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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 409

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 409 (sequence 9)
Language
German
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409 aber die czechisch-klerikale Presse registrirte, ohne ihre abscheu-! liche Absicht zn verbergen, jedes Gerücht. Von dem ver-' schwundenen Mädchen war trotz der Bemühungen der Gemeinde Prerau und der Heimathsgemeinde der Hlotschek seither keine Spur zu entdecken und der „rituelle Mord" galt bei dem Pöbel als begangen. Da traf am Sonntag bei dem Bezirksgerichte Prerau eine Zuschrift des Bezirksgerichtes Olmütz ein, daß Josefine Hlotschek in Olmütz wegen Diebstahls verhaftet wurde und daß dieselbe geständig ist, auch ihren früheren Dienstgeber, Lehrer Pollak, bestohlen zu haben, weshalb sie seinerzeit aus Pollak's Hause unter Mitnahme der gestohlenen Effecten flüchtete. Die Hlotschek wird in Folge Beschlusses des Gerichtes in Prerau dahin eingeliefert. Die Schlußverhandlung findet demnächst öffentlich statt. Frankreich. Paris, 10. Juni. Um den voraussichtlichen Beschlüssen des Parlaments zur Beseitigung oder doch vorläufig zur äußersten Beschneidung des Cultusetats in etwas zuvorzukommen, beschäftigt sich das Consistorium damit, den jüdischen Stiftungen vom Staatsrathe das Recht der juristischen Person, d. h. Spenden und Legate zu erhalten, zu erlangen, wie dies bereits mit dem Hospital Rothschild geschehen ist. Es wäre zu wünschen, daß die Provinzialconsistorien und die Stiftungsverwaltungen in ähnlicher Weise Vorgehen, um jedem eventuellen Stoß zuvorzukommen. Rußland. Von der russischen Grenze, im Juni. Wie wir bereits ausgesprochen, sind die Ausweisungen zu einer Regierungsmaxime in den europäischen Staaten geworden. Einer der „Polik. Corr." aus Lemberg zugehenden Meldung zufolge sind in den letzten Tagen mehrere österreichische Judenfamilien mit Kindern von den russischen Behörden aus Woloczyska ausgewiesen und an die Grenze geschafft worden. Weitere Ausweisungen von fremden Juden aus dem Grenzrayon stehen bevor, und es scheint demnach die längst angekündigte Durchführung der alten Verordnung, welche den ausländischen Juden den Aufenthalt im russischen Grenzrayon untersagt, begonnen zu haben. Turek, 4. Juni (Privatmitth.). In mehreren Städten, wie z. B. auf dem Markte W olgut im livländischen Gouvernement u. s. w. fanden Excesse statt, und in vielen — wieder Brandkatastrophen, wie in Schad (Gouv. Kijew) mit 120 Gebäuden, in Minsk mit 200 Gebäuden u. s. w., wo unzählige jüdische Familien obdachlos und im größten Elend geblieben sind, allein in Minsk über 3000 jüdische Personen. Nach den in Beffa stattgehabten Judenkrawallen, hat der dortige Archierey (Bischof) Nikanor eine tief ergreifende Rede gehalten, welche die „No wobti" veröffentlichte, und worin er die brutalen Ausschreitungen des Pöbels in sehr heftigen Worten verurtheilt. Wie der „Anz. f. Libau" mittheilt, sollen die fremden, nicht zu dem jüdischen Ansiedelungsrayon verzeichneten Juden, welche seit mehreren Jahren ihr Domicil in Libau genommen haben und nunmehr von der dortigen Polizei ausgewiesen werden sollten, auf höhere Verfügung auch weiterhin verbleiben dürfen, mit der ausdrücklichen Weisung jedoch, daß künftighin durchaus keine zu fremden Gouvernements gehörenden Juden zum beständigen Verbleiben in dieser Stadt zugelassen werden sollen. — Das „Circular des Dorpat'schen Lehrbezirks" enthält den vom 7. März d. I. datirten Allerhöchsten Ukas, wonach unter die Zahl der Studirenden des Veterinär-Instituts zu Dorpat nur solche Juden ausgenommen werden dürfen, welche ein Maturitäts- Zeugniß vorzuweisen haben. Wie hier, so auch schon in dem Veterinärinstitut in Kasan und allüberall wurde die Maßnahme mit Erfolg gekrönt und auf jede Art und Weise die Aufnahme jüdischer Petenten beschränkt. Bis vor Kurzem genügte für die Aufnahme in diese Institute — ohne Unterschied der Confession — die Absolvirung von Classen eines russischen Gymnasiums oder des vollen Cursus einer Realschule. Die Zahl der Einwohner in Warschau beläuft sich nach der letzten Volkszählung auf 406 965, worunter sich 136 234 Juden befinden. Ueber die Leistungen der jüdischen Gemeinde in genannter Stadt zu humanen Zwecken werden in der „Hazefirah" folgende interessante Angaben gemacht: Erwähnte Gemeinde zahlt schon seit dem Jahre 1864 für ihr Hospital jährlich 15 000 Rubel, für jüdische Arme 26 000 Rubel und für ein jüdisches Alterversorgungsasyl 5 750 Rubel pro Jahr. Diese Zahlen legen für den Wohlthätigkeitssinn der Warschauer jüdischen Gemeinde ein schönes Zeugniß ab. — Seit den Ausweisungen vieler unserer Glaubensgenossen aus Petersburg nimmt die Zahl der dort lebenden Juden ab. Jetzt wohnen daselbst nur 16826 Juden gegen circa 40000 früher. Unter 504 Advokaten und Winkeladvokaten Hierselbst befinden sich 86 Juden. — Dem Herrn Simon: Bernstein, Hofmakler zu Odessa, wurde von Sr. Kaiserl. Majestät die Auszeichnung des Wladimirordens IV. Klasse zu Theil. — Herr Dr. A. Harkavy ist im Aufträge der Regierung auf vier Monate nach dem Orient gereist. — Der Chef der Polizei in Nyschninowgrod hat den Juden streng verboten, Tauben zu fangen oder zu schlachten, da die Taube den Rechtgläubigen (Russen) als heiliges Symbol gilt. — Noch kurioser scheint diese Nachricht: In einem kleinen russischen Städtchen Pereisaslawl verschied ein Jude Namens Saribni im Alter von 26

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