Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 452 (sequence 4)
- Language
- German
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452 lichen vereinigen. Atheismus, Materialismus, Pantheismus, Pvsitivismus, Pessimismus und wie sie alle heißen, ziehen ihre schärfsten Waffen und mit einer, unter den jetzigen Verhältnissen gestatteten, früher nie dagewesenen Offenheit und Zügellosigkeit gegen die Religion, gegen alle religiöse Anschauung und finden dafür in weiten Kreisen Anklang. Allerdings führen sie diesen Kampf auch gegen Aber- und Wahnglauben, gegenBuchstabenglauben und künstliche Frömmigkeit, von welchen in der Gegenwart noch so viel vorhanden und nicht minder offen zu Tage tritt. Ist man hierfür der Cultur zu Dank verpflichtet, so sind doch die eben geschilderten Wirkungen der Religion nachtheilig genug. Wenn die Cultur dem religiösen Formalismus zu Leibe geht und eine tiefere Innerlichkeit, eine wahrhafte religiöse Ueberzeugung fordert, so ist dies ihr segensreicher Theil. Will sie aber ihre Axtschläge gegen Wurzel und Stamm der Religion richten und liegt es in ihrer Beschaffenheit, lau und indifferent gegen das religiöse Element des Menschen zu machen, und von diesem Grunde aus die sittlichen Triebfedern abzuschwächen, so kann ihr schädlicher Einfluß nicht verkannt werden. — Dem gegenüber müssen wir aber niemals vergessen, daß unsere Zeit und deren Cultur in einem Uebergang begriffen ist, und nur einen solchen bildet. Es ist dies nicht blos banal — es ist wahr. Alles ist noch zweifelhaft. Alles dem Parteikämpfe unterworfen, nichts ist zu einem entschiedenen Resultate gebracht; die Strömungen im öffentlichen Leben und in der öffentlichen Meinung sind stets wechselnd und damit die Institutionen und Gesetze. Doch die religiöse Idee ist unsterblich und strebt immer wieder zu konkreter Gestaltung, weil die Menschen, von jener beseelt, dieser nicht entbehren können. Wir haben bis hierher unseren Gegenstand nur vom allgemeinen Standpunkt aus betrachtet; betreten wir jetzt das Gebiet des Judenthums, das in seinem innerlichen wie geschichtlichen Verlaufe uns einige ganz andere und zwar wesentliche Charakterzüge zeigt. (Schluß folgt.) Abermals das Schächten. Der „Deutsche Thierschutz-Verein" hat neben seinen anderen erfolglosen Beschäftigungen sich abermals gegen das rituelle Schächten gewandt, wahrscheinlich weil er glaubte, bei der gegenwärtigen Stimmung etwas erreichen zu können.! Da er aber hinsichtlich des Schächtens durch die Gutachten! so vieler Kapacitäten immer nur Niederlagen erlebt hat,! wandte er sich diesmal besonders gegen die Manipulationen, j welche das Schächten vorbereiten. Er wollte diese als Thierj quälerei bezeichnen und durch eine „Betäubung" ersetzt haben,! durch welche jedoch das Schächten und der Zweck desselben in den meisten Fällen illusorisch gemacht würde. Er richtete eine desfallsige Petition an den deutschen Reichstag, über welche in der Petitionskommission dahin votirt wurde, daß die Petition dem Reichskanzler „zur Berücksichtigung" überwiesen werden sollte. Hierdurch sah sich der Vorstand der Gemeinde zu Posen, wie wir in vor. Nr. berichtet haben, veranlaßt, eine Gegenpetition an den Reichstag einzusenden. Dasselbe that, wie wir aus einer Zuschrift ersehen, der Vorstand der Gemeinde zu Erfurt. Sicherlich würde es auch von anderen Gemeinden geschehen sein, wenn jenes Votum der Petitionskommissson bekannter geworden wäre, da es eben alsCommissionsbeschluß weniger in die Oeffentlichkeit getreten. Jndeß ist diese Petition des Thierschutzvereins sammt dem Commissionsbeschluß nicht zur Berathung im Plenum gelangt, und da nun der Reichstag geschlossen worden, hat sie augenblicklich ihre Bedeutung verloren, da sie bei der zukünftigen Session des Reichstages erneuert werden müßte. Hieran wird nun kaum zn zweifeln sein, denn warum sollte der Thierschutzverein nicht noch einmal ein Stück Papier für diese Sache verwenden, da er doch einen theilweisen Erfolg durch den Commissionsbeschluß erreicht hat? Es wird deshalb nothwendig sein, daß die jüdischen Gemeinden auf diesen Gegenstand von Beginn der nächsten Session des Reichstages an aufmerksam sind, um sofort ihre Gegenpetitionen dem Reichstage einzusenden. Wir selbst werden es nicht unterlassen, unser Augenmerk darauf gerichtet zu halten und die Gemeinden im gegebenen Augenblick zur thätigen Theilnahme in dieser Angelegenheit aufzufordern. Unterdeß aber hat die Polizeidirektion zu Erfurt das in vor. Nr. mitgetheilte, die Vorbereitungen zum Schächten betreffende Schreiben erlassen. Es ist daher von, Wichtigkeit zu wissen, ob ein ähnliches Schreiben an andere Gemeinden von den örtlichen Polizeibehörden ergangen sei, und wir ersuchen in diesem Falle die betr. Gemeinden, uns davon Mittheilung zu machen. Es würde daraus hervorgehen, ob der Schritt der Erfurter Polizeidirection ein vereinzelter sei, oder ob er sich auf eine allgemeine Regierungsversügung stütze. Der Gemeindevorstand zu Erfurt hat beschlossen, sobald die Polizeidirection sich bei der von ihm an sie gerichteten Antwort nicht beruhige, sondern weitere Maßnahmen ins Auge fasse, eine Petition an den Reichskanzler zu richten. Würden andere Gemeinden in gleichem Falle sein, so müßte dem Beispiel Erfurts nachgefolgt werden. Vor allem ist daher Klarheit über die Sachlage erforderlich. Die Antwort des Gemeindevorstandes zu Erfurt an die dortige Polizeidirektion lautet wie folgt: