Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1886)
- Date
- 1886-07-06
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
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443 sammlnng hat der mehrere Stunden andauernden Inquisition beigewohnt und wurden Aeußerungen vernommen, die an eine halbvergangene Sensationsaffaire erinnerten. Der Vorstand der hiesigen Judengemeinde wurde weder vor noch nach der Untersuchung in amtlicher Weise von der Inquisition und deren Zweck unterrichtet, da seitens der Behörde den Juden gegenüber tiefes Geheimniß gewahrt wurde. Es fragt sich nun, was war die Veranlassung zu dieser behördlichen Einschreitung? Hat die Behörde aus freiem Antriebe gehandelt, oder folgte sie den Einflüsterungen eines anonymen Anzeigers? Ist ihr jedoch der Anzeiger bekannt, dann möge man denselben strengstens zur Verantwortung ziehen , denn es ist augenscheinlich, daß er keinen andern Zweck verfolgte, als die Ruhe der Bevölkerung zu stören. Tolna, 20. Juni. In Bezug auf obige Nachricht bringt der „P. Ll." von kompetenter Seite folgende Auseinandersetzung: Im Abendblatt des „Pester Lloyd" vom 18. d. wurde in einem Tolnaer Briefe die Klage gegen den Zentral-Stuhlrichter erhoben, daß er in der Tolnaer israelitischen Schule Nachgrabungen vornehmen ließ und in den Tempel eingedrungen sei, ja daß er selbst die Bundeslade nicht verschont habe. Der Korrespondent hat seiner Konfession einen schlechten Dienst erwiesen, daß er die Sache nicht nur in falscher Beleuchtung, sondern überhaupt vor die Oeffentlichkeit brachte, denn es geschah Alles im Interesse der Juden und nicht so, wie es in dem erwähnten Briefe erzählt ist. Der Sachverhalt ist folgender: Vor einigen Tagen kam der Zentral-Stuhlrichter zum Komitatsobernotär Päpö und fragte ihn, was er in Folge einer anonymen Anzeige thun solle, der zufolge von unterhalb des Fußbodens eines Saales der behufs Umgestaltung demolirten Tolnaer jüdischen Schule starker Leichengeruch hervordringe? Damit nicht irgend eine Schauermähr entstehe, rieth Herr Päpv dem Stuhlrichter, sich unauffällig an Ort und Stelle zu begegeben, mit Umgehung des Gemeindearztes, der jüdischer Konfession ist, zwei christliche Aerzte, nämlich de» Bezirksarzt und noch einen zweiten mit sich zu nehmen und die Stelle, wo der Geruch wahrnehmbar ist, aufgraben zu lassen, unterdessen aber den Gemeinderichter, der Kenntniß von der Anzeige hatte, anzuweisen, daß er das Schulhaus ebenfalls unauffällig beobachten lasse, damit man, wenn keine Leiche gefunden wird, den Juden nicht vorwerfen könne, daß sie, als sie von der Sache Wind bekamen, den Leichnam gestohlen hätten. Da der Stuhlrichter nicht selbst gehen konnte, sandte er wegen der Dringlichkeit seinen Adjunkten nach Tolna, welcher die aus Anlaß des am vorigen Tage stattgehabten Jahrmarktes dorthin beorderten zwei Gendarmen mit Rücksicht auf nicht vorherzusehcnde Eventualitäten dort behielte. Der Adjunkt begab sich mit dem Bezirksarzte nach Tolna, berief den dortigen Richter und den herrschaftlichen Arzt und trug den zwei Gendarmen auf, in der Nähe der Schule zu verweilen. Er, der Richter und die Aerzte, begaben sich aus Vorsicht jeder auf einem andern Wege zum Schulhause und so nahmen die Bewohner nicht einmal wahr, daß eine kommissionelle Untersuchung stattfinde. An Ort und Stelle angelangt, verspürten sie einen so intensiven Gestank, daß einer der Aerzte denselben für wahrhaften Leichengeruch hielt. In der Schule fand die Kommission bereits den jüdischen Gemeinde- Präses vor, der berufen worden wäre und den der Adjunkt nur darum nicht vorher verständigt hatte, um unter seinen Glaubensgenossen nicht Schrecken hervorzurufen. Als die Kommission festgestellt hatte, daß in der That ein verdächtiger Geruch zu verspüren sei, ordnete sie die Nachgrabung an und befahl den Gendarmen, jede Ansammlung zu verhindern. Die Nachgrabung ergab als Resultat, daß man einen Haufen verfaulter Bohnen an der übelriechenden Stelle fand, was auch unverzüglich zur öffentlichen Kenntniß gebracht wurde, und damit beugte man dem vor, daß Aberglaube oder Böswilligkeit eine der Tißa-Eßl-lrer ähnliche Fabel aus dem Vorfälle schmiede. Die Bewohner von Tolna sind jetzt vollkommen ruhig; es wurde also gerade das Gegentheil dessen erreicht, was die Korrespondenz dem behördlichen Organe imputiren will. Uebrigens ist dies im Hinblick auf die übergroße Nervosität, welche bei den Juden wegen des noch immer latenten Antisemitismus in Folge des unbedeutendsten Geschwätzes herrscht, nicht übel zu nehmen. Der Korrespondent hat nur darin gefehlt, daß er nicht früher den Obernotär Püpö aufsuchte, den die Antisemiten nicht ganz ohne Grund „Judenpatron" nannten, da er es war, der während der in den benachbarten Komitaten herrschenden Unruhe in Vertretung des zumeist abwesenden Vizegespans das Uebergreifen der Wirren verhinderte und auch sonst Referent der jüdischen Angelegenheit ist. — Was das Eindringen in den Tempel betrifft, so war dasselbe der Kommission als solcher nicht in den Sinn gekommen; da die Schule in der Nähe des Bethhauses liegt, besichtigten die einzelnen Mitglieder unter Führung des Gemeindepräses den hübschen Tempel und dessen Einrichtung. Dies war wohl eine überflüssige Unterhaltung, da sie als Vorwand zu einer ebenso schweren, als unbegründeten Anklage diente; allein die Herren Kommissions-Mitglieder langweilten sich während der sich hinziehenden Nachgrabungen und sie glaubten, daß sie bis zum Auffinden der Leiche (?) die Synagoge und das Bad besichtigen können. Hinsichtlich des letzteren gab der Bezirksarzt dem Gemeindepräses wohlgemeinte Rathschläge in sanitärer Beziehung. Gestern war der Distriktspräses Alexander Leopold beim Obernotär und erkundigte sich über die Angelegenheit; über den Verlauf informirt, entfernte er sich beruhigt, da er einsah, daß es gut war, der ganzen Komödie durch das von P-lp>> empfohlene Vorgehen ein gründliches Ende zu bereiten. 28*