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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 408

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 408 (sequence 8)
Language
German
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408 Oesterreich-Ungarn. Wien, 7. Juni. (Privatmitth.) Obgleich im österreichischen Abgeordnetenhaus die Antisemitenpartei nur drei Anhänger zählt, so ersetzen diese doch ihre geringe Anzahl durch eine Rührigkeit, die einer besseren Sache würdig wäre. Sie lassen keine Gelegenheit sich entgehen, um ihrem Hasse gegen die Juden Lust zu schaffen. In der heutigen Sitzung trat das Haus in die Specialdebatte über das Socialisten- oder Anarchistengesetz ein. Der zufällige Umstand, daß der zu den Altczechen hinueigende vr. Zucker, ein Jude, für die Regierungsvorlage eintrat, indem er die Befürchtung hegte, daß die Geschworenen sich einschüchtern ließen, veranlaßt den Antisemiten Wundarzt Türck, sich wie gewöhnlich gegen die Juden auszusprechen. Er hätte, meinte er, von einem Juden nicht erwartet, daß er ein Ausnahmegesetz befürworte, da die Inden unter den Ausnahmegesetzen schwer zu leiden hatten, und wie das Vorgehen der preußischen Behörden zeige, auch jetzt noch leiden und massenhaft ausgewiesen werden, wenn sie nicht heimathberechtigt sind. (Bloß Juden? Diese theilen doch ihr Schicksal mit den Polen, weil sie aus polnischen Ländern sind.) „Aber freilich, von einem Juden müsse Alles, also auch dieser Widersinn erwartet werden." Gegen ihn erhob sich der Abg. Rabbiner Bloch und wies den Angriff Türck's zurück. Er sagte, daß Juden wohl der socialdemokratischen Partei angehören, daß aber die anarchistischen Verbrecher lauter „unverfälschte" Deutsche wären. Hiergegen sprach sich die Meinung aus, daß im Abgeordnetenhause 16 Juden säßen, worunter sehr sympathische Persönlichkeiten, und daß es deshalb sehr auffallend sei, daß diese die Vertheidigung ihrer Glaubensgenossen allein dem Dr. Bloch überließen, der durchaus nicht beliebt sei, selbst nicht bei seinen Parteigenossen, den Polen. Das hat man jenen jüdischen Abgeordneten schon recht oft gesagt; da sie aber in solchen Fällen stets schweigen, so muß man es dem Dr. Bloch Dank wissen, daß er gegen die Antisemiten stets Front macht. Wien, 7. Juni. Niemand versteht es besser, Großthuerei zu treiben, als die Antisemiten. Hierin sind sie sich in Berlin, Dresden und Wien vollständig gleich, und so oft sie auch von den Thatsachen dementirt werden, fahren sie doch unentwegt zu prahlen und aufzubauschen fort. Wie wir mehrfach mitgetheilt, hat der „Deutsche Schulverein" die antisemitischen Zumuthungen entschieden abgewiesen. Nun zeigt Schönerer an, daß er dem Deutschen Schulverein gegenüber einen antisemitischen deutschen Schulverein bilden wolle. Daß er sich mit diesem Plane ganz bestimmt compromittiren und nur ein kleines Häuflein um sich sammeln werde, ficht ihn nicht an, er will ja nur. Geräusch und nicht an sich vergessen machen. Wien, 11. Juni (Abgeordnetenhaus.) Die Generaldebatte über den Zolltarif wurde beendigt und das Eingehen in die Spezialdebatte einstimmig beschlossen. Der Generalredner der Linken, Plener, griff heftig den Finanzminister an und wies scharf die Antisemiten zurecht, indem er den Antisemitismus als das bedauerlichste Symptom unseres Zeitalters bezeichnete. Er begreife nicht, wie der Präsident einen solchen Ton und eine solche Verhetzung gegen eine Confession einreißen lassen könnte. Da Plener die Antisemiten aufforderte, ihren Worten Thaten folgen zu lassen, kündigte Schönerer einen Antrag gegen die Einwanderung ausländischer Juden und auf Nichtzulassung der inländischen Juden zu öffentlichen Stellungen an. Wenn nicht im Parlamente, werde die Frage anderswo mit den Fäusten ausgetragen werden. Der Präsident rügt die ungeziemende Sprache Schönerers und bedauert, daß er keine Disciplinargewalt habe, um gegen die Antisemiten einzuschreiten und meint, es sei am besten, die Reden der Antisemiten gar nicht zu beachten. (Beifall.) Das Haus vertagte sich bis zum Mittwoch. — Einer anderen Antwort bedarf ein Schönerer nicht! — Pest, 1. Juni. (Privatmitth.) Der Minister für Kultus und Unterricht ließ an das hauptstädtische Munizipium die Verständigung gelangen, daß er den Statuten der in Budapest gegründeten reformirten jüdischen Gemeinde seine Genehmigung ertheilt habe, nachdem die seitens des Budapester Rabbiner-Seminars gegen die Satzungen der betreffenden Genossenschaft geltend gemachten Bedenken rein dogmatischer Natur seien, aus welche einzugehen das Ministerium sich nicht für berufen erachten könne. Der neuen Gemeinde wird indessen das Recht der Matrikenführung nicht ertheilt und es bleiben daher ihre Mitglieder äußerlich nach wie vor dem Verbände einer der hiesigen isr. Gemeinden inkorporirt. Es ist somit auch der Rabbiner dieser neuen Gemeinde, die nach den Statuten Niemand eine jüdische nennen wird, zur Vornahme rabbinischer Funktionen nicht berechtigt. Sie hat übrigens hier keinen^Boden. Klagensurt, 1. Juni. Eine gestern abgehaltene, sehr zahlreich besuchte Arbeiter-Versammlung verurlheilte in entschiedener Weise die Haltung der officiösen Presse und sprach sich gegen den Antisemitismus aus. Brünn, 6. Juni. Bon hier wird berichtet: Im Monat Februar verschwand plötzlich die beim jüdischen Lehrer Pollak in Prerau bedienstete Magd Josefine Hlotschek. Sofort wurde von gewisser Seite das Gerücht unter dem Volke verbreitet, die Magd sei von Pollack im Keller ermordet worden; ja es fanden sich sogar Leute, welche behaupteten, die Leiche der Hlotschek im Keller gesehen oder Hilferufe gehört zu haben. Der Pöbel umstand damals das betreffende Haus, welches Eigenthum eines der geachtetsten christlichen Bürger Preraus ist, in provocirender Weise. Die antisemitische, insbesondere

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