Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- Seite 451 (sequence 3)
- Language
- German
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451 überlebter Religionen immer wieder neue mit geläutert religiösem und sittlichem Inhalt aufbaut. — Dies ist die Antwort auf jene Frage, so weit sie von der Geschichte beantwortet wird. Sie gestattet jedoch noch die andere Frage: Ist unsre gegenwärtige Cultur, wie sie sich aus den letzten Jahrhunderten entwickelt hat, andrer Art als in den früheren Phasen, d. h. enthält sie oder hat sie geschaffen andere Elemente und Complicationen derselben, so daß ihre Wirkung auf die Religion eine andere sein mag? Wir müssen diese Frage bejahen. Die Entwickelung der Cultur ist eine fortschreitende, eine sich ausdehnende und vertiefende zugleich. Ohne sich in ihrem Wesen von den früheren Phasen derselben zu entfernen, ist sie doch ganz anders beschaffen, mit viel stärkeren und größeren Kräften ausgestattet, also auch mit ganz anderen Zielen. Das hauptsächlichste Element der modernen Cultur ist der Subjektivismus. Während in den antiken, so auch in den Feudalstaaten das Individuum nur ein Glied der Gesammtheit war, welche sich im Feudalstaate in kleinere Gesammtheiten vertheilte und nur als ein solches Glied ein Recht und eine soziale Bedeutung hatte: beruht der moderne Staat auf dem Prinzipe der persönlichen Freiheit und der Gleichberechtigung vor dem Gesetze; jedes Individuum ist in seiner besonderen Existenz anerkannt und mit dem Rechte einer solchen ausgerüstet. Nicht minder macht sich dieser Subjektivismus in der Wissenschaft geltend; die außerordentliche Spezialisirung, welche jede Wissenschaft in die verschiedensten Fächer zertheilt, aus welchen immer neue, speziellere hervorgehen und die den Zusammenhang jeder Wissenschaft und noch mehr der Wissenschaften unter einander aufzulösen droht, ferner die Hypothesensucht, welche jeden einzelnen Forscher mit niehr oder weniger Fug und Recht eine eigene Meinung aufzustellen und zu behaupten drängt, oft nur um sich persönlich Geltung zu verschaffen, geben Zeugniß dafür. Ist doch hierdurch die Philosophie zu jener Selbstauslösung gelangt, welche in den Kreisläufen der griechischen Philosophie jedes Mal mit dem Skeptizismus endigte, der überhaupt die Befähigung des Menschen zu richtiger Wahrnehmung und Erkenntniß leugnete und die in der modernen Philosophie sich als Pessimismus kund thut, welcher seiner Natur nach nur eine subjektive Stimmung befaßt. Mit Recht wird man auch in der Kunst, in der Poesie, wie in der bildenden, die jetzt vorherrschende realistische Richtung als Subjektivismus bezeichnen müssen. Denn nicht die allgemeinen menschlichen Ideale und Charakterzüge nimmt sich diese Richtung zu ihrem Borwurf und Ziel, sondern die individuellen Zustände irgend einer besonderen Klasse oder besonderer Individuen in ihrer nackten Wirklichkeit, in ihrem ideen- und ideallosen Zustande. Endlich wird auch die religiöse Ueberzeugung und das sittliche Verhalten auf das individuelle Wollen und Befinden zurückgeführt, zu einem bloßen Inhalt des Individuums gemacht, und so jede Gemeinsamkeit des religiös-sittlichen Verbandes aufgehoben oder nur zu einer ganz äußerlichen herabgesetzt. — Aus diesem Charakter der moderuen Cultur entspringt denn auch die schrankenlose Parteiung, die auf allen Gebieten des Lebens gegenwärtig vorherrscht und das schroffe Begegnen der Gegensätze, ihr unerbittlicher Kampf, der sich nur von Zeit zu Zeit zu einem Waffenstillstände oder zu einem Compromiß heranläßt, stillschweigend mit dem Vorbehalt, ihn sofort zu brechen, wenn Macht und günstige Gelegenheit dazu vorhanden ist. Nicht blos die politischen, nicht blos die religiösen, sondern auch die wissenschaftlichen Meinungen gestalten sich zu scharf getrennten und sich einander aufs Heftigste bekämpfenden Parteien, und hierzu traten als mächtige Motoren die materiellen Interessen, welche die Völker und die Jnteressenklassen gegen einander ins Feld führen. Denn man kann nicht verkennen, und dies ist für unsre Frage von großer Wichtigkeit, daß diese materiellen Interessen einen großen Vordergrund im modernen Leben einnehmen. Alles hat dazu beigetragen: das freiere Bewußtsein des Individuums, das deshalb unablässig nach Oben strebt; die politische Freiheit, welche die dem Individuum früher auch auf dem materiellen Gebiete gezogenen Grenzen und Schranken beseitigt hat; die staunenswerthen Erfindungen und Entdeckungen der Wissenschaft, die sie der praktischen Thätigkeit, den Gewerben zu Gebote gestellt hat; die dadurch ermöglichten Communikationsmittel, welche die ganze Erde umspannen, und alle Länder und deren Bewohner vereinigen; die Ueberbevölkerung in den europäischen Ländern, welche seit einem Jahrhundert durch die stets wachsende Vermehrung eingetreten; die durch all' dies bewirkte Vermehrung der Bedürfnisse und Ausbreitung des Luxus und der Genußsucht auf alle Klassen. Dies sind die Faktoren, welche das moderne Leben außerordentlich vermannigfaltigt, das Streben und Treiben lebhafter und verworrener gemacht, die Thätigkeit und Anstrengungen der Menschen in außergewöhnlichster Weise in Anspruch gebracht und mit Leidenschaften gesättigt haben. Daß durch diese angeschwollene Bewegung für die religiösen Tendenzen nur geringer Spielraum und eine abgeschwächte Theilnahme übrig bleibt und der Sittlichkeit mannigfacher Abbruch geschieht, ist einleuchtend. Die moderne Cultur hatte auf die bestehenden Religionen und auf den religiösen Sinn überhaupt eine zweifache Wirkung: zuerst die Ausbreitung des Jndifferentismus, der Gleichgiltigkeit für religiöse Fragen und die Uebung der religiösen Ceremonialgesetze. Wodurch diese jTheilnahmlosigkeit immer mehr gefördert wird, geht aus der obigen Darlegung zur Genüge hervor. Die Heftigkeit theologischer Streitigkeiten und Zänkereien spricht nicht dagegen, da das große Publikum sich gleichgültig dabei verhält. Dann aber auch die antireligiösen Tendenzen, die sich mit den antikirch- 2»*