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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 403

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 403 (sequence 3)
Language
German
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403 gekommen, wo die Cultur fortschreitet, die Bedürfnisse wachsen, das ethische Gefühl sich abschwächt, die Genußsucht sich ausbreitet, tritt auch die Unzufriedenheit mit ihrer Lage in den unteren Klassen in wachsendem Mage hervor. So hat denn auch die Geschichte von blutigen Aufständen und schweren staatlichen Erschütterungen zu berichten, welche aus jener Unzufriedenheit, aus dem Verlangen, sich von hartem Drucke zu befreien, entsprungen waren. Allerdings lehrt dieselbe Geschichte, daß es stets der organisirten Gesellschaft gelungen ist, die aus solchen Momenten hervorgegangenen Gegner zu überwältigen. Alle jene Momente wirken aber in unserer Zeit in heftiger Weise auf die sog. arbeitenden Klassen. Mit stärkerem Erwachen des individuellen Bewußtseins, mit dem Erlangen der Politischen Freiheit und mit der Ausübung politischer Rechte wächst in Allen die freiere Bewegung des Geistes. Man schaut um sich, man vergleicht, man wird begehrlicher, man sieht überall Benachtheiligung und Ausbeutung, man eiblickt in jedem Arbeitgeber einen Feind, der das Zukommende vorenthält. Bei solcher Verbreitung der Gesinnung finden sich auch bald Agitatoren, Wühler, Hetzer. Die Unzufriedenheit wird zur Leidenschaft, man wird kampfbereit und sieht in der Umwälzung, im Umsturz der bestehenden Verhältnisse das Heil. In unserer Zeit hat aber der Geist der Humanität und des Rechtes eine weite Verbreitung gewonnen. Wir stehen nicht mehr auf dem Boden verbriefter Vorrechte, angeborener Privilegien, von denen die Inhaber keinen Finger breit zugestehen wollen. Es ist deshalb auch der Wunsch und das Streben erwacht, allen gerechten Forderungen der arbeitenden Klassen zu genügen und den wirklichen Uebelständen möglichst abzuhelfen. Nun, die organisirte Gesellschaft war fähig, die altererbte Sklaverei abzuschaffen, die historisch gewordene Leibeigenschaft aufzuheben und jedem Staatsangehörigen das gleiche Recht vor dem Gesetze und die gesetzlich geregelte persönliche Freiheit zu gewähren. Sie steht nun vor dem Problem, den freien Arbeitern auch eine angemessene und menschenwürdige Stellung zu verschaffen. Wie dieses Problem zu lösen, das ist die schwierige Frage. Wir wollen sehen, wie vom Standpunkte unserer Religion Abhülfe zu schaffen wäre. (Schluß folgt.) Leipzig, im Juni 1886. Welche De-eutung hat die Fröbel'sche Erziehungslehre für nufere Lindheit und weibliche Jugend? Von Henriette Goldschmidt. I. Statt einer theoretischen Abhandlung über den wissenschaftlichen Werth des jüngsten Zweiges an dem reich entfalteten Baume deutscher Pädagogik, will ich die Erfahrungen, die ich innerhalb einer fünfzehnjährigen Thätigkeit als Vorsitzende des von mir in Leipzig gegründeten Vereins für Familien- und Volkserziehung, sowie als Leiterin der durch meine Initiative ins Leben gerufenen Erziehungs- und Bildungsstätten zu machen Gelegenheit hatte, kennzeichnen. Zur klareren Uebersicht will ich zunächst die Anstalten neunen, um deren Bedeutung nach allgemeinen Gesichtspunkten und in Rücksicht auf die specielle Aufgabe, die ich mir gestellt, der Beachtung zu empfehlen. Der obengenannte Verein hat während seines Bestehens errichtet: 1) Vier Volkskindergärten, 2) Eine Bildungsanstalt für Kindergärtnerinnen, 3) Ein Lyceum für Damen; das Letztere umfaßt: a) wissenschaftliche Borträge, die in jedem Winterhalbjahre stattfinden, b) Lehrcurse im Modelliren für Damen, o) wissenschaftliche Unterrichtscurse für die erwachsene weibl. Jugend gebildeter Familien. Ich beginne mit der ersten Stufe in der Reihe der Institute, mit den Volkskindergärten: Es könnte überflüssig erscheinen, über den segensreichen Einfluß der Volkskindergärten ein Wort zu verlieren, da dieser Einfluß anerkannt scheint. In Wahrheit aber ist nur die humane Seite des Volkskindergartens anerkannt; seine Bedeutung als „Erziehungsstätte" ist so wenig geschätzt, daß man ihn als gleichwerthig mit der Bewahranstalt betrachtet, in der die Kinder vor Schäden, vor Unfällen behütet werden. Die Bedeutung des Volkskindergartens ist nicht nur humanitärer Art — es handelt sich hier um die Verwirklichung eines pädagogischen Princips, das einen Fortschritt auf dem Gebiete der Erziehung in sich schließt. Auch hier will ich, statt theoretischer Erörterungen, auf die Thatsache Hinweisen, daß die Kindergartenmethode Eingang in die reichen Familien gefunden, daß in den Volkskindergärten die Erziehungsgehülfinnen für die häusliche Erziehung aller Stände gebildet werden, während die Bewahranstalten keinen erziehlichen Einfluß über den Kreis der ihnen anvertrauten Schützlinge hinaus ausüben. Die erziehliche Bedeutung des Volkskindergartens ist es demnach, die ich nach einigen, für unsere speciellen Ber- | hältnisse mir wichtig erscheinenden Gesichtspunkte in Kürze! behandeln will. Es darf als bekannt vorausgesetzt werden, daß bei uns im Allgemeinen eine große Bewegung für den „Handfertigkeitsunterricht" der männlichen Jugend vorhanden — eben so wissen wir, daß aus unserer eigenen Mitte der Vorwurf vielfach erhoben wird, die Juden widmeten sich nicht dem Handwerkerstande. Beide Momente zeigen wohl, daß im Allgemeinen und im Besondern ein Mangel vorhanden sein muß, Und so ist es auch in der That, Die einseitige Be- 36*

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