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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-29 · Heft 27 (29.6.1886) · p. Seite 424

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 27 (29.6.1886)
Date
1886-06-29
Page
Seite 424 (sequence 8)
Language
German
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424 virung. Nun sollte nicht nur ein Repräsentant des im Völkerleben bereits veraltete rohen Schuldrechtes dargestellt werden — sein notwendigerweise rohes, ja cannibalisches Vorgehen sollte, wenn auch nur annähernd, richtig psychologisch motivirt werden. Das war eine schwere Aufgabe. Denn wo ums Himmelswillen konnte der Dichter aus dem Leben seiner Zeit und seines Culturvolkes eine Gestalt herausfinden, die mit halbwegs richtiger Psychologischer Motivirung einem Schuldner gegenüber auf dem Standpunkte der uralten Zerfleischungs- Theorie sich befände? Er brauchte eine solche Gestalt; aber wo sie finden? Es gab nur Eine Möglichkeit. Nur jene Summe historischen Unrechtes, die das christliche Mittelalter gegen die Juden häufte, nur jener religiöse Fanatismus des Hasses, der unzählige Scheiterhaufen lodern ließ, und jene wilde Verfolgungswuth die sich in einem Meere von Blut nicht kühlen konnte — nur all dieses konnte jene grenzenlose Verbitterung motiviren, aus welcher ein so unmenschliches, in Europa längst bereits unsittlich gewordenes Rechtsbegehren entspringt. Und so mußte denn Shylock ein Jude werden. Allerdings ein sonderbarer Zufall, daß gerade ein Jude herhalten mußte, um uns einen Rechtsgrundsatz künstlerisch zu veranschaulichen, dessen Geltung sich geschichtlich nur bei Germanen und Romanen, keineswegs aber bei Juden Nachweisen läßt. In den gegebenen Verhältnissen aber hatte der Dichter kaum einen andern Ausweg; der künstlerischen, dramatischen Wahrheit, die für ihn das oberste Gebot ist, opferte Shakespeare die geschichtliche Wahrheit." Die Frage ist richtig gestellt, aber die Beantwortung unsrer Meinung nach irrig. Um einen Bertreterjenesbarbarischen Rechts zu haben, brauchte Shakespeare durchaus nicht zu einem Juden zu greifen. Jeder haßerfüllte Feind des Kaufmanns, etwa ein von ihm wiederholt geschädigter Concurrent, dem jener seine commerziellen Listen verdorben hatte, konnte zu dieser Rolle gewählt werden. Die Frage also, warum Shakespeare gerade einen Juden dazu nahm, ist durch diese psychologische Motivirung nicht beantwortet. Die Sache lag viel näher. In dem Prozesse, welchem Shakspeare seinen Gegenstand entlehnte, war ein Christ und ein Jude betheiligt. Der Jude war also schon da. Nur aber war in jenem der Christ der, welcher das Pfund Fleisch verlangte, und der Jude der, welchem es ausgeschnitten werden sollte. Nur die Dazwischenkunft des Papstes rettete den letzteren. Shakespeare wollte aber nicht den Christen als Barbaren, den Juden als leidenden Theil darstellen. Er vertauschte daher die Rollen Beider, woraus sich für ihn ein sehr reicher Stoff ergab. Dies war freilich kein edler Streich, auch nicht blos eine Verletzung „einer geschichtlichen Wahrheit", sondern eine schwere Verletzung oer Wahrheit und des Rechtes überhaupt. Auch an dem größten Dichter ist nicht Alles edel und wahr. Was auch über Shylock diskutirt, disputirt, verhandelt und erklärt wird: die Wirkung des Stückes entscheidet die Ansicht über dessen Tendenz und Werth. Schwerlich wird durch ein anderes Drama Judenhaß und Judenspott mehr genährt und befriedigt als durch Shylock! Und so ist es den Juden wahrlich nicht zu verdenken, wenn sie gegen eine solche Escamotage Protest einlegen. Deutschland. Berlin, 18. Juni (Privatmitth.) Man hat es der A. Z. d. I. vorgeworfen, daß sie betreffs des Antisemitismus eine zu optimistische Ansicht ausgesprochen, wenn sie denselben als im Niedergang begriffen dargestellt. Dieselbe hat niemals verkannt, daß eine judenfeindliche Gesinnung allzu sehr verbreitet sei, die jedoch nicht von heute und nicht von gestern datirt, sondern sich auch seit der Aera der Aufklärung, als ein Ausfluß des Mittelalters erhalten hat, von Zeit zu Zeit explodirt und sich wohl so bald noch nicht verlieren wird. Aber die judengehässige und verfolgungssüchtige Bewegung, die in den letzten Jahren mit dem so fälschlich gewählten Namen Antisemitismus bezeichnet oder besser gebrandmarkt worden, hat allerdings in Deutschland ihren Niedergang erreicht. Dies beweisen die Thatsachen. Der jüngste antisemitische Congreß in Cassel hat die Ohnmacht der antisemitischen Agitatoren genügend erwiesen. Der Concurs Pinkert's in Dresden, der auch unter dem Pseudonym Egon Waldegg mehrere giftige Broschüren verfaßt hat, ist ein sprechendes Zeugniß. Die Beurtheilung Stöckers aus streng gläubigen Kreisen heraus und die Stellung, die ihm die gerichtlichen Vorgänge, zuletzt beim Reichsgericht, gegeben, sprechen deutlich für unsere Meinung. Wie der protestantische, so hat aber auch der ultramontane Antisemitismus in den Personen Rohlings und Birmanus reichliche Kolbenschläge erhalten. Rechnet man hierzu, wie allmählich aus der Literatur und Presse die antisemitischen Pamphlete und Artikel geschwunden sind, so wird man der Ansicht der A. Z. d. I. zustimmen müssen. Wie gesagt, ist hiermit nicht geleugnet, daß eine starke, den Juden abholde Gesinnung, welche aus jener Bewegung eine reiche Nahrung gezogen, noch sehr verbreitet ist.

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