Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1886)
- Date
- 1886-07-06
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
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434 einzigen Gotte, Schöpfer des Himmels und der Erde, unkörperlich, da er es ist, der die Körper geschaffen; frei, da er allmächtig ist und nur von sich selbst abhängt; ebenso die Vorsehung wie die Ursache des Universums. Nach der Vorstellung von Gott kommt die von der Menschheit, welche als eine in ihrem Ursprünge erklärt, als eine einzige Familie dargestellt wird, als die Nachkommenschaft eines einzigen Vaters und einer einzigen Mutter, als die Königin und Beherrscherin der Natur, unabhängig von dem Thierreich. Bon beiden Seiten wird der Menschheit dasselbe Gesetz und dasselbe Ende auferlegt. Ich fange mit dem Ende an, von dem wir in diesem Augenblick so weit entfernt zu sein glauben. Es besteht darin, daß alle zerstreuten Glieder der menschlichen Familie eines Tages in der Wahrheit und im Frieden, in dem Glauben an einen einzigen Gott, vereint sein werden. Das Gesetz befiehlt, seinen Nächsten wie sich selbst zu lieben, den Anderen nicht zu thun, was wir nicht wollen, daß uns geschehe, unseren Feinden Gutes zu thun. Bevor das Evangelium die Verzeihung der Beleidigungen predigte, hatte der Pentateuch befohlen, seinem Feinde sein verirrtes Lamm zurückzuführen und ihm behilflich zu sein, seinen Ochsen, der unter der Bürde erliegt, zu entlasten." — Ferner hatte Brünettere den Juden, den früheren wie den gegenwärtigen, den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele abgcsprochen. Franck beweist ihm das Gegentheil mit Texten aus der Bibel, der Mischnah, der Gemara und späteren jüdischen Autoren. Er weist darauf hin, wie man sich wohl denken könnte, daß die zahllosen jüdischen Märtyrer, die sich durch die Taufe von allen Verfolgungen und Leiden hätten frei machen können, das mühseligste Leben und den qualvollsten Tod auf sich nehmen konnten, ohne den Glauben an den Lohn, der ihrer im Jenseits warte. Er betont das Dogma von der Wiedererweckung der Tobten, das ohne den Glauben an die Unsterblichkeit sinnlos wäre. Nach dieser lichtvollen Darstellung kommt Franck auf seine eigene Erfahrung zurück, und wir geben diese ebenso einfachen wie ergreifenden Worte wieder. Er sagt: „Man wird es vielleicht nicht zu anspruchsvoll meinerseits finden, wenn ich der großen Stimme der Geschichte meine persönliche Erfahrung hinzufüge. Wenn ich der Ansteckung so vieler Systeme entgangen bin, welche seit Beginn dieses Jahrhunderts den öffentlichen Geist verwirren, wie der Materialismus, der Skepticismus, der Pantheismus, der Positivismus, der Evolutionismus, der Pessimismus; wenn ich während vierundfünfzig Jahren ohne Unterbrechung den Spiritualismus in meinen Büchern und in meinen Vorlesungen gelehrt habe, so verdanke ich dies hauptsächlich meiner jüdischen Erziehung, diesem Glauben an Gott und an seine ewige Gerechtigkeit, diesem Glauben an die Seele und an ein anderes Leben, dieser Liebe zur Menschheit und diesem Familiensinne, die ich mit der Muttermilch eingesogen habe. Seit meiner zartesten Kindheit bin ich gewöhnt, vor einem Friedhofe nicht vorüberzugehen, ohne ein Gebet zu spreche», welches die göttliche Verheißung der Auferstehung anruft." In der That, es gehört freilich nicht zu den Gepflogenheiten der Gegenwart, auf die durch ein langes Leben und angestrengte Geistesthätigkeit erworbenen und bewährten Anschauungen mehr Gewicht zu legen, als auf die Ausgeburten und die Hypothesen eines jungen Menschen — aber es wird die Zeit kommen, wo man die Erfahrung und die Weisheit wieder zu schätzen vermag gegenüber der Sucht, Neues zu produciren, auch wenn es noch so viel den Errungnissen des Menschengeschlechtes widerspricht und nur eine oberflächliche Begründung für sich hat. — Der Gegner hatte auch dem Judenthume vorgeworfen, nichts als Optimismus zu sein und daß die Gegenwart sich von ihm verleiten lasse, jüdisch, d. h. optimistisch zu werden. Es ward Herrn Franck nicht schwer, dieses Paradoxon zu widerlegen. Er wies auf die gegenwärtigen Zustände in politischer, socialer und literarischer Beziehung hin, was auch nicht im Geringsten eine optimistische Anschauung verräth, sondern das Gegentheil, die Anarchie und Zersetzung. Er zeigt aus vielen Texten der h. Schrift, daß auch der Pessimismus dem israelitischen Geiste nicht fern lag, so daß diese zwar das Leben als eine Wohlthat Gottes ansieht, aber auch seine Flüchtigkeit und Hinfälligkeit beachtet. Das Judenthum sei, und nach ihm das Christenthum, optimistisch und pessimistisch zugleich. Am feindseligsten behandelt Brunetiöre die Alliance israelite universelle. Franck widerlegt ihn in Bezug auf diesen großen Verein vollständig. Aber wir würden die Ehre der Alliance zu verletzen glauben, sollten wir es für nöthig halten, diese Widerlegung an dieser Stelle wiederzugeben. Es ist höchst merkwürdig, daß man die katholischen wie die protestantischen Missionen für die Propaganda des Christenthums, das man die katholischen und evangelischen Allianzen für gerechtfertigt und natürlich ansieht, den Juden aber die Alliance isr. univ. zum Vorwurf macht, die doch nichts weiter als die intelleetuelle und moralische Hebung der Glaubensgenossen durch Unterricht und Erziehung und den Schutz derselben in den barbarischen Staaten des Orients zu ihrer Aufgabe und zu ihrem Ziele hat! — Dieser Brief des Herrn Franck ist mit der ganzen Feinheit und Höflichkeit eines Franzosen aus der alten Schule abgefaßt, und schließt mit der zuversichtlichen Hoffnung, daß dieser Geist des Hasses und der Vorurtheile bald wieder verschwinden und der Friedfertigkeit und Liebe, der gegenseitigen Achtung und Duldung Platz machen werde. Unsre Zeit habe wahrlich keine Veranlassung, daß wir uns Haffen und verfolgen, sondern uns vertragen, um dem gemeinschaftlichen Feinde der Gesellschaft, durch Einigkeit stark, entgegentreten zu können. Wir halten uns überzeugt, daß dieses Schreiben eines allgemein geachteten Mannes in einem