Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 50 (1886)
- Issue
- Heft 25 (15.6.1886)
- Date
- 1886-06-15
- Page
- Seite 396 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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896 den Vätern zur höchsten Pflicht gemacht, die Kinder in der religiösen Lehre und dem Gesetze unablässig Unterricht zu ertheilen, was natürlich mit der Zeit auf dazu befähigte Lehrer und auf Einrichtung förmlicher Schulen führte. Es war die Erfüllung einer religiösen Pflicht, die Anbetung Gottes und die Ausübung des Gesetzes schon auf die Lippen der Kinder zu legen — wie dies auch der Psalmist ausdrückt. Mit den wechselvollen Geschicken und den vielfach veränderten Verhältnissen des jüdischen Stammes mußte naturgemäß die Erziehung und der Unterricht eine sehr verschiedene Gestalt annehmen. Waren die Verhältnisse weit und günstig, so erweiterte sich auch der Gesichtskreis, und die Jugend empfing davon ihren Theil. Schloß sich der Lebens- und Jdeenkreis ab und beschränkte sich, so hatte dies einen unmittelbaren Einfluß auf Erziehung und Unterricht. Uns auf diesem Gebiete durch alle Zeitperioden zu führen, hat sich Herr Straßburger zur Aufgabe gestellt und diese wacker gelöst. Unter diesen Umständen mußte das Unterrichtswesen bei den Juden zwar unter der Herrschaft eines und desselben Zweckes, den Unterricht in religiösen nnd gesetzlichen Dingen möglichst vollständig zu machen, stehen, sich aber stets an die jeweiligen Culturzustände anlehnen und nach ihnen gestalten. Unser Autor hat dies wohl begriffen, und so giebt er Schilderungen der Cultur- und Litcraturverhältnissc, um aus ihnen den jeweiligen Standpunkt des Unterrichts und der Erziehung herzuleiten. Wir meinen, daß er hierin meist das richtige Maß getroffen und ein recht lebendigcs Bild jeder Zeitperiode entworfen hat. Hiermit gelang es ihm aber auch, den Blick seiner Leser über die engeren Grenzen des Unterrichtswesens hinauszuleiten und seine Schrift für viele Leser ebenso unterrichtend wie interessant zu machen. Borurtheilslos die Vorzüge und Schwächen jeder Phase zeichnend, giebt er zuletzt eine recht ausführliche Anschauung von dem, was in der Gegenwart vorhanden ist, was sie geleistet und was noch von ihr zu fordern ist. Die Ziele, nach welchen die Gegenwart strebt, sind ihm klar, aber er weiß auch, daß die Mittel, die dazu verwendet werden, die uns zu Gebote stehen, noch recht mangelhaft und viele Schwierigkeiten noch zu überwinden sind. Die letzte Lieferung wird von einer ziemlich vollständigen Bibliographie und einem alphabetischen Autorenverzeichniß ausgefüllt. Wir empfehlen deshalb das gut ausgestattete Werk nicht bloß Lehrern und Pädagogen, sondern auch dem gesammten Lesepublikum. Der Autor hat die einschlägige Literatur fleißig benutzt, und kleine Fehler, die sich eingeschlichen, kann der Sachverständige leicht verbessern. — Annuaire des Arcliives israelites pour l’an du monde 5647. Par H. Prague, 3. annee. Paris, Bureau des Archives israelites 1886. Außer dem Kalender enthält dieses Jahrbuch mehrere interessante Aufsätze, wie einen kurzen Ueberblick über das ablaufende Jahr, einen Proceß in der Familie der Jbn-Tibbon und eine Beschwerdeschrift gegen die getauften Juden von 1611, über welche wir bereits referirt, und zum Schluffe ein vollständiges Tableau von dem israelitischen Cultus in Frankreich, Elsaß Lothringen, Belgien und der Schweiz mit Angabe aller Mitglieder der Consistorien, der Rabbiner, Vorsänger und Lehrer u. s. w. — Pest, 31. Mai. (Literarische Notizen.) nnuN S. L. Rapoport's Hebräische Briefe an S. D. Luzzatto, deren erste Hefte wir in Nr. 5 d. I. angezeigt haben, liegen mit den jüngst erschienenen Heften 3 und 4 nun vollendet vor (Przemysl 1886). Auch die in diesen Heften veröffentlichten Briefe sind von wissenschaftlichem Interesse, einige derselben, wie Nr. 27, über Poetanim und synagogale Poesien, und Nr. 28, Rapoport's Bemerkungen zu Luzzatto's rn: isiNn, können füglich Abhandlungen genannt werden. Die Correspondenz, welche von 1852 an immer schwächer wird, hört mit August 1860 ganz auf. Die dem Herausgeber erst später zugekommenen und am Schluffe hinzugefügten 6 Briefe aus dem Jahre 1832 sind von besonderem Werthe und gewähren einen Einblick in Rapoport's Privatleben, das durch Sorgen und Kümmernisse verschiedener Art oft getrübt war. Die versprochene Einleitung des Dr. Harkavy und dessen Zusätze zu diesem Briefwechsel sollen, wie der Herausgeber, Herr Eisig Gräber, verspricht, noch im Laufe dieses Sommers in einem besondern Hefte nachgeliefert und jedem Pränumeranten gratis zugeschickt werden. Dr. M. Kayserling. Ieuillelon. Deständigkeit und Wandelbarkeit. Ein guter alter Freund, der in diesen Tagen aus unserem gemeinschaftlichen Heimathsorte mich besuchte und, wie es sich gebührt, mit Herzlichkeit und gastfreundlich von mir ausgenommen worden, kam aufgeregt und verdrießlich von einem Gange in die Stadt zurück. „Was hast Du, Freund?" fragte ich ihn, als er sich unmuthig auf einen Stuhl geworfen.— „Nun", erwiderte er, „ich war bei N. N., weil ich dies unserem alten Schulkameraden schuldig zu sein glaubte. Ich traf ihn in seinem prächtigen Hause in einem reich ausgestatteten Zimmer; ein gallonirter Diener führte mich bei dem Herrn Commerzienrath ein. Kommt mir der Mann in steifer vornehmer Haltung entgegen, fixirt mich und frägt