Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1886)
- Date
- 1886-06-15
- Page
- Seite 397 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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397 mich nach meinem Namen. Als ich ihm diesen genannt und mein Vergnügen, ihn einmal wiederzusehen, ausgedrückt, fragt er mich: Was wünschen Sie von mir? Da fixirte ich ihn meinerseits, verbeugte mich und verließ schweigend das Gemach. Soll man sich da nicht ärgern? Ich wollte ja nichts von ihm, als ihn sehen und als alten Schulkameraden begrüßen. War er doch damals so vertraut mit uns, der Dritte in unserem Bunde und hat oft genug an meinem Butterbrode sich gesättigt. Und jetzt?" ... — „Ich finde das mehr lächerlich als ärgerlich, Freund. Hast Du denn die lange Zeit in irgend welcher Verbindung mit ihm gestanden?" — „Nein, aber die Jugenderinnerungen müßten doch auch in seinem Herzen wieder erwachen und ihn freundlich stimmen. Daß wir Beide auf mühevollem Wege nur zu mittelmäßigem Besitz gelangt sind, während er, ich weiß nicht, auf welche Weise, zu großem Reichthum gelangte und einen Ehrentitel erhielt, kann doch kein Gewicht haben in dem freundlichen Verhältniß, das in der Jugend bestanden." — „Ich wundere mich über Dich. Du kennst doch das alte jüdische Sprichwort: andere Meiaus, andere Deiaus, d. h. mit dem Reichthum ändert sich die Gesinnung. Niemand giebt Etwas darauf, wenn Jemand sagt, hätte ich das Vermögen, ich würde dies und dies Gutes thun- Hat er erst das Vermögen, thut er es in der Regel doch nicht. Dies ist eine alte Erfahrung, die natürlich ihre Ausnahmen hat, deren wir jedoch eingedenk sein müssen. Außerdem verändert sich der Mensch im Laufe der Jahre. Er thut dies körperlich, und ich sehe noch, wie Du fast erschrakst, als Du mich jetzt nach Jahren wiedersahst. In Deinen Zügen sprach es sich aus: wie hat sich der Mensch verändert, wie alt ist er geworden! Ich lächelte, denn Du bedachtest nicht, daß es mit Dir gerade auch so stand. Aber nicht minder veränderlich sind die Gesinnungen und Ansichten der Menschen. Ihre Lebensschicksale, der Wechsel ihrer Umgebungen, vor Allem aber ihre veränderten Verhältnisse wirken auf Geist und Gemüth, daß sie ganz anderer Richtung und ganz anderen Inhalts werden. Dies ist naturgemäß und man muß es mit in Rechnung ziehen. Du hast einen Versuch gemacht, den alten Kameraden zu finden und trafst auf einen durch Glück und Reichthum völlig veränderten Menschen. Dies ist Alles und man muß sich dabei beruhigen" — „Und das sagst Du mir, der Du mich mit so vieler Herzlichkeit empfangen, mit der zartesten Zuvorkommenheit mich behandelst und mich dadurch so überaus glücklich machst?" EineThräne glänzte in dem Auge des guten Mannes und wir umarmten uns. „Nein", rief er aus, „Du überzeugst mich nicht, daß eine solche Umwandlung der Gesinnung nicht ganz schmählich, die Beständigkeit keine Tugend sei!" — „Das will ich auch gar nicht. Halten wir vielmehr den Menschen für trefflich und beglückt, der so viel Herzensfond besitzt, um Freundschaft und Liebe bis zum Ende seiner Tage in sich zu bewahren. Aber sprechen wir im Allgemeinen, so denke ich an das Wort des weisen Königs, daß Alles recht ist zu seiner Zeit, d. h. daß die Umstände jede Eigenschaft gut oder übel stempeln, daß, was zu der einen Zeit eine Tugend ist, zur anderen ein Fehler sein kann. Wenn Du dir einen Menschen denkst, und in unserem abgelegenen Heimathsorte wird es dergleichen geben, wie überall, der in seiner Lebensanschauung, in seinen Sitten und Gewohnheiten bis auf seine Tracht fest stehen geblieben, wie er in seiner Jugend war: man wird ihn veraltet, verbauert, für die veränderten Verhältnisse des Lebens unempfänglich, man wird ihn wenig umgänglich und zu Nichts zu gebrauchen finden, und er wird Spott und Mißachtung Hervorrufen. Da ist also die Beständigkeit wahrlich keine Tugend. Derjenige, der auf seine Beständigkeit pocht, wird eigensinnig, halsstarrig, widerwillig erscheinen und wahrlich unsre Achtung nicht verdiene». In tausend Fällen wird er sich und Anderen schaden. Ich habe das trübseligste Familienleben daraus hervorgehen sehen." — „Ich muß Dir in allem diesem Recht geben, und doch sagt mir eine innere Stimme, daß, wenn ich die Wahl zwischen jener Wandelbarkeit und dieser Beständigkeit habe, ich der letzteren den Vorzug geben solle. Jene macht doch ganz unzuverlässig, und wir wissen niemals, wie wir im gegebenen Augenblicke mit ihm stehen, was wir von ihm zu erwarten haben, ob er nicht das Gegentheil von dem thut, was wir aus seiner Vergangenheit heraus von ihm zu folgern hatten. In der großen Welt, namentlich in der Politik, wird doch der gerühmt, der sich in feinen Reden und Handlungen konsequent bleibt, während ein anderer heftig getadelt wird, wenn er von Zeit zu Zeit ganz andere Meinungen ausspricht und bethätigt, als früher. Ich habe Männer gekannt, die in der Jugend und noch lange recht eifrige Demokraten waren, und später sich als fanatische Reaktionäre aufspielten, solche, die früher zelotische Orthodoxe, nach einiger Zeit Religionsspöttcr wurden — ich kann dies nicht als würdig oder gar lobenswerth anerkennen." — „Auch ich nicht, und doch kann ich nicht ganz zustimmen. Sieh, mein Freund, die Welt steht nicht still, im Großen wie im Kleinen! der Strom des Lebens geht bald rechts, bald links abwärts, immer aber vorwärts; die Ereignisse, die ja vom Einzelnen nicht abhängig sind, gestalten das Leben um; die großen Erfindungen, neue Bedürfnisse, neue Ansichten verändern alle Erscheinungen. Denk nur zurück, Freund, wie es in unserer Jugend aussah, und wie völlig anders in der Gegenwart. Wir gehen unbewußt immer mit, und nur wenn wir nach einem längeren Zeitraum zurückdenken und uns in die Erinnerung alles vor unseren Augen Vorübergegangenen versenken, wird es uns klar, daß die Welt und wir in ihr nicht stille gestanden. Und sollen wir denn stille stehen? Ist es nicht die Bestimmung