Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1886)
- Date
- 1886-06-29
- Page
- Seite 425 (sequence 9)
- Language
- German
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425 — Die Immediatgesuche an den Kaiser um Erlaubniß zum ferneren Verbleiben in Preußen und Aufhebung der Ausweisungsordre seitens israelitischer Kultusbeawten scheinen bisher noch in allen Fällen Erfolg gehabt zu haben. Wenigstens ist kein Fall der Ablehnung bekannt geworden. Jetzt ist wieder dem Cantor der Synagogengemeinde zu Königshütte Broder auf sein Gesuch an den Kaiser die Genehmigung er< theilt, in Preußen zu bleiben. Aus Bayern, 11. Juni (Privatmitth.). Das traurige Schicksal Sr. Majestät unseres Königs Ludwig II. hat, wie überall, so insbesondere in den Herzen seiner jüdischen Unterthanen den schmerzlichsten Eindruck gemacht bei der Todesnachricht, und vieler Augen füllten sich mit Thränen. Unter seiner glorreichen Regierung genossen wir unverkümmert gleiche Rechte, und als der traurige Antisemitismus Miene machte, auch in Bayern einzudringen, da erfloß ein allerhöchster Erlaß an alle Präsidien, ihm zu wehren, und mit Erfolg. Erwähnung verdient auch, daß auch israelitischen Lehrern aus der k. Kabinetskasse jährlich Unterstützungen zuflossen und bei der Gründung der „Achawa" aus derselben eine Spende den b. Agenten derselben zugekommen ist. In lebhaftem Andenken steht auch noch der allerhöchste Besuch, mit dem Se. Majestät vor einigen Jahren die Synagoge in Fürth beehrte, und wie huldvoll er den Rabbiner Dr. Löwi dabei behandelte, der bald darauf durch einen Orden ausgezeichnet wurde. Darum ist unsre Trauer eine aufrichtige und schmerzliche, und wie wir unseren Toden Nachrufen, so rufen wir auch ihm ein iV'yWn: „Möge seine große Seele einverleibt sein dem Bunde des ewigen Lebens!" nach. Cassel, 14. Juni (Frkf. Z.). In den letzten Tagen fand hier der sogenannte Deutsche Antisemiten-Congreß statt. Was der Stadt Cassel die zweifelhafte Ehre gebracht hat, die Herren Antisemiten in ihren Mauern zu sehen, das ist uns unerfindlich. Wenn die Führer glaubten, in Kassel eine Hochburg für ihre Bestrebungen zu besitzen, so dürften sie eine bittere Enttäuschung erfahren haben. Unsere Bevölkerung ist fast in allen ihren Schichten frei von antisemitischen Anschaungen und im Großen und Ganzen ist der Casselaner viel zu ruhig, um an dem turbulenten Treiben der Antisemiten sonderliches Gefallen zu finden. So verlief denn auch der Congreß ohne erhebliche Theilnahme der Bevölkerung und die Herren Antisemiten konnten vollständig unter sich sein. Der Congreß trug das Stigma der rückläufigen Bewegung. Mit welchem Spektakel war vor drei Jahren der Dresdener Congreß in Scene gegangen! Da waren die Ungarn erschienen, Stöcker gab den Priestersegen und das Bild der unglücklichen Esther Solymossi mußte der Komödie als Staffage dienen. — Hier verlief Alles still, die Koryphäen zweiten Ranges, Dr. Böckel (Marburg), Dr. König (Witten), Liebermann v. Sonneberg u. s. w. glänzten an der Spitze eines Häufleins von etwa 20 Getreuen. Der ganze Congreß zeigte, daß der Antisemitismus verkracht ist, wie seine Presse durchgefallen ist, daß die Conservativen, namentlich die Subalternbeamten, welche vordem ein großes Contigent zu den Antisemitenversammlungen gestellt hatten, dem Congreß fern geblieben sind. Herr Dr. Lotz, der hiesige Reichstagsabgeordnete, für den sich die Antisemiten seiner Zeit begeisterten, reiste, wie wir vernehmen, sogar von hier fort. Die Ratten verlassen eben das sinkende Schiff. Die äußere Veranlassung, daß die Conservativen sich von der Gemeinschaft mit den Antisemiten zurückziehen, mag wohl sein, daß letztere unter Führung des Dr. Böckel (Capistrano), eines jugendlichen Heißsporns, entschieden socialistische Neigungen an den Tag legen; das jüdische Capital ist für Dr. Böckel das zu bekämpfende Objekt. — Das „Casseler Jour.", das Organ der Conservativen, machte jüngst die Bemerkung, daß die Millionen Kruppös und Henschels dem Begehrenden nicht weniger lieb seien, als die des Rothschilds. Sobald der Gegensatz zwischen Antisemiten und Conservativen noch schärfer hervortreten wird, werden die ersteren jedenfalls hier ganz von der Bildfläche verschwinden und dieser Zeitpunkt scheint nicht sehr fern zu sein. Cassel, 17. Juni (Frkf. Z.). Unser Bericht über den sogenannten 2. deutschen Antisemitenkongreß ist vielfach so verstanden woroen, als handle es sich bei den „20 Getreuen", die den vertraulichen Sitzungen beigewohnt, um auswärtige Telegirte. Das war aber nicht so gemeint: An den vertraulichen Sitzungen nahmen überhaupt etwa 20 Personen Theil; — darunter waren 8 Auswärtige! die freisinnige „Casseler Zeitung" publicirt diese Zahlen und, obwohl das antisemitische „Reichsgeldmonopol" sie heute maßlos verunglimpft, weil die „Casseler Zeitung" sich beikommen ließ, einige der hiesigen antisemitischen Führer, Leute untergeordneter socialer Stellung, mit Namen zu nennen, so hütet es sich doch, die angegebenen Zahlen anzufechten. Interessant ist die Haltung des conservativen „Casseler Journal". Dasselbe geht mit den Antisemiten scharf ins Gericht und eonstatirt ihr vollkommenes Fiasko. Am Ende kommt freilich die alte Liebe wieder zum Vorschein. Das Blatt meint: „Es handelt sich nämlich gar nicht um einen „allgemeinen Congreß", sondern um das einseitige Vorgehen einiger befangener Heißsporne". — Das ist wirklich naiv! Die Einladung lautet ausdrücklich auf den „zweiten deutschen Antisemiten-Congreß," zu welchem eine Festschrift „Wacht auf!" besonders erschienen ist. Es war freilich kein Deutscher Antisemiten-Congreß; — es hat aber einer sein sollen; da liegt der Hase im Pfeffer! 27