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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 412 (sequence 12)
Language
German
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412 blick auf die Entwickelung der Anstalt, deren gute Bestrebungen und segensreiche Wirksamkeit vor Aller Augen lägen. Zwei fromme Brüder, Hermann und Philipp Samson, legten vor hundert Jahren den Grundstein zu dem Werke, das sich im Laufe der Zeit so trefflich weiter entwickelt hat. Zu diesem schönen Gelingen trug namentlich der Umstand bei, daß die Schule das Glück hatte, treffliche Leiter und Lehrkräfte zu besitzen, die zum Theil in der Anstalt selbst ihre Ausbildung empfangen hatten. Redner gedenkt namentlich des hervorragenden Wirkens der beiden Direktoren Ehreuberg, sowie des würdigen Nachfolgers derselben, des jetzigen Directors Dr. Rosenstock, deren Thätigkeit und Fürsorge in erster Reihe zu danken sei, daß die Anstalt es zu dem gebracht hat, was sie heute darstelle. Bedeutende Männer, wie z. B. Zunz und Jost, seien aus ihr hervorgegangen; dessen erinnere man sich heute mit besonderer Freude. Möge der Baum weiter reiche Früchte tragen für alle Zeit, möge der Segen des Himmels auf dem Werke ruhen, das man dem gnädigen Schutze des Allmächtigen anbefehlen wolle. Die schönen, tiefempfundenen Worte des 80jährigen Greises machten ersichtlich einen liefen und nachhaltigen Eindruck auf die Zuhörer. Es folgte ein Gesang des Schüler-Sängerchors (Psalm 8: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist Dein Name") und darauf die Festrede des Directors Dr. Rosenstock. Namens der Anstalt sprach derselbe zunächst herzlichen Dank aus Allen, die gekommen seien, au ihrem Jubelfeste Theil zu nehmen. Ein frommes Werk gottesfürchtiger Männer, sei die Schule am 4. Juni 1786 als ein jüdisch-religiöses Lehrhaus entstanden, in einer Zeit, welche als Scheidelinie zwischen zwei feindlich sich' entgegenstehenden Lebensanschauungen und Gesellschaftseinrichtungen, zwischen Mittelalter und Neuzeit bezeichnet werden muß. Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ist das Zeitalter der Philosophie und der Aufklärung, welche, von den französischen Encyclopädisten ausgehend, alles in Kirche, Staat und Gesellschaft damals Bestehende einer unerbittlichen Prüfung auf das Recht seiner Existenz unterzogen hat, um die drückenden politischen und socialen Zustände zu beseitigen und das Leben der Völker auf neuen Grundlagen an Stelle der bisherigen feudal-aristokratischen aufzubauen. In diesem Jahre, 1786, starb der Philosoph auf dem Throne, Friedrich II., ein Heldenkönig, an dessen herrlicher Persönlichkeit die gesammte deutsche Nation sich wieder emporgerichtet hat. In eben demselben Jahre starb auch der Philosoph auf dem Eomptoir, Moses Mendelssohn, ein Mann in des Wortes edelster Bedeutung, welcher lange vorher, ehe die Umwälzung der Zeit das räumliche Ghetto seiner Glaubensgenossen niedergerissen hatte, deren geistiges Ghetto dadurch zu sprengen sich bemühte, daß er sich durch eine geläuterte Sprache in das frisch pulsirende Leben der deutschen Nation einführte und entgegen dev beschränkten Anschauungen seiner Zeitgenossen, in seiner eigenen Persönlichkeit der Mit- und Nachwelt den Beweis lieferte, daß weltliches Wissen, deutsche Bildung und jüdischer Glaube wohl vereinbar seien, daß die alte väterliche Religion neben freier Forschung und philosophischer Weltanschauung wohl bestehen könne. Es erschien endlich tu jenem Jahre, 1786, angeregt durch die reformatorisch-pädagogischen Ideen des Philosophen auf dem Lehrstuhle der Akademie, Jean Jacques Rousseau, ein Büchlein von dem edlen Schweizer Heinrich Pestalozzi, betitelt: „GedankenreicheNachforschungen über den Gang der Natur in der Entwickelung des Menschengeschlechts", welches die Volkserziehung und Volksbelehrung umzuwandeln bestimlut war. Redner hält es deshalb an dem Fest, und Ehrentage einer Lehr- und Erziehungsanstalt für angezeigt, die Aufmerksamkeit der Festgenossen auf die Reform und Entwickelung oes deutschen Schulwesens seit einem Jahrhundert zu lenken, zumal ja diese Entwickelung auch der Samson-Schule Richtung und Ziel für ihre Wirksamkeit vorgezeichnet hat. Der ^ftiinbige Vortrag, welcher hoffentlich in dem nächsten Jahresprogramm der Anstalt in wortgetreuem Abdruck erscheinen wird, bot ein so reichhaltiges und belehrendes pädagogisches Material, daß wir uns die Wiedergabe desselben in einem Referate versagen müssen. Am Schluffe der interessanten Ausführungen besprach Herr Dr. Rosenstock die Veränderungen, die der Lauf der Zeiten auch für die Samson-Schule mit sich gebracht, welche seit seinem Amtsantritte vor 15 Jahren sowohl räumlich, wie wissenschaftlich und erziehlich erweitert worden sei. Eines aber sei in ihr unverändert geblieben: der Geist der Gottesfurcht, der Vaterlands- und Nächstenliebe, der Geist der Zucht und der Arbeitsamkeit. Mögen ihr diese kostbaren Güter auch beim Eintritt in das zweite Jahrhundert ihres Bestehens für alle Zukunft erhalten bleiben. Auf die schönen, beherzigenswerthen Worte des Redners, die sichtlich allseitig den tiefsten Eindruck gemacht hatten, folgte der Gesang „Lob Gottes", worauf Namens der Jacobsohn-Schule in Seesen, deren Director Dr. Philippson der Schwefteranstalt Glückwünsche nberbrachte. Aus einer rabbinischen Clausel sei die Schule zu einer weit und breit geachteten deutschen Erziehungsanstalt geworden, deren Aufgabe es ist, zu vermitteln zwischen jüdischer und deutscher Bildung. Möge die Samson-Schule eintreten in ein neues Jahrhundert mit ihren bisherigen Principien als ein leuchtendes Vorbild gesegneter und echt humaner Thätigkeit! Herr Moritz Meyer, ein ehemaliger Zögling der Samson- Schule, jetzt Besitzer der New-Iorker Handelszeitung, nahm nun das Wort zu einem Dankesausdrucke gegen die Administratoren der Anstalt, denen er beauftragt sei, als Jubiläumsgabe früherer Schüler eine Summe (ca. 5300 M.) zu überreichen, aus deren Zinsen strebsamen, ehemaligen Zöglingen

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