Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 26 (22.6.1886)
- Date
- 1886-06-22
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine des ZudeMums. / Ein miWttkiWes Organ fiir alles jüdische Jntercsie. i Diese Zeitung erscheint wöchentlich. > Preis vierteljährig 8 Mark. Abonne-! ment in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Gxpeöition: Leipzig, Woßptcrh 17. j In reoactionellen Angelegenheiten > wende man sich an vr. Philippson in 1 Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 50. Jahrgang. Leipzig, den 22. Juni 1886. Nr. 26. . Jöbalt, Leitende Artikel: Die ökonomische Bewegung. — Welche Bedeutung hat die Fröbel'sche Erziehungslehre für unsere Kindheit und weibliche Jugend? — Die Verurtheilung Stöckers. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Druden, Aus Sachsen, Danzig, Würzburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest, Klageufurt, Brünn. — Frankreich: Paris. — Rußland: Von der russischen Grenze, Turek. — Australien: Sidney. — Indien: Bombay. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die Säkularfeier der Samsonschule in Wolsenbüttel. — Der Hofantiquar. — Vermischtes. Bonn, 15. Juni. Die ökonomische Dewegung. ui. So wichtig und schwierig in dieser ökonomischen Bewegung von oben nach unten die ihr zu Grunde liegenden Fragen über die zweckmäßige und gerechte Art und Vertheilung der Besteuerung sind, so haben sie dadurch doch weniger Gefährliches, daß sie innerhalb der Machtbefugniß der gesetz geberischen Faktoren liegen und dem Wechsel der Ansichten Genüge geschehen kann. Anders liegt es mit der ökonomischen Bewegung von unten nach oben, die gegenwärtig unleugbar in ein Stadium der Gährung geräth, und die mehr oder weniger den Umsturz der ganzen Organisation der Gesellschaft im Auge hat. Die gemäßigteren Führer sprechen freilich nur von einer Umwandelung der bestehenden Organisation; aber sie wissen recht gut, wie es ihre heftigeren Genossen nicht verhehlen, daß sie zu dieser Umwandelung nur auf gewaltsamen Wege, also durch erzwungenen Umsturz, gelangen können. — Diese Bewegung hat zu ihrer thatsächlichen Grundlage die Ungleichheit der Besitzverhältnisse. Das Eigenthum ist mit der Natur des Menschen unzertrennlich verbunden. Es ist ein integrirender Theil des Jchs, der Persönlichkeit jedes Individuums, welches das Wesen des Letzteren ausmacht. Schon in der unbewußten Kindheit ist das Ergreifen von Eigenthum die erste Kundgebung des Jchs. Das Bewußtsein desselben erfüllt und beherrscht die Seele des Menschen vom ersten Erwachen bis zu dessen Verlöschen. Die Aneignung äußerer Dinge ist die Hauptäußerung, die Hauptthätigkeit des Willens, ohne welchen doch der Mensch nicht gedacht werden kann. Außerdem ist das Eigenthum die hauptsächlichste Triebfeder der menschlichen Thätigkeit, der materiellen und geistigen Anstrengung, ob diese nun den Erwerb für die täglichen Bedürfnisse oder einen Mehrbesitz hierüber hinaus erstreben, oder auf dem geistigen Gebiete stattfindet; denn auch der Erwerb von Kenntniß und Einsicht erscheint dem Menschen als sein persönliches Eigenthum. Jede Arbeit hat den Zweck, Eigenthum zu erwerben. Was auch gegnerische Sophisten hiergegen ausgekramt haben: das Eigenthum ist von der Natur des Menschen nicht zu trennen, nicht von seiner Persönlichkeit, von seiner Freiheit, von der Entwickelung und Verwendung seiner Kräfte. — Aber mit dem Eigenthum trat von Beginn an auch die Verschiedenheit des Besitzes ein. Auch hier waltet unbedingt die Natur vor. Die Verschiedenheit der geistigen und körperlichen Anlagen und Eigenschaften bringt es mit sich, daß die Arbeit einen nach Maß und Bedeutung verschiedenartigen Ertrag liefert. Die verschiedene Beschaffenheit des Bodens und des Klimas, selbst in nahe gelegenen Landstrichen; die Mannigfaltigkeit der Naturerscheinungen und ihre Wirkung auf die menschliche Production und viele andere natürliche Ursachen bedingen die Verschiedenheit des Erwerbes und des Besitzes. Bei einem Volke, das nur einer einzigen Beschäftigung obliegt, wie Ackerbau, Jagd, selbst Viehzucht, gleichen sich diese Verschiedenheiten im Ganzen ziemlich aus, so daß der Besitzstand auf einem gewissen 26