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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-07-06 · Heft 28 (6.7.1886) · p. Seite 435

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 28 (6.7.1886)
Date
1886-07-06
Page
Seite 435 (sequence 3)
Language
German
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435 der bedeutendsten Journale von Paris seine Wirkung nicht verfehlen wird. Der 126. Psalm. Die Aufmerksamkeit ist jüngst auf diesen Psalm gezogen worden, da die öffentlichen Blätter mittheilten, daß der große Geschichtsschreiber Leopold von Ranke als letzten Geistesgruß vor seinem Verscheiden sich diesen Psalm hat vorlesen lassen, gleichsam zur trostvollen Eröffnung des Jenseits, und daß sein Sohn, protestantischer Prediger, denselben Psalm zum Text der Trauerrede an der Bahre seines Vaters gewählt hat. In der That, in dem Kranze, welchen die Sänger Israels ihrem Volke und der gesammten Menschheit dargeboten, ist dieser Psalm eine herrliche Rose von poetischem Glanze und tief religiösem Duste. Wir wollen ihn deshalb an dieser Stelle unseren Lesern nahe bringen. Es war eine Zeit, und sie ist noch nicht lange vorüber, wo die Psalmen zur täglichen Verwerthung für Herz und Geist, für fromme Andacht und Trost in Leid und Freud in allen jüdischen Häusern kamen?) Jetzt haben die meisten unserer Glaubensgenossen eben noch die Kenntniß der Psalmen, die im Gottesdienst verkommen. Möchte es wieder anders und das Psalmbuch wieder heimisch werden in jedwedem Hause und jeglichem Herzen. Welch' anderer Nutzen für Erziehung und Leben würde daraus erzielt, als aus dem größten Theile der Schriften, welche jetzt die Lectüre ausmachen!... Der Psalm lautet nach unserer Uebersetzung. Lied der Wallfahrten. 1. Führte der Ewige Zion's Rückkehrende zurück: Wie Träumende wären wir! 2. Dann wär' voll Lachens unser Mund Und unsre Zunge jubelvoll; Dann spräche man unter den Völkern: Großes that der Ewige an diesen! 3. Großes that der Ewige an uns: Wir wären freudenvoll! — 4. Führ, Ewiger unsre Gefangenen zurück, Wie Bäch' in dürres Land. 5. Die in Thränen säen, in Jubel ernten sie: 6. Es geht dahin und weinet Der den Wurf der Aussaat trägt: Es kommt daher im Jubel, Der seine Garben trägt. ') Wir erinnern uns aus unsrer Kindheit, wie täglich in den Nachmittagsstunden der Großvater, ein schlichter, tugendreicher Mann, in unser Haus kam, sich niedersctzte und einige Kapitel Psalmen leise las, dann mit herzlichen Abschiedsworten uns verließ. So noch ani Tage vor seinem plötzlichen Tode. Wenn der Großvater zu lesen begann, da wurden wir wilde Rangen mäuschenstill, und wenn er Der Psalm ist, wie bereits Raschi richtig gesehen?) im babylonischen Exil verfaßt; er enthält die Bitte um Rückkehr nach dem heiligen Lande, das ist die Befreiung aus der Knechtschaft, die Wiederherstellung Israels im Lande seiner Väter als freies und selbständiges Volk. Dies beweisen V. 4—6; V. 4 spricht die Bitte geradezu aus und 5. 6. zeigen die Gegenwart in Betrübniß und Trauer versenkt. Die ersten Verse sind deshalb hypothetisch zu fassen, da sie die Freude und den Jubel schildern, den sie empfinden würden, wenn der Ewige die Gefangenen zurückführte. Aber inmitten der Trauer fühlen sie die feste Zuversicht auf die dereinstige Erfüllung ihrer Bitte, diese recht jüdische Zuversicht, welche in jedem Leide die kommende Erlösung sieht, in jedem trüben Geschick eine Aussaat der göttlichen Vorsehung, die zur reichen, beglückenden Ernte wird. Fern sei daher jede Verzagtheit, jede Verzweiflung. Vollbringe nur Mensch das Werk, das dir obliegt, so schwer auch das Verhängniß auf dir ruht, und du wirst ernten in Freude und Jubel! Dies ist der Gedanke, der die ganze Geschichte Israels beherrscht, der es in allen Leidenszeiten aufrecht erhielt, und der sich durch die Ueberwindung aller Mühsale und den gesicherten Fortbestand immer wieder bewährte. Dieser Gedanke besitzt aber seine Heilskraft für alle Menschen; er ist hingestellt und den menschlichen Herzen eingesenkt, nicht blos für diesen und jenen, nicht blos für diese und jene Zeit und ihre drückenden Verhältnisse, sondern für jeden Leidenden, für jeden unter mißlichen Umständen und großen Schwierigkeiten Strebenden. Thränen magst du vergießen, nnd durch sie dein Leiden und dein Sorgen erleichtern, aber unter ihnen muß dir die feste Zuversicht einwohnen, daß sich dein Ringen und Arbeiten zu schönem Erfolge wenden, das Bittere dir zum Heile werde. Wir begreifen deshalb, daß dieses Lied zu denen gehörte, welche später die, welche zu den Festen im Tempel hinaufzogen, auf ihrer Wallfahrt zu singen pflegten. Waren die ersten Verse eine Erinnerung,- daß das Hoffen der verbannten Väter durch die göttlichen Fügungen in Erfüllung gegangen, und hiermit eine Aufforderung zur Freude, zu dem Jubel, den sich die Gefangenen bei der endlichen Rückkehr ins Vaterland vorgestellt: so boten die letzten Strophen die Aufforderung, alles Leid zu vergessen, aller Beschwerden und Gefahren der Wallfahrt nicht zu achten, sondern in freudiger Aussicht zu jenen Höhen zu pilgern, auf welchen das Bruderfest der Nation und die erhebende religiöse Feier ihnen winkte. geendet, war es uns, als ob der göttliche Schutz sich auf die Hütte der Wittwe und die Häupter der Waisen gebreitet hätte. Welch' unverlöschlicher Eindruck! 2) Anders Aben Esra, der dem Psalm eine messianische Deutung insinuirte. Neuere Erklärer ließen den Psalm nach den Anfängen der Rückkehr verfaßt sein, die noch so gering waren, was zu sehr künstlicher Auslegung zwingt in unsere»! Sinne vgl. Jes. 1,9. 1. Mos. 34,16 u. 47, IS. u. a. St. ,s£d' tn, nöK' 1!4 können nicht als Praet. genommen werden. 28'

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