünsche nicht herbeisehnen. Nun gestehe ich gerne zu, daß ich die antisemitische Bewegung im höchsten Grade erklärlich finde, erklärlich erstens, weil Alles, was den rohen Leidenschaften der Massen schmeichelt, bei ihnen Anklang findet; erklärlich zweitens, weil die pikanten Skandalös«, die in den antisemitischen Volksversammlungen zum Besten gegeben werden, auch willige Ohren fänden, wenn sie auch nicht aus jüdischen Kreisen stammten. Oder erinnert sich Herr Prof. Siegfried nicht eines gewissen Werkes von Dühring über das Universitätswesen, oder eines andern von einem Tübinger Professor, welches, wie Carl Vogt witzig bemerkte, durch eine sonderbare Laune des Zufalls von Flach verfaßt und bei Unflad herausgegeben wurde? Auch spreche ich kaum eine Unwahrheit aus, wenn ich annehme, daß diese beiden Werke eine größere Verbreitung gefunden haben, als Professor Siegsried's „Neuhebräische Grammatik", so sehr ich dieses letztere Werk hochschätze. Erklärlich finde ich drittens die Bewegung gegen die Juden, weil der Muth gewisser Herren sich am liebsten gegen Schutzlose richtet, und ich glaube nicht, daß ein Professor der Theologie von seinem ethischen Standpunkte aus ein derartiges Verhalten für berechtigt erklären kann. Erklärlich finde ich viertens die Bewegung, weil das deutsche Volk seit acht Jahrhunderten durch die Aufstachelung des religiösen Fanatismus an den Nachkommen der Mörder Christi Rache (?) zu üben gelehrt wurde, und ich glaube wieder nicht, daß ein deutscher Professor dies gutheißen mag. Erklärlich finde ich fünftens diese Be-