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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-29 · Heft 27 (29.6.1886) · p. Seite 420

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 27 (29.6.1886)
Date
1886-06-29
Page
Seite 420 (sequence 4)
Language
German
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420 Bedeutung der Erziehungslehre Fröbels für die beiden so wichtigen Lebensalter „Kindheit und weibliche Jugend" kennzeichnen. Wenn auch nur in allgemeinen Zügen, habe ich es versucht, in dem ersten Artikel hen segensreichen Einfluß der Volkskindergärten in Rücksicht auf eine harmonische Entwickelung der Kleinen im vorschulpflichtigen Lebensalter zu erörtern. Im Zusammenhänge mit den Volkskindergärten steht die: Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen. Vieles, ja das Meiste von demjenigen, was ich über die so werthvolle Fröbel'sche Methode in Rücksicht auf die Erziehung der Kleinen gesagt, wäre hier zu wiederholen. Die Uebung der Handgeschicklichkeit durch die technisch-künstlerischen Beschäftigungen des „Bauens, Faltens, Flechtens, Zeichnens, der Thonarbeiten", ist für unsere jungen Mädchen ebenso vortheilhaft wie für die Kinder. Während die größere Zahl der männlichen Berufskreise einer besonderen Geschicklichkeit der Hand entrathen kann, ist das weibliche Geschlecht nicht in der Lage, auf die handarbeitende Thätigkeit zu verzichten. Selbst Diejenigen, die von dem Rechte und der Pflicht, die unsere Culturverhältnisse der Frau auferlegen, Gebrauch machen und einen Beruf wählen, der mit wirthschaftlicher Thätigkeit nicht zusammenhängt, werden immerhin diese Handbeschäftigungen nicht ganz aufgeben. Die wissenschaftlich gebildete Lehrerin, selbst die Schriftstellerin, sucht eine Erholung in diesen Arbeiten und gewiß ist der sittlich bildende, der das Gemüth beruhigende Einfluß der Handarbeit nicht zu unterschätzen. Aber auch der Nutzen ist nicht gering zu veranschlagen — namentlich für Diejenigen, deren Thätigkeit dem Hause, der Wirthschaft angehört. Die Hand der Frau hat eine, große Bedeutung für die Erhaltung des Hausstandes, für die anmuthige, harmonische Gestaltung desselben. Abgesehen von der eigentlichen Handarbeit ist das Darreichen, das Geben und Nehmen der verschiedenen, zu den Bedürfnissen des Lebens gehörenden Dinge eine Angelegenheit, die nicht ohne Geschicklichkeit vollbracht wird. „Leget Anmuth in das Geben" ist ein Spruch, der bei jeder Mahlzeit von den weibl. Mitgliedern eines bürgerlichen Hausstandes zu beachten ist. Ebenso ist die Entwickelung der Formen, Farben, des Schönheitssinnes, die Gymnastik, sind die sinnigen Bewegungsspiele in Rücksicht auf die Haltung des Körpers, auf die Bewegung der Glieder — auch in Rücksicht auf den naiven Inhalt sehr vortheilhaft für die weibl. Jugend aller Stände. Hier hatte ich die beste Gelegenheit, den Segen der Fröbel'schen Erziehungsmethode kennen zu lernen und zugleich die Erfahrungen zu machen, die diese Artikel zur Voraussetzung haben. i Während einer fünfzehnjährigen Thätigkeit an unserer 1 Anstalt sind 400 junge Mädchen zu Kindergärtnerinnen herangebildet worden, unter denen 100 unserer Glaubens- ' genossenschaft angehörten. Ich konnte beobachten, daß die : jungen Mädchen aus Leipzig sich wenig von einander unterschieden — daß aber fast alle jüdischen Mädchen, die aus der Fremde, namentlich aus kleinen Städten zu uns kamen, eine bemerkenswerthe Ungeschicklichkeit für die mit der Hand auszuführenden Beschäftigungen zeigten. Es handelt sich demnach nicht um eine der jetzt so beliebten unberechtigten Raceneigenthümlichkeiten, sondern ganz einfach um eine der Erziehung zur Last fallende Vernachlässigung. Ebenso aber drängte sich mir die Wahrnehmung auf, daß durch das Interesse, das diese bildenden Beschäftigungen auch bei den jungen Mädchen erregten, sich die Ungeschicklichkeit verlor und mit der Freude an den anmuthigen Arbeiten die Geschicklichkeit sich einstellte. Diese Geschicklichkeit ist aber nicht nur werthvoll für die Erziehung der Kinder — sie überträgt sich auf all' die kleineren und größeren Verrichtungen im wirthschaftlichen Leben. Die Genauigkeit, Sauberkeit, Accuratesse, die am „Faltblatt" geübt wird, wird zu einer wirthschaftlichen Tugend bei dem Zusammenlegen der Garderobe, bei dem Falten der Briefbogen, der Servietten, der Wäsche rc. Wenn der Finger die Bauklötzchen festhalten gelernt (im Anfänge fallen sie gewöhnlich mit Geräusch zwischen die Finger), dann halten sie später auch Teller und Gläser und die sonstigen Geräthe fest — ein Umstand, der im wirthschaftlichen Leben seine Bedeutung hat. Diese einfachen Thatsachen kann sich jeder Leser und namentlich jede Leserin aus ihrer eigenen Erfahrung ergänzenich wende mich jetzt einer andern Seite zu, deren Erörterung mir für unsere speeiellen Verhältnisse wichtig erscheint. Die Frage nach einer Erwerbsthätigkeit für das weibliche Geschlecht ist überall vorhanden. Sehr häufig ist der Vorwurf innerhalb unserer Kreise erhoben worden, daß die jüdischen Mädchen nicht „dienen" wollen, d. h. nicht als Dienstmädchen einen Erwerb suchen. Man vergißt bei diesem Vorwurfe nur das Eine, daß die Klage wegen Dienstmädchenmangel eine allgemeine ist, und daß dieser Mangel mit der Entwickelung unserer industriellen Verhältnisse zusammenhängt. Die Fabriken allein verbrauchen viele der Arbeitskräfte, die sonst ihren Unterhalt im häuslichen Dienste suchten. Ich weise nur auf diese eine Thatsache hin, obgleich es eine große Zahl von Erscheinungen giebt, die den Mangel an Arbeitskräften fürs Haus, für die Wirthschaft erklären und die in unserer Culturentwickelung begründet sind. Trotzdem ist hier ein Schatten vorhanden, den das Licht hervorgebracht — es ist und bleibt ein Uebelstand, daß so wenig Mädchen gewillt sind, ihre Kräfte dem häuslichen Dienste zu widmen — ein Uebelstand nicht nur für die Hausfrauen, sondern

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