Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 28 (6.7.1886)
- Date
- 1886-07-06
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint rvöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GxpeöiLion: Leipzig, Woßpkah 17. In reoactionellen Angelegenheiten , wende man sich an Dr. Philipps»» in ( Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 6. Juli 1886. Nr. 28. IvKstt. Leitende Artikel: Gegen den Antisemitismus in Frankreich. — Der 126. Psalm. — Welche Bedeutung hat die Fröbel'sche Erziehungslehre für unsere Kindheit und weibliche Jugend? — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Darmstadt, Mainz, Tübingen, Posen, Erfurt, München. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Tolna. — Rumänien: Bukarest. — Frankreich: Paris. — Amerika: New-Aork. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Israelitische Lehrerversammlung. — Die Juden in Amsterdam. — Vermischtes. Sie i ten c>e CU tlfie (. Bonn, 30. Juni. Gegen den Antisemitismus in Frankreich. Wir haben bereits wiederholt berichtet, daß auch inj Frankreich der Antisemitismus, nachdem er lange Zeit im j Dunkeln gewühlt hat, endlich auf die Tagesordnung gefegt , ist. Es geschah dies durch ein zweibändiges Buch „La! France juive“. Sicherlich hätte sich Niemand um dieses! Machwerk eines Journalisten, der seine Carriere verfehlt hat, Dcumont, gekümmert, wenn er nicht in demselben einige seiner bekannteren Collegen angegriffen hätte, die nun auf seine Jnvectiven anbissen, Lärm gegen ihn schlugen, ihn zum Duell herausforderten — eine unter den französischen Publicisten grassirende Krankheit — wobei er verwundet wurde. Dadurch wurde das Publikum auf das Buch aufmerksam, fand darin einen Schatz von Medisancen, Verleumdungen und Aufschneidereien, und so Etwas ist für die Pariser Welt ein viel gesuchter Leckerbissen. Das Buch wurde nun stark gesucht und gekauft. Alsbald rührte sich denn auch das schreibende Publikum und es ward in der Presse viel Staub aufgewirbelt. Aber auch ernste und sonst urtheilsfähige Männer sprachen sich darüber aus, und es wiederholte sich, was in anderen Ländern hinlänglich zum Vorschein gekommen, daß die schriftstellerischen Leute sowohl vom Judenthume als von den Juden die oberflächlichste Kenntniß und die tiefest gehende Nnkenntniß haben, doch sich nicht scheuen über beide ihren vorgefaßten Meinung^ gemäß abzusprechen, so auch ein Herr Brunetiere, ein Mann von Ruf in Paris. Dies war aber eine Aufforderung, ihm zu antworten, und das Journal des Debats vom 18. Juni brachte einen Brief an den Redacteur dieses Blattes aus der Feder des rühmlichst bekannten Prof. A. Franck. Von diesem verehrungswürdigen 80jährigen Greise haben wir vor Kurzem gemeldet, daß er in Berücksichtigung seines hohen Alters seinen Lehrstuhl des Natnrrechts am College de France nach langer ehrenvoller Thätigkeit verlassen hat. Dieser philosophische Denker, welcher auch seine Kenntniß des jüdischen Schriftthums in seinem Werke über die Kabbala erwiesen hat, sah sich eben durch die schiefen Urtheile des Herrn Brunetiere über das Judenthum veranlaßt, ihm seine Jrrthümer nachzuweisen. Wir heben das Bedeutendere hervor. Brunetiöre hatte behauptet: „An Stelle des mystischem Ideals des Christenthums, für das diese Welt nur Bild und Symbol ist, setzt das Judenthum das leibliche Ideal (ideal charnel)." Frank erwidert: „Diese wohlklingende Phrase ist ganz im Styl des siebzehnten Jahrhunderts, dessen Literatur Herrn Brunetiere so vertrant ist; aber unglücklicherweise entbehrt sie fast jeden Sinn; den», wenn das Judenthum nur einen leiblichen Charakter darstellte, so wäre das Christenthum ganz in demselben Fall. Das ist eine Thatsache, gegen welche keine vorgefaßte Meinung, keine Voreingenommenheit, kein Sprachgebrauch aufkommen kann, daß alle wesentlichen und charakteristischen Momente der ersteren dieser beiden Religionen in die zweite übergegangen sind und sich darin erhalten werden, so lange sie bestehen wird. Auf beiden Seiten und so zu sagen als Basis beider Gebäude erblicken wir das Dogma von einem