Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1886)
- Date
- 1886-07-06
- Page
- Seite 438 (sequence 6)
- Language
- German
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438 den Lehrgang in allen Fächern durchgemacht, haben das Zeugniß des Lhceums erhalten: sie sind „Erzieherinnen für die Familie" und befugt zur Leitung eines Kindergartens. So können auch gebildete junge Damen die gewonnene Vorbildung materiell verwerthen und haben den Vortheil eines Berufes, in dem sie keiner männlichen Concurrenz begegnen. Das Leipziger Lyceum ist die einzige Anstalt in Deutschland, die die Vorbereitung zu dem Erziehungsberufe als gleichwerthig mit der Vorbereitung zu dem Lehrerinnenberufe hält und dem Ersteren schon deshalb die Stätte bereiten will, weil er dem Naturberufe der Frau am nächsten steht und ihn vergeistigt. Ick muß aus diese nothdürftige Beweisführung mich beschränken, und gestatte mir, die Leser auf nieine Schrift aufmerksam zu machen, in der ich die Grundsätze entwickelt habe, die ich hier nur andeuten kann: „Ideen über weibliche Erziehung im Zusammenhang mit dem System Frdrch. Fröbel's (1882 bei Carl Reißner, Leipzig). In 6 Vorträgen ist auf die Bedeutung Hingeiviesen, ivelche die Kenntniß der Fröbel'schen Erziehungslehre für die geistige, sittliche, gemüthliche Entwickelung der erwachsenen weiblichen Jugend gewinnen könnte. Was mich aber veranlaßt, auch diese Anstalt in ihrer besonderen Bedeutung für unsere wohlhabenden, gebildeten jüdischen Familien zu kennzeichnen, ist Folgendes: Es ist eine bekannte Thatsache, daß wenn ein Einzelner oder eine Genossenschaft in neue, ungewohnte Verhältnisse tritt, das Bestreben entsteht, sich in diese Verhältnisse möglichst schnell einzuleben. Da geschieht es nun, daß zunächst das „Aeußerlichste", das „Unwesentlichste" ausgenommen wird. Diese Erfahrung wird uns auch hier, auf dem von mir behandelten Gebiete, entgegentreten. Herrscht in vornehmen Familien die Sitte oder die Unsitte, die erwachsenen jungen Mädchen nach dem Verlassen der höheren Töchterschule in französische Pensionen zu schicken — unsere Familien halten sich in erster Reihe verpflichtet, diese Sitte mitzumachen. Warum aber sollen die jungen Mädchen die fremde Sprache in dem Mutterlande derselben lernen und nicht die Muttersprache, ich meine die Sprache der Mutter, in dem eigenen Lande. Die Ehelosigkeit hat in jüdischen Familien noch nicht derartig überhandgenommen, daß man hier nicht vorzugsweise an die Vorbereitung zu dem „Erziehungsberufe" denken sollte! Ganz außerordentlich werthvoll wäre für die wohlhabenden jüdischen Mädchen der Besuch einer Anstalt, wie die unseres Lhceums, wo sie neben wissenschaftlicher Arbeit, neben künstlerischen Uebungen in den Verkehr mit den Kindern treten und Interesse für die Raivetät des kindlichen Wesens erhielten. Und nicht nur das naive Empfinden, auch das Mitgefühl für die Armen und deren Bedürfnisse würde durch solche Gemeinschaft erweckt und so eine Vorbereitung für die socialen Pflichten geschaffen. Die alten, patriarchalischen Tugenden müssen innerhalb der modernen Cultnrformen in unserer Gemeinschaft neu aufleben. Die äußerliche Nachahmung moderner Lebensformen erzeugt jene Zwittergestalte», die zum Theil die jetzige Ströinung erklären — wenn auch nicht entschuldigen. Mögen unsere wohlhabenden Familien dessen eingedenk sein, daß der alte Familiengeist, dessen sittliche Bedeutung selbst von dem gehässigsten Vorurtheil nicht bestritten werden kann, sich in neuen Formen festigen, nicht verflüchtigen soll. Dem oberflächlichen, dem Scheinwesen kann nur begegnet werden durch Aufnahme der wahrhaften, das Leben verinnerlichenden Bildungselemente. Kein Teutomane, kein Antisemit wird uns vergessen machen, welche regenerirende Kraft in unser Leben mit den Bildungselementen, die der deutsche Geist geschaffen, eingezogen ist. Dasjenige Bildungselement, das Fröbel der Menschheit gebracht und das nur durch die Theilnahme und Aufnahme der gebildeten Frauen in Wahrheit wirksam und lebendig werden kann, es ist wie kein anderes geeignet, das Familienleben zu verinnerlichen, zu vergeistigen, ihm die Kräfte wieder zuzuführen, welche durch die zersetzenden Elemente moderner Anschauungen verloren gehen. Hier, in den Fröbel'schen Anstalten, vom Volkskindergarten bis zum Lyceum für Damen ist auch ein gemeinschaftlicher Boden für wahrhafte Religiosität vorhanden. Das Wort: „Stört das Kindlein nicht in seinem heil'gen Traume, sich mit Allem eins zu fühlen in dem Weltenraume", kennzeichnet die humane, die religiöse Weltanschauung des Mannes, der sei» Hauptwerk mit den Worten beginnt, die den Schluß meiner Abhandlungen und zugleich die tiefere Begründung meiner Hingebung an die Fröbel'schen Erziehungsgedanken enthalten: „In Allem ruht, wirkt und herrscht ein ewiges Gesetz; er spricht sich im Aeußern, in der Natur, wie im Innern, in dem Geiste Dem aus, dessen klares, ruhiges Geistesauge in dem Aeußern das Innere schaut — diesem allwaltenden Gesetze liegt nothwendig eine allwirkende, sich selbst klare, lebendige, sich selbst wissende, darum ewig seiende Einheit zu Grunde: Diese Einheit ist Gott, in Gott ist der einzige Grund aller Dinge." „Das Anregen, die Behandlung des Menschen als eines sich bewußt werdenden, denkenden, vernehmenden Wesens zur reinen, unverletzten Darstellung des inner» Gesetzes, des Göttlichen mit Bewußtsein und Selbstbestimmung, und die Vorführung von Weg und Mittel dazu ist Erziehung des Menschen."