Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 27 (29.6.1886)
- Date
- 1886-06-29
- Page
- Seite 421 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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421 auch — und zwar in sehr beklagenswerther Weise — für die Mädchen selbst. Diese gehen eines großen Theils derjenigen sittlichen und Herzenseigenschaften verlustig, die das Familienleben auch für die Dienenden erzeugt, und deren es bedarf, wenn diese einen eigenen Hausstand gründen. Häusliche Arbeit und Fabrikarbeit sind ganz verschiedene Dinge: jede will besonders gelernt, verstanden, geübt sein. Ob es viel jüdische Mädchen giebt, die in Fabriken beschäftigt sind, weiß ich nicht — ich möchte annehmen, daß es nicht der Fall ist. Größer wird wohl die Zahl derjenigen sein, die in Geschäften als „Verkäuferin" Verwendung finden. Es ist dies eine ebenso durch unsere industriellen Verhältnisse bedingte Erscheinung, wie die der Fabrikarbeiterinnen, und das Resultat wird das gleiche sein. Der Erwerbsfähigkeit wird häufig die Fähigkeit für die Aufgaben des Hauses, in der Wirthschaft etwas leisten zu können, geopfert. Der Vorzug einer Erwerbsthätigkeit, welche die weibliche Jugend der Familie, dem Hause nicht nur entfremdet, sondern das Gemüthsleben reicher entwickelt, die Eigenschaften und Fertigkeiten übt, die das häusliche, das wirthschaftliche Leben erfordert, die mit einem Worte die Jungfrau „dienen lehrt nach ihrer Bestimmung", tritt wohl dem Beobachtenden klar entgegen. Die Kindergärtnerin übt den erziehlichen Beruf größtentheils innerhalb der Familie aus und hat diejenigen wirthschaftlichen Hilfsleistungen zu erfüllen, die in einem bürgerlichen Haushalt die Tochter des Hauses übernimmt. Unmöglich können wir selbst von den unbemittelten jüdischen Familien einer städtischen Bevölkerung verlangen, daß sie ihre Töchter urplötzlich „Dienstmädchen" sollen werden lassen — jetzt wo die allgemeinen Culturzustände die Ergreifung des Dienstbotenberufes nur den Mädchen vom Lande und aus kleinen Städten wünschenswerth erscheinen lassen. Wohl aber können wir dafür sorgen, daß eine größere Anzahl von jungen Mädchen Lust und Liebe und Geschick für den Dienst in der Familie und des Hauses in einem andern und höheren Sinne erhalten. Die Kindergärtnerin für die Familie hat eine Erwerbsthätigkeit, die dem Hause und ihr selbst nur zum Segen gereichen kann. Mehr noch als die Gründung und Erhaltung von Volkskindergärten ist hier bei der Bildung von Kindergärten immer eine Aufgabe für einsichtsvolle Frauen aus unseren wohlhabenden Ständen vorhanden. Denn nirgends herrscht ein größerer Mißbrauch als auf diesem Gebiete. So wundervoll die Fröbel'sche Methode ist, so wenig genügt die Aneignung derselben durch die Praxis im Kindergarten für die rechte Handhabung bei der Erziehung. Der Vorwurf, den man häufig der Fröbel'schen Methode von pädagogischer Seite macht, „sie gewöhne die Kinder an ein mechanisches Thun", ist nur auf den Umstand zurückzuführen, daß es so viel mechanisch zugestutzte Kindergärtnerinnen giebt. Die geringe Kenntniß der jüngsten, schöpferischen That auf pädagogischem Gebiete in Deutschland von Seiten unserer gebildeten Frauen ist schuld an dem Mißbrauche, der mit ihr getrieben wird. Aber dieser Mißbrauch hebt den Gebrauch nicht auf und so ist allerdings dem Ueberhandnehmen von oberflächlicher, geistloser Ausübung einer Methode, die einen tiefsinnigen, geistvollen Ursprung hat, durch eine bessere Bildung der Kindergärtnerinnen zu begegnen. In der hiesigen Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen ist ein 1 bis 2 Jahre dauernder Lehrgang; der wissenschaftliche Unterricht wird von Lehrern ertheilt, die an hiesigen städtischen höheren Schulen angestellt sind. Die Lehrgegenstände („Erziehungslehre, Geschichte der Erziehung, Gesundheitslehre, Naturgeschichte und Naturlehre, Geometrie, Deutsche Sprache und Literatur) werden neben Gesang, Turnen, Zeichnen und allen zur Fröbel'schen Methode gehörenden Uebungen von Fachlehrern ertheilt. Die Schülerinnen erhalten Methodik des Elementarunterrichts und hospitiren in einer hiesigen Bürgerschule." Außerdem ist der sogenannte Handarbeitsunterricht im Nähen, Flicken, Stopfen, im Schneidern und in Putzarbeiten eingeführt. Auf solche Anstalten sollten die Frauen ihr Augenmerk richten und namentlich durch persönlichen Einfluß dafür sorgen, daß die gut gebildeten Mädchen in jüdischen Familien Anstellung finden: es ist leider in unserer Zeit ein durch die Verhältnisse gebotener Akt der Nothwehr, daß jüdische Familien jüdische Kindergärtnerinnen anstellen müssen. In Rücksicht darauf halte ich mich gleichfalls für verpflichtet, meine Erfahrungen mitzutheilen: Der weitaus größte Theil der in unserer Anstalt gebildeten Kindergärtnerinnen bewährt sich ganz vorzüglich; ich habe keine Veranlassung, hier störender Eigenthümlichkeiten zu erwähnen. Unsere Kindergärtnerinnen sind im In- und Auslande, bis in Amerika thätig: ich höre größtentheils Gutes von ihnen — sie bewähren sich durch jahrelangen Aufenthalt in einer und derselben Familie. Ist es sonst und in früheren Zuständen ein unberechtigtes Vorurtheil gewesen, wenn jüdische Familien keine jüdische Kindergärtnerin engagirten, so ist es jetzt und in unserer Zeit ein strafwürdiges Vorurtheil geworden. Mit diesem ziveiten Artikel möchte ich die Aufmerksamkeit unserer gebildeten Frauen auf eine für sie selbst wichtige Frage gelenkt haben. Die Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen giebt nicht nur den jungen Mädchen eine Erwerbsthätigkeit — sie giebt den Müttern die Erziehungsgehilfinnen. (Schluß folgt.)