Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-29 · Heft 27 (29.6.1886) · p. Seite 429

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 27 (29.6.1886)
Date
1886-06-29
Page
Seite 429 (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227637--43642-3264014
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

429 nehmuvg gelinge, im entgegengesetzten Falle habe er Sr. Hoheit ein Geschenk gemacht! Bei der historischen Ausstellung der Stadt Amsterdam im Sommer 1876 prangten die silbernen und goldenen Tempelschätze der portugiesischen Synagoge unter einem besonderen Glaskasten, und der Anblick, der sich hier bot, wird dem Gedächtnisse nicht so bald entschwinden. Aber nicht nur Reichthum, sondern auch hohe wissenschaftliche Bildung hatten diese Juden aus Spanien mitgebracht; der Leibarzt von Moritz von Oranien war ein Portugiese und wenn es auf den großen Feldherrn allein angekommen wäre, dann wäre derselbe Professor in Leiden geworden. Und war nicht der bescheidene Brillenschleifer in Amsterdam, Baruch Spinoza, dessen Name in unvergänglichem Ruhme durch die Jahrhunderte hinstrahlt, ein portugiesischer Jude? Man begreift deshalb leicht, daß diese reichen und hochgebildeten Juden von einer nähern Gemeinschaft mit ihren armen unwissenden deutschen Glaubensgenossen nichts wissen wollten, eine Heirath zwischen einem Sefardi, so hießen die Portugiesen, und einer Tochter der Aschkenasim wurde von ersteren für einen derartigen Familienschimpf gehalten, daß die Verwandten des Sefardi eine ganze Woche Trauer anlegten. Als in der Mitte des 17. Jahrhunderts eine Anzahl Juden aus Brasilien flohen und sich in Surinam niederließen, war eine der ersten Bestimmungen ihrer Synagogenordnung, daß keiner unter ihnen eine deutsche Jüdin zur Frau nehmen dürfe. Und dieser Standesunterschied ist bis vor vielleicht einem Menschenalter nicht nur in Amsterdam, sondern überhaupt in der jüdischen Welt mit starrer Unerschütterlichkeit festgehalten worden; einer der ersten, der sich über das Vorurtheil hinwegsetzte, war Sir Moses Montefiore, der selbst mit einer deutschen Jüdin, Cohen, verheirathet gewesen war; in seinem Testament hatte er ein Capital ausgeworfen, dessen Zinsen zur Unterstützung armer portugiesischer und deutscher Juden bestimmt waren, war aber der nothleidende deutsche Jude mit einer Portugiesin verheirathet, dann sollte ^die Unterstützung doppelt so groß sein. Noch heute ist der Standesunterschied verwischt: der einen deutschen Namen tragende Jude, der sich verlobt hat, wird nicht unter lassen, bei der Mittheilung mit einem gewissen Stolz und Selbstgefühl darauf hinzuweisen, daß seine zukünftige Frau „portugiesisch" sei, gerade so, wie früher der Bürgerliche sich etwas besser dünkte, wenn ihm eine Adelige die Hand reichte; bei Gelegenheit des letzten Versöhnungstages erzählt ein jüdisches Wochenblatt in Amsterdam mit kaum verhaltenem Ingrimm, „daß eine alt-spanische adelige Clique von Damen, um unter sich zu sein und nicht neben Nichtadeligen sitzen zu müssen, in der Frauenabtheilung der portugiesischen Synagoge alle Sitzplätze für sich gemiethet habe"! Freilich Namen, wie Colayao Ozorio, da Cunha, Mesquita, Coölho, Fexeira de Mattos, da Costa, Nabarro, Chumaceiro, wenn sie auch eine ganz alltägliche Bedeutung haben, klingen vornehmer als das gewöhnliche Cohen, Seligmannn, Levi, Adler, Jacobson, Stockfisch, Löw, Ketellapper u. s. w. Gold oder fjlei? Er hatte ein sehr verdrießliches Gesicht, mein guter Bekannter und ehemaliger Schüler, der bei mir eintrat und sich nach angemessener Begrüßung in die Ecke des Sophas warf. Ich blickte ihn scharf an, und er sagte: „Wie soll man auch nicht ärgerlich werden in diesem Leben! Sehen Sie es mir nach. Es giebt Menschen, das wissen Sie so gut wie ich, in deren Händen Gold in Blei und andere, in deren Händen Blei zu Gold sich wandelt. Ich gehöre zu den ersteren, und so gut ich auch combinire, so sorgfältig ich alle Umstände prüfe, so eifrig ich an die Ausführung gehe! im entscheidenden Augenblick tritt Etwas dazwischen, und es ist mißglückt. So erreiche ich Nichts; alle meine Anstrengungen gehen fehl, alle meine Hoffnungen werden vereitelt, und wird man sich dessen bewußt, so bemächtigen sich Aerger und Verzagtheit der armen Seele!" — Ich ließ ihn ruhig die Bewegung seines Herzens aussprechen. Dann aber erhob ich nachdrücklich meine Stimme. „Wie?" erwiderte ich, „Sie haben im Leben nichts erreicht? Es ist Ihnen Alles fehlgeschlagen? Nun, ich muß Sie erinnern, Sie waren ein ganz unbemittelter junger Mann, jetzt haben Sie eine schöne Wohnung inne, einfach aber geschmackvoll ausgestattet, eine brave, tüchtige Frau, zwei liebe Kinder, die an Geist und Körper blühen, nicht unbeträchtliche Mittel, sind überall wohl gelitten und von nicht Wenigen geachtet — rechnen Sie dies Alles für Nichts? Dürfen Sie, ohne undankbar zu sein, sagen, daß Sie nichts erreicht haben? Weil der Reichthum nicht in ihr Haus fließen und Ihre Kassen füllen will, weil Unternehmungen, die nach diesem Ziele streben, nicht immer glücken, darum geben Sie sich solchem Wahnglauben hin? Nun, ich kann Ihrem Spruche erwiedern: es ist nicht Alles Gold was glänzt, und bei tüchtiger Bearbeitung ist Blei ein sehr nützliches und werthvolles Metall." — „Sie wissen, ich bin für Ihre Lehren empfänglich," antwortete jener; „aber ich kann mich dessen nicht erwehren, ich bin ein Fatalist. Ich habe Menschen gesehen, die ihr ganzes Leben hindurch ein schweres Gewicht an ihren Füßen mit sich schleppen, daß sie im Schweiße ihres Angesichts doch kaum vorwärts kommen, während Anderen Flügel an die Schultern gewachsen sind, mit welchen sie schnell und leicht zu der Höhe sich erheben, zu der sie aufwärts wollen. So vertheilt das Geschick seine Gaben". — Ich mußte ein wenig lächeln. „Sie wissen," erwiderte ich, „daß ich auch etwas Poet bin. Im Reiche des Idealen kommt das trefflich zu statten; aber im Realen, in

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.