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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-29 · Heft 27 (29.6.1886) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 27 (29.6.1886)
Date
1886-06-29
Page
Seite 430 (sequence 14)
Language
German
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430 der Wirklichkeit will ich nichts von Parteien wissen. Dahin gehören die Gleichnisse, die doch stets hinken, und mit denen man den Verstand verwirrt und die Augen verblendet, daß sie nicht klar schauen können. Nichts ist bequemer und darum auch gewöhnlicher, als daß die Menschen ihre eigenen Fehler dem Geschick, der Vorsehung zuschreiben. Sehen Sie sich doch jene Leute mit dem Gewicht an den Füßen näher an; sie werden finden, daß sie sich dasselbe selbst angehängt. Der eine hat sich leichtfertig in einen Beruf hineingeworfen, für welchen er die nöthigen Eigenschaften nicht besitzt; der andere hat sich zu frühzeitig verheirathet; der dritte ist Verpflichtungen eingegangen, denen er nicht gerecht werden kann, deren Erfüllung über seine Kräfte geht; der Vierte hat einen Fehltritt begangen, den die Menschen nicht vergessen und was derart mehr ist. Dann treten diese Herren auf und entschuldigen sich mit dem bündigen Worte: ich bin Fatalist, das böse Geschick hat mir diese eiserne Kugel an die Füße geheftet, und ich kann sie nun nicht los werden. Was aber Ihre Flügel betrifft, welche das gütige Schicksal gewissen Leuten an die Schultern geheftet, so daß sie mit größter Leichtigkeit in die Höhe steigen können, so ist die alte Sage vom Ikarus, dem die mit Wachs angehefteten Flügel abschmolzen, noch heute in tausend Fällen eine Wahrheit. Wie für einen Spieler nichts gefährlicher ist, als mehrere Mal gewinnen, so hält sich der, welcher gewagte Unternehmungen einige Male mit Erfolg durchführte, für einen großen Meister, dem Alles gelingen müsse. Und dies ist sein Verderben. Ehe er sich dessen versieht, sind ihm die Flügel abgefallen, und er stürzt in die Tiefe. Das können Sie auf dem Markte des Lebens an zahllosen Exemplaren beobachten. Ginge Jemand die Namen derjenigen durch, welche durchSpeculaüonen während verletzten fünfzehn Jahre auftauchten und eine Zeit lang prunkten, dann aber wie Meteore spurlos verschwanden, so würde er gewahren, daß nur einige Wenige, sehr Wenige, bleibenden Fuß zu fassen vermochten, in gar keinem Verhältniß zu der Menge derer, welche untergegangen. Lassen sie mich ein Gegenbild zeichnen, so banal es auch erscheinen mag. Nicht weit von meinem Hause stand ein kleines, baufälliges Haus, in welchem ein Specereihändler seinen Kram aufschlug. Dies war aber ein tüchtiger Mann, der die besten Bezugsquellen kannte und seine Kunden mit guter Waare bediente- Sein Absatz mehrte sich von Jahr zu Jahr. Er hatte den Grundsatz, keinen Fuß vorzusetzen, ehe der andere nicht festen Boden unter sich gefunden. Nach einiger Zeit riß er das alte Haus nieder und baute sich — nicht einen Palast wie in der Ringstraße sondern ein stattliches, bürgerliches Haus mit einem hohen geräumigen Boden, mit trockenen Kellerräumen und ausgedehntem Speicher. Kurz, er ist ein sehr wohlhabender Mann geworden, und jüngst traute ich seine älteste Tochter. Alles war da einfach, aber gediegen, Ausstattung, Mitgift, Hochzeitsmahl; sein Schwiegersohn ist — kein Baron, aber ein tüchtiger Ingenieur, der sicherlich vorwärts kommt. Wer, frage ich, ist nun vorzuziehen? Sie werden einwenden: Es können doch nicht alle Specereihändler sein. Gewiß, aber die selbigen Grundsätze kann und müßte Jedermann befolgen, weder Gewichte an seine Füße, noch Flügel an seine Schultern heften, sondern, wozu der Mensch ja bestimmt ist, sicher und fest auf dem Erdboden vorwärts schreiten. Ich kann, lieber Freund, nun einmal meine Ansicht nicht ändern; wenn Jemandem wiederholt Unternehmungen nicht glücken, so hat daran kein Fatum Schuld, sondern entweder sind es in sich ungesunde Speculationen, oder der Mann hat einen falschen Beruf gewählt, zu dessen gedeihlicher Förderung ihm irgend nothwendige Eigenschaften fehlen. Wer daher in solche Conflicte geräth, muß die Augen aufthun, um die wirklichen Ursachen zu erkennen. Uebrigens, um sich vor jedem Mißbehagen und vor jeder Verzagtheit zu schützen, bleibe ich bei dem, was ich immer gelehrt und empfohlen habe. Der Anfang ist, was die Franzosen Io doodonr allemand nennen, indem sie sagen, der Deutsche, wenn er einen Arm gebrochen, preist sich glücklich, daß er nicht das Genick gebrochen. Höher aber steht der jüdische Grundsatz: r\y\ub n □; „Auch dies ist zum Guten!" Am höchsten aber steht jenes Jesajanische Wort: iD 'h oibv? r.:r, „Siehe, zum Heile ward Bitteres mir, ja Bitteres!" vermischtes. Munkacsy — Michel Lieb. Bon Munkacsy wird die folgende hübsche Anecdote erzählt: Ein vornehmer Wiener besuchte den Meister letzthin in Paris und setzte ihm auseinander, daß er gern für sich einige von seinen Gemälden kaufen möchte, „aber nur", fügte derselbe bei, „möchte ich sie mich nicht den Preis kosten lassen, den Sie heute dafür verlangen. Könnten Sie mir vielleicht angeben, wo ich welche von Ihren Gemälden um raisonnablen Preis finde? Ich reflectire besonders auf solche, welche Sie in Ihrer Jugendzeit in Ungarn gemalt haben, mit einem Worte, etwas um billiges Geld." „Freilich," erwiederte der Meister, .,es befinden sich zwei- oder dreihundert davon in meinem Heimathsdorfe Munkaez — die Häuser, welche ich gemalt, als ich Michel Lieb — der Anstreichergehülfe war." — Munkacsy ist bekanntlich ein ungarischer Israelit, Namens Lieb, der seinen schlichtklingenden Namen mit dem voller tönenden seines Heimathsdorfes vertauscht hat. (F. Z.) Die Juden in Basel 1789. Es schreibt ein Berner Correspondent: In Basel ist in: Verlage von Ferd. Riehm eine Sammlung von Beispielen über alle biblischen Hauptbegriffe in alphabetischer Reihenfolge

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