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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-13 · Heft 29 (13.7.1886) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 29 (13.7.1886)
Date
1886-07-13
Page
Seite 450 (sequence 2)
Language
German
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450 gewurzelten alten religiösen Anschauungen zu verdrängen und durch neue religiöse, jedenfalls lichtere Gestalten zu ersetzen. Die Antwort ist nicht schwer zu finden. Die Religion entstand ursprünglich aus der Wahrnehmung der Naturerscheinungen und deren Erklärung vermittelst der Phantasie. Die gewaltigen Processe der Natur mit ihren imponirenden Eindrücken weckten die menschliche Phantasie, die sie mit dem Gedanken der Gottheit erfüllte und ihnen nach dieser Richtung eine vielgestaltige und bunte Bildung gab. Hiermit verbanden sich alsbald die Bewegungen des menschlichen Herzens und bewirkten einerseits, daß diesen Göttervorstellungen auch die menschlichen Leidenschaften eingesenkt, andrerseits daß sie mit den Gefühlen des Herzens aufgefaßt und belebt wurden. Die Entwickelung der Cultur besteht aber wesentlich in der Ausbildung des Verstandes, in der Kräftigung desselben, welcher nach und nach an die Prüfung der von der Phantasie und dem Herzen gegebenen Vorstellungen geht, deren Folgerichtigkeit untersucht und mit der Beobachtung der Wirklichkeit zusammenstellt. Aus dieser natürlichen Geistesbewegung geht allmählich eine Sonderung der überlieferten religiösen Phantasiegebilde und der Forderungen und Erkenntnisse des Verstandes hervor, und so kommt es mit dem Fortschritt der Cultur, daß der Verstand allerdings langsam seine Vorstellungen an die Stelle der Phantasiegestalten bringt, diese des Lebens beraubt und nur noch durch die Gewohnheit und die eingeimpfte Pietät bestehen läßt. Andrerseits aber ist die Religion ein integrirendes Element des menschlichen Geistes und darum ein nicht zu beseitigendes Bedürfnis,, dessen Befriedigung er verlangt. Es ist deshalb im Laufe der Geschichte eine sich immer wiederholende Erscheinung, daß die abgestorbene religiöse Anschauung durch eine neue, dem Verstände mehr entsprechende verdrängt werde, diese wiederum eine sichtbare Gestalt annehme und so die alten Religionen durch neue, nicht blos der Phantasie angehörende, ersetzt werden. — Dennoch dürfen wir eine andere geschichtliche Prozedur nicht übersehen. Diese besteht darin, daß die zeitweilige Culturphase nicht im Stande ist, auch in den neuen Religionen einen Rückgang zu verhindern. Wie aus den Trümmern einer vergangenen Culturepoche eine wesentliche Nahrung für eine neue erwächst, so müssen sich die neuen Religionen mit in den Völkern noch erhaltenen Elementen der alten Religionen verbinden, um zur Herrschaft zu gelangen. Die Vorstellungsweise der bis dahin laufenden Geschlechter kann sich nicht so schnell verändern, um nicht auf die neue Anschauungsweise einwirken zu müssen. Hierzu kommt, daß die menschliche Natur in den Massen nicht in abstrakten Regionen verweilen läßt, deshalb für die Religion bestimmte äußerliche Figuration verlangt und auch hierbei gern an alte Einrichtungen anknüpft. Deshalb sehen wir in der Geschichte die neuen Religionen bald wieder Elemente der alten in sich aufnehmen und mit einer rückgängigen Bewegung ihren ursprünglichen Charakter mit dem der früheren vermischen. Endlich liegt es in der Natur der Sache, daß die von der Religion gebildeten und angenommenen Formen, sobald sie das Stadium ihrer Feststellung beendet haben» zum Formalismus neigen und so zur leeren Formheiligkeit und zur Heuchelei führen. Unter dem Drucke dieses Formalismus verliert sich wieder der Geist, welchen die Mitwirkung des Verstandes in die neue Religion übertragen hatte. So neigte der Buddhismus sich wieder zum Brahmanismus, vermischte sich mit demselben und brachte so wieder ein Heidenthum zu Wege, das nur durch einen etwas größeren sittlichen Fond vom Brahmanismus sich unterscheidet. Der Islam nahm den sabäischen Fatalismus in sich auf, entstellte dadurch seinen monotheistischen Gehalt in sehr wirksamer Weise und bildete eine traditionelle Sagenwelt um sich. Der arabische Culturgeist setzte ihm eine längere Zeit eine rationalistisch-philosophische Denkweise entgegen, unterlag jedoch nach dem 11. Jahrhundert dem Drucke des orthodoxen Islam. Nach einigen Jahrhunderten, besonders nachdem es den römischen Herrscherthron bestiegen, entfernte sich das Christenthum weit von seiner ursprünglichen Grundlage und bildete den Bau seiner Dogmen, seiner Kirchen und Sekten und seiner Hierarchie hoch und gestaltenreich aus. Der Heiligen- und Reliquiendienst fügte sich ihm in ausgedehntem Maße ein. Auch die Reformation lenkte durch die Formulirung von Bekenntnißschriften und die feste Anhänglichkeit an den Buchstaben derselben zurück und eröffnete so innerhalb des Protestantismus den Kampf zwischen dem orthodoxen Glauben und der vernunftgemäßen Kritik. — Aus diesen geschichtlichen Wahrnehmungen ergiebt sich, daß die Frage, wie sie oben gestellt worden, ob die Kultur der Religion förderlich oder schädlich sei? ganz unstatthaft ist. Die Kultur mit ihrer vorherrschenden Verstandesbildung, mit ihrem Verlangen nach Erkenntniß, mit ihrer Neigung zur Kritik, dringt auf die bestehenden Religionen ein, verleugnet die Voraussetzung des unbedingten Glaubens und der Autorität der Tradition, und wirkt so zersetzend, auflösend, ja zu manchen Zeiten vernichtend. Sie drängt die bestehenden Religionen aus dem weiten Gebiete, das sie beherrschten, hinter ihre Bollwerke zurück, sucht in diesen Bresche zu legen, künftigen Stürmen sie offen zu halten. Aber zugleich löst sic die religiöse Idee aus den Fesseln, befreit sie von dem altgehegten Wahn- und Aberglauben, schüttelt den Druck des verknöcherten Formalismus ab, und befähigt sie so, in hellerer und erwärmender Flamme zum reinen Aether wieder emporzusteigen. Diese religiöse Idee, wie sie auch in den verschiedenen Phasen derMenschheit aufgefaßt und gestattet werden niag, ist unsterblich, durchdringt den menschlichen Geist immer von Neuem, und wir haben gesehen, daß sie im Verlaufe der Geschichte mit dem Sturze

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