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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 404

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 404 (sequence 4)
Language
German
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404 vorzugung der Entwickelung und Bildung des Intellekts hatte die Vernachlässigung in der Entwicklung und Bildung der Handfertigkeit im Allgemeinen zur Folge. Die Schule, die Hauptträgerin der Culturentwicklung, kannte für die männliche Jugend keine andere Uebung der Handgeschicklichkeit als das Schreiben, und auch diese Beschäftigung wurde nicht als Uebung der Handgeschicklichkeit, sondern im Interesse der Uebung des Geistes, im Interesse des Unterrichts ausgenommen — ja selbst die Einführung des Zeichnens als eines obligatorischen Unterrichtsgegenstandes der Schulen ist von kurzem Datum. Die Schule unterschätzte und unterschätzt eigentlich bis zur Stunde den erziehlich-bildenden Werth der Handarbeit. Diese Unterschätzung eines so wichtigen Culturmittels, als es die „Handarbeit" ist, macht sich naturgemäß in jüdischen Keisen noch fühlbarer. Die Richtung auf die Entwickelung des Intellekts, die einseitige Bevorzugung der geistigen Arbeit vor jeder andern, as Zurückgedrängtwerden aus den eigentlich handarbeitenden Kreisen hat es zu Wege gebracht, daß wir uns hier einem unläugbaren Mangel in Rücksicht auf die allseitige, harmonische Entwickelung des Menschen gegenüber befinden. Wenn es daher im Allgemeinen wünschenswerth wäre, daß die Schule in Verbindung mit dem Kindergarten träte und die werthvolleren Fröbel'schen Beschäftigungsmittel aufnähme, statt wie es jetzt der Fall ist, urplötzlich die erwachsene männliche Jugend aus Gymnasien und Realschulen zu den „Werkstätten" zu führen, so darf das Vergebliche eines solchen Wunsches uns nicht hindern, die erziehlichen Mittel anzuwenden, die uns für die vorschulpflichtige Kindheit zu Gebote stehen. Ich betone die Entwickelung der Handgeschicklichkeit für das Alter, in dem die Glieder biegsam und bildungsfähig sind — für das Alter, in welchem die Entwickelung der intellectuellen Kräfte, das Denkvermögen noch eine untergeordnete Stellung in der Erziehung haben muß, oder mindestens nur an der Hand der Anschauung und des Thuns geschehen kann — ich betone diese Entwickelung in erster Reihe um ihres sittlich-bildenden Einflusses willen: doch das Nützlichkeitsprineip soll und darf namentlich für die Kinder der Unbemittelten nicht außer Acht gelassen werden. Wenn die Kinder in dem für alle Eindrücke empfänglichsten Alter die anmuthigen Finger- und Ballspiele, das Flechten, Falten, Bauen, Nähen, Thonkneten rc. übten, dann würde mit der Entwickelung der Geschicklichkeit des Handgelenks, der Fingerfertigkeit zugleich die Liebe zur Beschäftigung, zum Formen, Gestalten, zur Handarbeit in den bedeutungsvollen Jahren der Kindheit erweckt werden und bei Einzelnen allerdings späterhin zur Liebe der Werkthätigkeit, des Handwerks führen. Durch Anschauen und Thun wird der Formen-, Farben- und Schönheitssinn in derjenigen Periode unseres Lebens entwickelt, aus der, wie wir alle durch Erfahrung wissen, die Eindrücke am festesten haften. Neben dieser Seite der Fröbel'schen Methode, „die den Trieb zu bilden, zu gestalten, den Bil^ungstrieb" weckt und fördert, sind es die gymnastischen Uebungen, die wir noch besonders hervorheben müssen. Freilich ist das Turnen jetzt in der Schule eingeführt; daß es ihr durch Kampf erobert werden mußte, ist bekannt. Die körperliche Entwickelung wartet nicht auf den Zeitpunkt, in dem das Schulturnen beginnt: sie durchläuft die schnellste und folgenreichste Periode in dem vorschulpflichtigen Kindesalter. Der Haltung des Körpers, der Bewegung der Glieder zu rechter Zeit zu Hilfe zu kommen, das schöne Gleichmaß zwischen Ruhe und Bewegung durch die begleitenden Liedchen — durch den Takt — den Kleinen mitzutheilen und sie so zu einer harmonischen Darstellung ihres Seins und Wesens zu erziehen, das ist neben dem Vergnügen, welches diese gymnastischen Uebungen, die wir „Bewegungsspiele" nennen, den Kindern gewähren, von so großer erziehlicher Bedeutung, daß es einer pädagogischen Abhandlung bedürfte, um es allseitig zu erläutern. Für alle Kinder sind die „Bewegungsspiele" in hohem Grade beachtenswerthe Erziehungs- und Bildungsmittel: für Kinder, deren Ahnen nicht in kriegerischen Uebungen, nicht in körperlicher Arbeit ihre Glieder stärkten, ihre Muskelkraft bildeten, sind sie von unschätzbarem Werthe. Die die Bewegungsspiele begleitenden Liedchen entnehmen ihren Stoff zum größten Theil dem Naturleben, den Beschäftigungen der Handarbeiter. Die Anschauungen des Kindes werden auf diese Weise auf dasjenige gelenkt, was ihrem eigenen Wesen am besten entspricht. Die Liebe zu dem Naturwesen, zu den Beschäftigungen des Landmannes, zu der Arbeit der Handwerker wird erregt und bewahrt die Kleinen vor der frühzeitigen Aufnahme von Vorstellungen, die einer späteren Zeit angehören. Mit einer bewundernswerthen Genialität hat Fröbel die primitiven Stadien der allgemeinen Culturentwickelung beobachtet und sie für die Erziehung des Einzelnen nutzbar zu machen verstanden. Nach dem von der Wissenschaft anerkannten Grundsätze, daß die Kindheit des Einzelnen der Kindheitsperiode der Gesammtheit gleicht, hat Fröbel die bildenden Elemente, die culturbegründenden Arbeiten in den Dienst der Bildung, der Erziehung der Kindheit gestellt. Ich muß es mir versagen, hier näher und tiefer auf diese „culturgeschichtliche" Begründung des Fröbel'schen Erziehungssystems einzugehen und will daher nur nochmals betonen: Die Bolkskindergärten sind ganz besonders wichtig in Rücksicht auf die Schärfung der sinnlichen Wahrnehmung der Außenwelt, auf die Entwickelung und Bethätigung derjenigen Kraft, die in dem wunderbaren Gliede der Menschen,

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