Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 454 (sequence 6)
- Language
- German
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454 durch die Ueberfüllung des Studiums veranlaßten Eintritt von Söhnen wohlhabender Familien in den Handelsstand hat sich die Befähigung des israelitischen Hilfspersonals bedeutend gehoben. Fortbildungsschulen und Selbstunterricht haben das ihrige zur Erwerbung von Fachkenntnissen beigetragen, so daß der gebildete israelitische Handlungsgehilfe jetzt getrost mit denen anderer Confessionen concurriren kann, letztere sogar oft an Tüchtigkeit und Geistesschärfe überragt. Leider werden diese jungen Leute noch allzuoft von ihren Glaubensgenossen gegenüber Andersgläubigen beuachtheiligt. Noch immer hält ein Theil unserer Kaufmannschaft ihre Glaubensgenossen als Hilfspersonal für minder befähigt und erschwert denselben die Bahn des Erwerbs, die Erreichung des Zieles, die sie selbst außer Gottes Segen nur ihrer eignen Tüchtigkeit und Ausdauer verdanken. Sollten diese Erfolge nicht vielmehr das Vertrauen in die Fähigkeit ihrer jüngeren Glaubensgenossen bestärken und zu ihrer Unterstützung ermuthigen! Womit aber wollen jene Kaufleute, Fabrik-, Mühlen-, Brauereibesitzer re, welche zum großen Theil nur Andersgläubige beschäftigen, ihr Verfahren entschuldigen? Sie werden versuchen, diese Einrichtung durch ihre angebliche Gottesfurcht und Frömmigkeit zu rechtfertigen und sagen: „Der Geschäftsbetrieb verlangt die Thätigkeit an Sabbath und Festtagen; da wir uns selbst der Arbeit enthalten, so wollen wir auch nicht, daß unsere Glaubensgenossen an denselben für uns arbeiten sollen. Eine Ausrede, welche die geübte Praxis weder zu rechtfertigen, noch zu entschuldigen im Staude ist. Bedenken denn jene Herren nicht, daß die Welt größer ist als der Umfang ihres Städtchens oder ihrer Provinz, daß dieselben Glaubensgenossen, welche von ihnen aus solch nichtigen Gründen zurückgesetzt werden, gezwungen sind, an anderen Orten bei Andersgläubigen dieselben Dienste unter schwierigeren Verhältnissen zu leisten? Das Rad der Zeit läßt sich nicht aushalten, selbst der Stärkste ist nicht im Stande, sich demselben entgegenzustellen, ohne daß er dabei zermalmt oder Andere durch ihn geschädigt werden. Wohl ist die Sabbathruhe eine der schönsten Zierden unserer Religion, und das Bestreben, dieselbe wieder mehr zu Ehren zu bringen, verdient allgemeine Zustimmung. Allein, ist denn nicht auch die Beschädigung eines Fremdlings, die Anstrengung des Thieres, wie überhaupt jede Erwerbsthätigkeit am Sabbath verboten? Wollen jene Herren wirklich religiös sein, so mögen sie den Geschäftsbetrieb am Sabbath unterbrechen; können oder wollen sie dies aber nicht, so begehen sie eine schreiende Ungerechtigkeit, wenn sie ihre Glaubensgenossen in dieser Weise beeinträchtigen, nur um den Schein der Religiosität zu wahren, denn der Sabbath ist auch in dieser Weise entweiht. Es liegt im Zuge der Zeit, zur Anstrebung von Reformen Vereine zu gründen, um durch gemeinsame Arbeit deren Verwirklichung zu erstreben. Für den angeführten Zweck dürfte dieser Weg wohl nicht zu empfehlen sein. Es bedarf sicherlich nur der allgemeinen Anregung, um Besserungen in dieser Richtung herbeizuführen, es gilt einen Appell an die israelitische Kaufmannschaft, die bisherige Praxis aufzugeben. Wir verlangen keine Be-! vorzugung von Glaubensgenossen, es giebt kein schöneres Bers hältniß, als wenn Personen verschiedener Bekenntnisse friedlich 1 neben einander arbeiten. Möge ein jeder Prinzipal nur nach! der Tüchtigkeit und individuellen Brauchbarkeit des Gehilfen i fragen und dem israelitischen jungen Manne nicht durch Benachtheiligung sein ohnehin schwieriges Fortkommen noch erschweren. Wir betonen es wiederholt, um nicht von anderer Seite mißverstanden zu werden, wir wollen keine Bevorzugung von Glaubensgenossen, aber auch keine Zurücksetzung, sondern lediglich Gleichberechtigung. Auch Eltern und Vormünder! haben hierin gesündigt. In der Heimath halten sie es für ein Vergehen, am Sabbath erwerbsthätig zu sein und senden ihre Söhne lieber nach Amerika, wo von Sabbathruhe überhaupt nicht und von Religiosität nur sehr wenig die Rede ist. Die frommen Eltern wissen das auch, aber sie sehen es nicht und damit ist ihr Gewissen beruhigt. Wahre Gottesfurcht offenbart sich in ihren Werken, und ein gottgefälliges Werk ist es, seinen Glaubensgenossen zu unterstützen, nicht durch Almosen, sondern indem man ihm diejenigen Hindernisse beseitigt, welche sein Fortkommen erschweren. Eltern, welche ihre Söhne dem Handelsstande zuführen, mögen sich eine bessere Fachbildung derselben angelegen sein lassen; auch Gemeinden und Vereine können durch Errichtung und Unterstützung von Fortbildungs- und Handelsschulen, durch Stipendien rc das ihrige zur Besserung der bestehenden Verhältnisse beitragen.') Brünn, im Juni. Berechtigt oder erklärlich. Ein offener Brief an Herrn Prof. vr. Siegfried in Jena. Von vr. G. Deutsch. Die Wortführer der antisemitischen Parteien im katholischen und protestantischen Lager sind moralisch todte Leute i) Wir können nicht umhin, zu den Motiven des gesch. Correspondenten das hinzuzusügen, daß es wohl eine große Seltenheit ist, wenn ein jüdischer Commis bei einem christlichen Prinzipale Stellung erhält, und daß dies doch auch nicht außer Augen zu lassen sei. Redakt.