Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 405

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 405 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227636--43617-3263988
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

405 der Hand ruht („die Hand hat ihren Ehrenplatz neben der Sprache für die Cultur des Menschen'"), auf körperliche Kraft und Gewandtheit, auf Gelvöhnung an Takt und Maß innerhalb der Bewegung. Ich gestatte mir daher darauf aufmerksam zu machen, daß die Volkskindergärten nicht nur von unseren vermögenden Familien unterstützt werden möchten (das geschieht ohnehin), sondern daß dafür Sorge zu tragen ist, daß diese Erziehungsstätten auch von jüdischen Kindern besucht werden. Hier in Leipzig ist eine so kleine Zahl jüdischer Familien im Verhältniß zur Gesammtbevölkerung vorhanden, daß in den obengenannten vier Volkskindergärten, die von 200 bis 300 Kindern besucht werden, kaum 10 jüdische Kinder ausgenommen werden können. In größeren Gemeinden würde sich bald eine größere Betheiligung Herausstellen, und gewiß wäre es auch am besten und förderlichsten, wenn in die harmlosen, kindlichen Gemüther durch die Gemeinsamkeit der Spiele der Keim zu einer freundlichen, verträglichen Gesinnung gepflanzt würde — oder vielmehr der in den Kindern ursprünglich vorhandene Keim feste Wurzel faßte. „Stört das Kindlein nicht in seinem heil'gen Traume, sich mit Allen Eins zu fühlen in dem Weltenraume." Gemäß diesem Ausspruche Fröbcl's wäre es das Beste und Richtigste, wenn die Kleinen ohne Unterschied der Confession den Kindergarten besuchten. Da wir das aber nicht immer in der Gewalt haben, so sollte man in größeren jüdischen Gemeinden Volkskindergärten errichten — selbstverständlich ohne Beschränkung für die Aufnahme von Kindern aus Familien anderer Confessionen. Ju Wien und wohl auch an anderen Orten giebt es derartige Kindergärten: aber es wäre eine Angelegenheit gebildeter, wohlhabender Frauen, dieser Erziehungsfrage mehr Aufmerksamkeit, mehr Persönliche Theilnahme zu schenken. Hier ist eine Mission für das weibliche Geschlecht vorhanden, die nichts mehr und nichts weniger bedeutet, als eine Mission innerhalb der Culturentwickelung der Menschheit: denn es handelt sich nicht nur um die Einführung der Volkskindergärten in Deutschland, sondern über die Grenzen unseres Vaterlandes, ja über die Grenzen unseres Erdtheils hinaus. Ueberall, wo man bessernd, umgestaltend auf die Verhältnisse einwirken will, wo man beflissen ist, die Mängel und Schäden zu beseitigen, die tausendjähriges Unrecht gezeitigt hat, fange man mit dem Anfänge an — mit der Kindheit. Die Aufgabe der Erziehung: „Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper" beginnt mit dem ersten Athemzuge des Kindes. Die Verurtheilung Stöckers. Der Aufstieg Stöckers ist größtentheils auf unsre, der Juden Kosten geschehen, und so ist es natürlich, daß wir seinen bereits angetretenen Niedergang aufmerksam verfolgen. Bon liberaler Seite ist bereits genugsam über ihn gerichtet worden, ohne daß ein besonderer Erfolg sich bemerkbar gemacht. Bereits aber geht eine Be- und Verurtheilung Stöckers in den Kreisen vor sich, welche ihm nahe stehen, in welchen eine gläubige Christlichkeit vorwaltet und die ihm eine gewisse Achtung widmen. Soeben ist ein Schriftchen erschienen: „Was heißt christlich-sozial?" (Leipzig, Duncker & Humblot) dessen Verfasser der glaubenseifrige Professor der Theologie in Dorpat Alexander von Oettingen ist. Man erinnert sich, daß dieser Autor ein statistisches Werk herausgegeben, in welchem er sich durchaus nicht den Juden hold zeigte, so daß in dieser Beziehung der Rechtsanwalt vr. Fuld in Mainz ihm irrthümliche Gruppirung und Folgerung nachwies. In diesem Schriftchen, dem man gewiß keine grundsätzliche Gegnerschaft oder persönliche Gehässigkeit gegen Stöcker nachsagen könnte, wird, wie es selbst sagt, ein „Selbstgericht" an dem Unternehmen der Freunde, an den christlichsozialen Bestrebungen geübt. Hier wird vor Allem die Verquickung von Religion und Politik als „bedenklich, verhängnißvoll und unselig" gegeißelt. Es heißt darin: „In letzterer Beziehung hat sein leidenschaftliches Parteitreiben, sein Mangel an Besonnenheit, seine unheilvolle Vermischung von evangelischem Christenthum und weltlicher Sozialpolitik der Sache des Reiches Gottes auch unberechenbaren Schaden zugefügt, manches ehrlich suchende Gemüth abgeschreckt, durch öffentlichen Proceßskandal Aergerniß gegeben und die öffentliche Meinung irre geführt." Weiterhin geht er Stöcker geradezu zu Leibe, indem er sagt: „Wenn man, wie Stöcker will, nach Grundsätzen des Evangeliums die sozialpolitischen Zeitfragen zu lösen und im Berliner Eiskeller unter Bravo johlenden Massen mit Worten der heiligen Schrift Parteipolitik zu treiben und Wahlagitation zu befördern sucht, so ist das keine christliche Praxis. Will er Politik treiben, so quittire er sein Predigtamt, oder vermeide es wenigstens, als Christ und Pastor zu agitiren; will er Seelsorger und christlicher Missionar sein, so lasse er die demagogischen Umtriebe und träume micht mit seinen vielen Gesinnungsgenossen von einer spezifisch christlichen Sozialpolitik!" Er macht es also Stöcker zu bitterem Vorwurf, daß er im Berliner Eiskeller unter Bravos johlenden Massen mit Worten der h. Schrift Parteipolitik zu treiben und Wahlagitation zu fördern suche, denn das sei keine christliche Praxis. Worin der Vers, eine wahrhaft christliche Einwirkung sieht, in der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.