Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-06 · Heft 28 (6.7.1886) · p. Seite 436

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 28 (6.7.1886)
Date
1886-07-06
Page
Seite 436 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227638--43650-3264023
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

436 Und wenn wir nun absehen von der besonderen Veranlassung des Psalms, so tritt er, mit leichter Wendung in seiner Deutung, zu uns als des Trostes und der Aufrichtung voll, in der großen Stunde des Heimgangs, des Abschieds vom Erdenleben, wie ihn der fromme Sinn des gewaltigen Geschichtsforschers auffaßte. Ja, es ist für uns ein erhebender Gedanke, daß ein Geist, der in den Tiefen und auf den Höhen der ganzen Geschichte des Menschengeschlechtes, in allen Gedanken, die diese erfüllen, und die aus ihr hervorgehen, heimisch war, und alle seine reiche Geistesbegabung und seine unermüdliche Thätigkeit darauf verwendet hatte, als letztes Resultat den Ausdruck seiner Gefühle in der Stunde des Sterbens in diesem Psalm fand. Wie nahe liegt es auch, den Tod als einen Befreier aus dem Hause der Gefangenen, ihn als Rückkehr zu unserem Vater im Himmel zu betrachten. Sind wir Menschen doch an die Erdscholle gebunden und unser Geist an die Wahrnehmung der Sinne, die allein uns den Stoff zu unseren Folgerungen und Schlüssen geben, über den wir nicht hinaus können. Ueberschauen wir doch, wenn uns das Bewußtsein geblieben, in dieser Stunde all' die Pfade, die wir zurückgelegt, die Schwere der Arbeit, die wir vollbracht, den Wechsel der Geschicke, die Erfolge, die wir erreicht, die Verluste, die wir erlitten. Wie Manches, dessen Vollbringen unsre Seele mit Stolz erfüllte, oder wenigstens mit einiger Befriedigung, erscheint uns da als vorübergehend, als allzu vergänglich, über das der schnelle Schritt der Zeit hinstreift und es nach kurzem Bestände der Vergessenheit übergiebt. Aber dies alles sicht die Zuversicht nicht an, zu ernten, nachdem wir gesät, Garben einzuheimsen, nachdem tvir die Saat ausgeworfen, und diese Ernte, diese Garben droben zu finden im Angesicht des Ewigen, jenseits, wo der Geist frei geworden von den Fesseln des Irdischen. Leset in diesem Sinne den Psalm noch einmal, von dem Jubel des Rückkehrenden, von dem Aufjauchzen des befreiten Gefangenen, von der freudigen Hoffnung des sterblichen Arbeiters, des menschlichen Säemannes, der die Ernte erwartet in ®ott!:i) 3) Der Psalm besteht ans zwei dreiversigen Strophen 1—3. 4—6. Die Verkettung der Glieder, die mehreren dieser Wallfahrtspsalmen einen so großen Reiz verleiht, ist auch hier angewandt: 1 und 4, 1 und 3, 2 und 3, 5 und 6. „Dann spräche man unter den Völkern: Großes that der Ewige an diesen!" ist ein oft hervortretender Gedanke, daß die Völker durch die Geschicke Israels belehrt werden. Man vergleiche auch Psalm 115,2. „Warum sollen die Völker sprechen: wo ist denn nun ihr Gott?" Dem dürren Lande Bäche geben, heißt einen öden Boden in einen fruchtbaren, einen tobten in einen lebensvollen, freudespendcnden verwandeln. Der Gedanke, daß das Leid in Freude, das Weinen in Jubel ausgeht, wird des Nachdrucks wegen noch einmal aussührlicher in B- 6 vorgetragen. Leipzig, im Juni 1886. Welche Bedeutung hat die Fröbel'sche Erziehungslehre für unsere Lindheit und weibliche Zugend? Bo» Henriette Goldschmidt. III. (Schluß.) Die Bedeutung der Bolkskindergärten und der Bildungsanstalt für Kiudergärtnerinnen, den Zusammenhang, in dem sie zu einander sich befinden, habe ich in den vorhergehenden Artikeln zu kennzeichnen versucht. Meine heutige Erörterung gilt der dritten Schöpfung des Vereins für Fanilien- und Volkserziehung, den» Lyceum für Damen. Die Benennung „Lyceum" zeigt, daß wir es hier mit einer höheren Lehranstalt zu thun haben und kann die Meinung erwecken, als sei diese Anstalt losgelöst von dem früher besprochenen, als habe sie nichts mit der „Erziehungslehre Fröbe l's" zu thun. Dem ist nicht so. Das Lyceum hat im Gegentheil die Aufgabe, die Bedeutung dieser Erziehungslehre erst recht zum Ausdrucke zu bringen. Hier gipfeln die Bestrebungen eines Vereins, dessen Devise: Familienerziehung und Volkserziehung ist. Das Lyceum zeigt die Ausgestaltung, die edle Frucht, die der von Fröbel gepflanzte Keim enthält. Das Leipziger Lyccuni hat von dem in Berlin gegründeten den schnell populär gewordenen Namen entlehnt — es ist aber eine eigenartige Schöpfung mit einem bestimmten Lehrplan und Lehrziel. Beides: Plan und Ziel ist von dem Gedanken bestimmt, daß die erwachsene weibliche Jugend der wohlhabenden, höheren Stände einer Vorbereitung, einer Vorbildung für den Erziehungsberuf bedarf." Das Leipziger Lyceum begnügt sich nicht mit Vorträgen aus einzelnen, beliebigen Lehrgegenständen, es hat einen systematischen Unterricht in denjenigen Disciplinen, die zur Vorbereitung für den Erziehungsberuf gehören. Hier ist wohl für den aufmerksamen Leser der Zusammenhang erkennbar, in welchem das Lyceum mit der „Erziehungslehre Fröbels" steht. Lehrgegenstände wie „Erziehungslehre, Geschichte der Erziehung, Gesundheitslehre, Raum- und Formenlehre, der naturwissenschaftliche Unterricht sind obligatorisch für diejenigen Schülerinnen, die ein Zeugniß des Lyceums erhalten wollen. Der Unterricht beschränkt sich aber nicht auf diese, in unmittelbarem Zusammenhangs mit dem Erziehungsberufe stehenden Disciplinen. Es ist ein bestimmter Lehrplan für den „Geschichtsunterricht, für die Literatur und Kunstgeschichte" vorhanden, der von dem Gedanken bestimmt ist, diejenigen Perioden zu behandeln,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.