Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1886)
- Date
- 1886-06-22
- Page
- Seite 411 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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411 Aeuitteton. Wolfenbüttel, 6. Juni 1888. Die Ziikularfeier der Lamson-Lchule in Woifenbüttel. Am 3. und 4. d. M. feierte die Samson-Schule zu Wolfenbüttel unter reger Betheiligung der Behörden, ehemaliger Schüler, Freunde und Gönner der Anstalt das Fest ihres hundertjährigen Bestehens, ein bedeutsames Ereigniß, wenn man bedenkt, daß die von Philipp Samson gegründete Schule die erste jener humanen Stiftungen zur Hebung des jüdischen Jugendunterrichts ist, welche gegen das Ende des vorigen und im Anfang dieses Jahrhunderts aus den Bestrebungen hervorgingen, eine höhere geistige Entwickelung des Judenthums im Sinne Mendelssohns zu fördern. Donnerstag Nachmittag um 2 Uhr begaben sich die Administratoren, Lehrer und Zöglinge der Anstalt und die bereits eingetroffenen Gäste nach dem Friedhofe, uin an den Gräbern des Stifters Philipp Samson, des Inspektors S. M. Ehrenberg und dessen Gattin in pietätvoller Weise das Andenken derselben zu ehren. Die Schüler sangen einen zu diesem Zwecke gedichteten Choral, worauf der Direktor der Samson-Schule, Herr vr. Rosenstock, eine eindrucksvolle Ansprache hielt. Anknüpfend an Jes. 26. 19.: „Stehet auf, ihr Todten, erhebet euch, ihr Leichname, frohlocket und singet, die ihr im Staube der Erde ruhet ^, hob der Redner in schönen und ergreifenden Worten gebührend die Verdienste des Stifters Philipp Samson hervor, der durch sein edles Werk seinen Namen unsterblich gemacht habe. Wenn es ihm in seinem Leben nicht vergönnt gewesen sei, sich an dem Aufblühen eines Sohnes zu erfreuen, so schaue er jetzt nach 100 Jahren auf so viele Kinder herab, die in Liebe und Dankbarkeit trauernd sein Grab umständen. Sein Beispiel solle diesen ein Sporn sein, im Sinne ihres Wohlthäters selber weiter zu wirken. Nachdem der Redner sodann einen Kranz auf das Grab des Stifters niedergelegt hatte, gedachte er auch in Worten der Anerkennung und Dankbarkeit des Inspektors S. M. Ehrenberg's und dessen Gattin, welche das Werk Samson's in wirksamster Weise gefördert hätten und denjenigen Vater und Mutter gewesen wären, welchen der Stifter ein Heim geöffnet hatte. Auch ihre Gräber schmückte schließlich der Redner mit Kränzen. Der Choral: „Da unten ist Frieden" beschloß den weihevollen Akt. Abends 7 Uhr vereinigten sich die Festgenossen auf Einladung des Herrn Direktors zu einem Imbiß in der Wohnung des letzteren. Von da aus begaben sie sich alsdann nach dem Forsthause, wo man in gemüthlichem, zwanglosen Zusammensein den Rest des Abends verbrachte, Erinnerungen an ehemalige glückliche Stunden auffrischte, und sich insbesondere an der ungezwungenen Fröhlichkeit der Schüler, welche im Garten des Forsthauses gleichzeitig ihren Kommers hielten, herzlich erquickte. Am andern Morgen um 9 Uhr fand in dem schön geschmückten Tempel, der sich in dem alten Stiftungshause befindet, ein Festgotlesdienst statt. Der 65. Psalm wurde vom Cantor vorgetragen, zwei Abschnitte aus „Hallet" und der Choral: „Großer Gott wir loben dich", vom Schülerchor gesungen. Alsdann hielt Herr Landrabbiner, vr. Rülf aus Braunschweig, die Jestpredigt: Wenige Monate nach dem Tode Mendelssohn's sei die Samson-Schule ins Leben gerufen worden, und es sei eine schöne Fügung der Vorsehung, daß sie begründet worden sei in derselben Stadt, in welcher Mendelssohn's großer Freund lebte und dichtete, und in welcher dessen „Nathan der Weise" wenige Jahre vorher erschienen war. Anknüpfend an Psalm 43, 3: „Dein Licht und deine Treue mögen mich leiten", führte der Redner sodann aus: wie den Stiftern sowie Wohlthätern der Anstalt allen gemeinsam gewesen sei das Streben nach Licht und Treue. Treu den Grundsätzen der Humanität, welche der Großvater bethätigte, habe der Enkel dessen edles Werk gefördert, und bis zum heutigen Tage seien die Nachkommen! der Stifter den Grundsätzen ihrer Ahnen treu geblieben, l Gleichzeitig aber soll die Anstalt dieses heilige Licht wahren, j als Licht der Erkenntniß und Gottesfurcht. An die schönen l und schwungvollen Worte bes Redners schloß sich der Choral! „Wie sie so sanft ruhen" an, worauf der Landrabbiner nach Verlesung der Namen sämmtlicher Stifter und Wohlthäter der Anstalt für diese, wie für die verewigten Direktoren Ehrenberg, Vater und Sohn, und die verstorbenen Lehrer der Anstalt ein Gebet sprach. Mit einem vom Rabbiner vorgetragenen Kaddisch schloß der Gottesdienst. Die Festtheilnchmer vereinigten sich sodann zu einem Frühstück in dem in Grün prangenden Speisesaale der Anstalt, und um 11 Uhr begann der eigentliche Festactus in liec reich dekorirten Aula der Schule. Es hatte sich eine stattliche Gesellschaft von Damen und Herren eingefunden, unter diesen eine große Anzahl ehemaliger Schüler der Samson-Schule, 80jährige Greise, die in den Jahren von 1815—1820 in der Anstalt geweilt, und Jünglinge, welche dieselbe erst vor wenigen Jahren verlassen hatten. Die Behörden des Kreises, der Stadt und des Consistoriums waren durch ihre Spitzen vertreten. Nach einer musikalischen Jntroduction der Pianistin Fräulein Emma Rosenstock aus Berlin, Tochter des Directors, begrüßte im Namen der Administration der älteste Administrator, Herr Geh.-Rath, vr. Hermann Cohen aus Hannover, die erschienenen Gäste mit herzlichen Worten, Dann warf derselbe einen kurzen Rück- 26*