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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-06 · Heft 28 (6.7.1886) · p. Seite 437

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 28 (6.7.1886)
Date
1886-07-06
Page
Seite 437 (sequence 5)
Language
German
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437 die am besten dazu geeignet sind, das Verständniß für die genannten Culturmächte und für ihre Bedeutung in der Gegenwart zu wecken. Der Unterricht in der französischen und englischen Sprache wird se nach der Vorbildung der Schülerinnen fortgeführt: in diesem Jahre wird auch der in der italienischen Sprache eingerichtet. Der wissenschaftliche Unterricht wird ergänzt durch die technischkünstlerischen, gyliulastischen Uebungen der Fröbel'schen Methode — wird abgelöst durch das Hospitiren in den Volkskindergärten, wo die jungen Damen gleichfalls „dienen lernen nach ihrer Bestimmung." Das Lyceum unseres Vereins ist das-einzige in Deutschland, das in Verbindung mit dem Bolkskindergarten steht, das einzige, das eine systematische, wissenschaftliche Vorbildung für den eigentlichen Beruf der Frau, „den Erziehungsberuf", anstrebt. Hier, im Lyceum, kann die Erziehungslehre Fröbel's zu ihrem Rechte kommen: denn hier ist durch die höhere Mädchenschule die Grundlage für wissenschaftliche Auffassung gegeben. Hier drängt die Roth der Verhältnisse nicht zu einem schnellen Abschlüsse. Welch ein Segen wäre es für unsere Familieuverhältnisse, wenn die Frauen, in solcher Weise vorbereitet, in ihren Pflichtenkreis träten! Unsere Culturverhältnisie legen jedem Menschen die Verpflichtung der Vorbereitung für ein zu übernehmendes Amt auf — kein Mann wird es wagen, die geringste Stellung ohne den Nachweis der Befähigung für dieselbe zu übernehmen. Das schwierigste, das verantwortlichste, das folgenreichste Amt, das der Erziehung, wird aber von dem weiblichen Geschlecht ohne jede Vorbereitung auf dasselbe übernommen — hier wird Alles dem Instinkte überlassen, auf dessen Unfehlbarkeit nur bei Wesen sehr niedriger Gattung gerechnet werden kann. So verführerisch es ist, hier in theoretischer Weise zu begründen, daß der Lehrgang an unserer Anstalt den Anforderungen einer harmonischen Bildung unserer erwachsenen Töchter entspricht, daß auch hier durch die Abwechslung von Theorie und Praxis das Ziel jeder Bildung, „ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" zu erreichen versucht wird, so verzichte ich doch darauf, um auch hier diejenigen Gesichtspunkte der Aufmerksamkeit zu empfehlen, die, wie ich annehme, dem gesunden Menschenverstände von selbst einleuchten müssen. Schon in meinem ersten Artikel machte ich auf die Bedeutung der Fröbel'schen Erziehungslehre aufmerksam, deren Methode sich nicht auf die Kinder der Armen beschränkt, da sie bereits durch die Kindergärtnerinnen Eingang in die wohlhabenden Familien gefunden: diese einfache Thatsache zeigt, daß der erzieherische Gedanke hier der charakteristische ist — daß Fröbel nicht nur eine humane Aufgabe lösen wollte — sondern daß er ein bis dahin völlig ungekanntes Erziehungssystem zu bringen berufen war. Dieses Erziehungssystem enthält Lehre und Methode. Bezieht sich die letztere auf die Kindheit, so muß die erstere von der erwachsenen weiblichen Jugend gekannt werden. Ich möchte deshalb zwei einfache Fragen aufstellen und es dem Leser überlassen, sie zu beantworten. 1) Sollen diejenigen Mädchen zu dem Erziehungsberufe sich vorbereiten, denen voraussichtlich die Gründung einer eigenen Familie versagt bleibt, oder diejenigen, die voraussichtlich in der Lage sein werden, den Erziehungsberuf in der eigenen Faniilie ausüben zu können? 2) Ist es richtig, daß ein fremdes, junges Mädchen mit größerem Verständniß der Erziehung und Pflege des Kindes sich widmen soll, als die eigene Mutter desselben? Sollen die Mädchen, die meist mit geringer Vorbildung in unsere Anstalten kommen, mehr Einsicht von dem Wesen uud den Trieben, dem Wollen und Begehren des kindlichen Lebens und von den Mitteln, ihnen gerecht zu werden, erhalten, als die gebildeten Töchter wohlhabender Fainilieu? Ist es naturgemäß, daß ein fremdes, junges Mädchen den in der Kindheit stärksten Trieb, den Spieltrieb, den eigentlichen Thätigkeitstrieb, der jede spätere Entwickelung des Menschen vorbereitet, besser zu leiten, zu befriedigen versteht, als die in allen Wissenschaften und Künsten bewanderte Mutter? In diesen Fragen liegt schon ausgesprochen, daß die Beschäftigung mit der Fröbel'schen Erziehungslehre noch etwas Anderes ist, als die Keuntniß einiger Spiel- und Beschäftigungsmittel — daß diese Keuntniß uns der Erkenntniß vom Wesen des Kindes — der Menschenseele näher bringt, daß wir es hier mit einem Studium zu thun haben, das unseren eigenen Geist entwickelt und daher, ganz abgesehen von jeder praktischen Anwendung, eine» selbständigen Werth hat. Fröbel hat auch in diesem Sinne sich ausgesprochen. Sein Wort: „Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner nur instinktiven passiven Thätigkeit zu entheben, und es von Seiten seines Wesens und seiner Menschheit — pflegenden Bedeutung zu gleicher Höhe wie das männliche zu erheben", ist freilich wenig gekannt. Aber erst wenn es gekannt und anerkannt sein wird, wenn in höheren Lehranstalten für die weibliche Jugend „Lehrplan und Lehrziel" der Vorbereitung für den „Erziehungsberuf" dienen werden — erst dann wird das weibliche Geschlecht „seiner nur passiven, instinktiven Thätigkeit" auf seinem eigensten Gebiete enthoben sein. Das Leipziger Lyceum besteht seit 1879: es ist während dieses Zeitraums von jungen Damen aus unfern besten Gesellschaftskreisen besucht worden. Töchter aus de» Professoren-, höheren Beamten- und Bankiersfamilien haben theils als Hospitantinnen bei einzelnen Gegenständen, theils als Schülerinnen die Anstalt besucht. Die letzteren, die 1 bis 2 Jahre

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