Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 29 (13.7.1886)
- Date
- 1886-07-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich.; Preis vierteljährig 3 Mark. Aborme-! ment in Deutschland (Postzeitungsliste j Nr. 115) und Oesterreich bei allen j Postämtern, außerdem durch denBuch-! Handel. ' Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Wlippson in Bonn. Krepeöitron: Leipzig, Woßpkah 17. In reoactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philrppson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 13. Juli 1886. Nr. 29. Inhalt. Leitende Artikel: Cultur und Religion. — Abermals das Schächten. —.Das israelitische Hilfspersonal im Handelsstande. — Berechtigt oder erklärlich. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Aus Bayern, Landau, Bromberg, Eßlingen. — Oesterreich-llngarn: Aus Böhmen. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Großbritannien: London. — Belgien: Brüssel. — Amerika: New-Orleans. — Marokko: Fez. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Die Beerdigung des Rabbiners Gutheim in New Orleans. Zeitevibe CU-f'iiicf. Bonn, 7. Juli. Eultur und Religion. I. Ist die Cultur der Religion förderlich oder nachtheilig? Diese Frage drängt sich dem Beobachter der Erscheinungen in der Gegenwart recht oft auf und sie ist gerade für das Judenthum von Bedeutung, das in einem Jahrhundert eine tausendjährige Culturentwickelung durchschritten hat.. Sie wird aus verschiedenen Gesichtspunkten verschieden beantwortet. Versuchen wir es, eine vorurtheilslose, objektive Antwort zu finden. Vor Allem wird es auch hier gelten, die Geschichte zu befragen, die uns über die Natur sowohl der Religion als der Cultur Aufschluß geben wird, worauf wir dann allerdings zu untersuchen hätten, ob unsre Epoche so viele andere Momente als die Vergangenheit besitze, um ein anderes Resultat voraussetzen zu lasten. Die Geschichte lehrt uns, daß die fortschreitende Cultur der Völker die in ihnen vorhandenen religiösen Anschauungen, kurz die in ihnen bestehenden Religionen aufgelöst und beseitigt hat. Die Cultur war es, welche dem Brahmanismus durch den Buddhismus eine schwere Wunde beibrachte. Die! mächtige Culturentwickelung der Hellenen, an welcher sich dann die römische Welt betheiligte, ließ die in diesen herrschenden mythologisch religiösen Ansichten erblassen und absterben, so daß sie zum völligen Erlöschen reif wurden. Waren doch die griechischen Philosophen von den sog. sieben Weisen an erklärte Gegner der Volksreligion, und das Volk fühlte dies instinktiv, so daß es schon einen Anaxagoras und Sokrates wegen Leugnung der Götter anklagte und verur- > theilte. Aus dem Wiedererwachen der Wissenschaften entsprang der Humanismus, und aus diesem wieder die Reformation, welche den größten Theil Deutschlands, England, Holland und die skandinavischen Länder der katholischen Kirche entzog, und gegen diese vorzugsweise wandte sich der aus der Aufklärungsperiode des vorigen Jahrhunderts hervorgegangene rationalistische und antikirchliche Geist, der in allen civilisirten Ländern einen so heftigen Kampf zwischen den kirchlichen und den sog. aufgeklärten Parteien bewirkte. Nicht minder war in den mittel- und vorderasiatischen und nordafrikanischen Ländern das vielgestaltige Heidenthum der in ihnen ansässigen Nationen verblichen und abgestorben, so daß es vor der neuen Erscheinung des Islam überraschend schnell die Waffen streckte. — Dennoch sehen wir nicht minder, daß diese Verdrängung der bestehenden Religionen durch die Culturentwickelung zugleich zu neuen Phasen der Religion führten. Denn wie der Buddhismus an die Stelle des Brahmanismus, so trat das Chriflenthum an die Stelle der europäischen mythologischen Religionen, der Islam ersetzte das Arabische und die anderen asiatischen Heidenthümer, und der Protestantismus nahm die Regionen ein, aus welchen er die katholische Kirche verdrängt hatte. — Wodurch, fragen wir nun, vermochte die fortschreitende Culturentwickelung überall diese Erscheinungen zu Tage zu bringen? Denn es gehörte wahrlich nicht wenig Energie dazu, die in den Völkern ties ein-