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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-22 · Heft 26 (22.6.1886) · p. Seite 402

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 26 (22.6.1886)
Date
1886-06-22
Page
Seite 402 (sequence 2)
Language
German
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402 Niveau verbleibt. Aber sobald Industrie und Handel entstehen, muß der Erwerb ein sehr verschiedener werden, der natürlich auch auf den Bodenbesitz reflectirt, die Besitzverhältnisse verschiebt, untereinanderrüttelt und eine große Mannigfaltigkeit von großem Reichthum bis zur äußersten Armuth erwirkt. Hierzu kommen nun die geschichtlichen Ereignisse: Krieg und Eroberung. Letztere trennt die Bevölkerung in Sieger und Besiegte, in Herrscher und Beherrschte, in Bevorrechtete und Unterdrückte. Hiermit ist die Ungleichheit des Besitzes auf lange Zeiten verewigt. — Ist diese demnach eine naturgemäße und geschichtliche Folge der Gesellschaft, so können alle Theorien, die das Gegentheil wollen, zu nichts verhelfen. Der Hauptgrundsatz dieser Gegner ist: alle Menschen werden mit gleichem Rechte geboren, und dieses gleiche Recht ist ihr unantastbares Gut. Hierin liegt aber ein vollständiger Jrrthum. Der Mensch wird mit gleichem Rechte auf die Entfaltung und Verwendung seiner Kräfte geboren. Auf alle Mittel und auf den Spielraum, welche die Gesellschaft hierfür bietet, haben alle Menschen gleiches Recht. Hierüber endet die Gleichheit des Rechtes. Der eine Mensch kann auf den Ertrag der Arbeit des Anderen kein Recht haben. Was seine Kräfte und seine Anstrengungen produziren, darauf hat nur jedes Individuum allein das Recht, nicht aber ein Anderer. Die Gesammtheit kann zu ihrem Bestände und zu iyrer Wirksamkeit einen Theil des Ertrages der Arbeit Aller beanspruchen, mehr aber nicht. Würde ja sonst der Unthätige einen Anspruch auf den Ertrag des Thätigen, der Verschwender auf den des Sparsamen, der Ungeschickte auf den des Geschickten, der Unentwickelte, Streblose auf den des durch viele Mühen Entwickelten und eifrigst Strebenden u. s. w. Jedes System, das diesem Rechte widerspricht und das Recht der Arbeit auf ihren Ertrag, auf ihr Product leugnet, verneint eben ihren eigenen Grundsatz, denn dieses Recht auf das Product seiner Arbeit ist eben auch ein Recht Aller, das mit dem Menschen geboren wird. Wir erkennen hieraus, daß der Kernpunkt des Communismus und Sozialismus nicht blos ein Widerspruch gegen die Natur, sondern auch ein offenbarer logischer Jrrthum ist, ein Widerspruch gegen seinen eigenen Grundsatz. — Würde die Theorie des Sozialismus, welche das Eigenthum ausheben und dieses wie alle zukünftigen Produkte der Gesammtheit zur gleichmäßigen Vertheiluug an Alle übergeben will, zur Verwirklichung kommen, so würde sie den Menschen tief unter das Thier Hinabdrücken, da sie ihn völlig unfrei und willenlos machen, die Gesammtheit zu einer unermeßlichen Kaserne gestalten würde, in welcher das Individuum nichts als eine Nummer, nichts als ein kleiner Stift in einem großen mechanischen Räderwerk sein und bedeuten würde. Endlich wäre diese Gesammtheit eine ganz unmögliche Organisation, die im nächsten Augenblicke an ihrer Ungeheuerlichkeit scheitern müßte. Gewiß, im Sozialismus steht der organisirten Gesellschaft ein Wahngebilde gegenüber, das außer den Agitatoren nur wenige Anhänger zählt, und von der Masse nur durch die in ihr vorhandenen Entbehrungen, Wünsche und Begierden getragen wird. — Ebenso widersinnig und phantastisch sind die Mittel, welche der Sozialismus vorschlägt. Der ganze Grund und Boden soll an die Gesammtheit fallen, von ihr aus vertheilt und bearbeitet werden! Welche Parcellirung bei 45 Millionen Deutsche! Daß hiermit die tüchtige und fortschreitende Bearbeitung und Ertragfähigkeit des Bodens aufhören würde, ist einsichtlich. Und da Deutschland nicht einmal an Cerealien die Bedürfnisse deckt, wer bezahlt die großen Mengen der Früchte, die vom Auslande bezogen werden müssen? Denn mit der Aufhebung des persönlichen Eigenthums verschwindet auch das Kapital, die Börse, die ganze Finanzwelt. Denn mit einem Schlage verlieren alle Staatspapiere und Effekten ihren Werth. Das gemünzte Metall ist in einer verhältnißmäßig nur geringen Masse vorhanden. Ebenso verhält es sich mit der Industrie. Alle industriellen und commerziellen Anstalten fallen an die Gesammtheit und sollen von ihr zu ihrem Bortheil fortgeführt werden. Dann aber fehlen die Intelligenz und das Kapital; die erfiere sieht sich unter die mechanische Arbeit hinabgedrückt, und das Kapital ist eben nicht mehr genügend vorhanden, selbst nicht um die Rohprodukte und alle Erzeugnisse, die aus anderen Ländern bezogen werden müssen, zu bezahlen. Oder meinen die Sozialisten, daß Rußland sein Getreide den Deutschen umsonst liefern würde? Würde doch der Weltmarkt zerstört und der Austausch unter den Völkern zu Ende sein. — Gerade aber, weil diese Theorien so wahnsinnig sind, muß ein Grund in der Masse existiren, der sie von den Schlagwörtern der Agigatoren verleiten läßt und sie den sozialistischen Treibern in die Arme führt. Welcher ist dieser? Die Ungleichheit des Besitzstandes, die auf der einen Seite in den Händen einer kleinen Zahl große Reichthümer anhäuft, von der anderen eine große Masse des Volkes in einem fast besitzlosen Zustande erhält, zwischen beiden mehr oder weniger einen Mittelstand in mannigfaltigen Abstufungen zuläßt, erregt naturgemäß eine Unzufriedenheit in den besitzlosen Klassen, die sich zu Neid, ja zu Haß gegen die Besitzenden steigert und sie an eine Veränderung ihrer Lage eifrig denken läßt. Diese Unzufriedenheit ist natürlich uralt. Allerdings giebt es große Völkerschaften, in welchen die fatalistische Anschauung so fest gewurzelt ist, daß sie die geduldige und demüthige Unterwerfung unter das, was einmal ihr Geschick ist, bewirkt. Auch giebt es bei allen Nationen Perioden der Ruhe und des Stillstandes und einfacher Sitten, in welchen die Menschen aller Klassen sich mit dem ihnen zugefallenen Lose als einmal nicht zu ändern genügen lassen. Ueberall aber, wo der allgemeine Geist in Bewegung

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