Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1886-06-15 · Heft 25 (15.6.1886) · p. Seite 398

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
50 (1886)
Issue
Heft 25 (15.6.1886)
Date
1886-06-15
Page
Seite 398 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227609-3227635--43609-3263979
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

des Menschen, die seinem ganzen Wesen entspricht, sich aller Zeit fortzuentwickeln, zu lernen bis zu seinem letzten Athemzuge, neue Erfahrungen zu machen, zu den alten hinzuzufügcn oder diese durch jene zu berichtigen, jedenfalls zu erweitern. Willst Du Jemandem einen Vorwurf daraus machen, wenn er hintritt und sagt: ich war früher dieser Ansicht, habe die Sache gründlicher geprüft und studirt und bin nun anderer Meinung geworden, die ich selbstverständlich nun zur Richtschnur meines Handelns mache und machen muß? Darf man, nur um sich als einen beständigen Charakter zu ertveisen, die Erkenntniß abweisen, daß er sich früher geirrt? Ja, wenn er jetzt im Jrrthum wäre, hält er sich jedoch davon fest überzeugt, so ist dies zu beklagen, aber der Mann wegen seiner veränderten Anschauung nicht zu verurtheilen." — Mein alter Freund sann einige Augenblicke vor sich hin. Dann rief er mit einer gewissen Erregung aus: „Aber, Freund, vor allem dem werde ich ja ganz wirre. Ich weiß mich nicht mehr zurecht zu finden, und am Ende soll ich jenen Mensche» noch lobenswerth finden, der mich so schmählich behandelt hat? Ich habe nicht bedacht, daß wir Beide uns verändert haben, daß er reich geworden und ich nach seinem Maßstab ein armer Schlucker geblieben." „Nur sachte, Theurer. Wenn Du ruhig nachdenkst, wird Dir alles ebenso klar werden, wie es mir im Augenblick vor der Seele schwebt. Du bist nur über jenen ungetreuen Jugendgenossen und mit Recht aufgebracht. Sonst würde Dein Heller Blick gewiß das Richtige schaue». Beständig, fest, treu müssen wir allezeit in unserem Pflichtgefühl, in unserem Pflichteifer, in unserer Pflichterfüllung sein. Hier ist die unerschütterliche Beständigkeit an ihrem Platze, eine unbedingte religiöse und sittliche Forderung. Gelangen wir dahin, bilden wir unseren Geist und unser Gemüth zu dieser Beständigkeit, so haben wir in unserem Leben das rechte Ziel erreicht. In dieser Treue gegen unsre Pflicht darf sich nichts verändern, dürfen keine Verhältnisse, keine Bedürfnisse, keine Leidenschaft uns wandelbar machen. Aber diese Pflicht gebietet uns auch, nicht stille zu stehen, allem Guten und Wahren Sinn und Herz offen zu halten, nicht jedem Neuen uns widerstandslos hinzugeben, wohl aber cs zu prüfen und so wir es richtig befinden, es in uns aufzunehmen. Auch bei aller Vorsicht werden wir irren; aber handeln wir stets nach bestem Wissen und Gewissen, so mögen wir wohl äußerlichen Schaden durch unseren Jrrthum erfahren, aber an unserem inneren Frieden gefährden wir nichts. Und nun, lheurer Freund, will ich Dir mein ganzes Innere offenbaren. Der Leitstern meines ganzen Lebens war jener Ausspruch unserer Weisen: .Willst Du nicht zur Sünde kommen, so halte fest daran: wisse was über Dir ist, ein allsehendes Auge, ein allhörendes Ohr und daß alle Deine Thaten ausgezeichnet werden', d. h. daß wir für all' unser Thun und Lassen verantwortlich sind vor Gott und Menschen! Ich weiß sehr wohl, daß es jetzt Viele giebt, die diesen und ähnliche Sprüche für altfränkisch, für .überwundenen Standpunkt' belächeln. Ich meine aber, sie wissen nichts Besseres an die Stelle zu setzen und berauben sich selbst des festesten Haltes im Leben. Als ich in meiner Jugend — Du weißt, es geschah frühzeitig, von meinem Elternhause geschieden war und in die Fremde kam, da nahm ich mir vor und habe es auch gehalten, bei Allem, was ich that, mich zu fragen, was würde mein Vater, was meine Mutter dazu sagen? Und dies hat mich sicher durch die Prüfungen und Gefahren der Jugend geleitet. Dann erhob sich mein Geist höher, und ich sagte mir: unser ganzes Leben ist eine solche Wanderung in der Fremde; aber droben haben wir einen Vater im Himmel, einen Lenker unserer Geschicke, der uns das Leben gegeben und erhält; vor Ihm wandeln wir, vor seinem allsehenden Auge und allsehenden Ohre wählen »vir unter den Wegen, an denen wir stehen und die wir zu betreten haben; er hat uns die Wahl und den Willen frei gegeben, aber wir sind vor ihm verantwortlich und dessen, was wir säen, bleibt die Ernte, bleiben die Früchte nicht aus. Was ich im Leben erfahren, was sich mir Gutes und Uebles ereignete, es stärkte und festigte diese Ueberzeugung im tiefsten Grunde meines Herzens. So oft ich auch schwankte, so oft andere Anschauungen an mich herandrängten: aus den Kammern meiner Seele stieg immer wieder diese Ueberzeugung herauf und überwand jeden Zweifel. Siehst Du, das muß das Beständige in uns sein. In Gott und in unserem innersten Wesen haben wir diese Beständigkeit, mag um uns sich Alles wandeln und wir uns oft in eine ganz neue Welt versetzt glauben." — Wir drückten uns die Hände, mein Freund lächelte wieder und wir gingen gestärkt an das Werk des Tages. Vermischtes. Ein devastirter Friedhof. Man schreibt der „Preßburger Ztg." aus Malaczka: „Im Laufe der vorigen Woche wurde auf dem hiesigen israelitischen Friedhofe eine schändliche That verübt, welche unter der gesammten hiesigen Einwohnerschaft die größte Entrüstung hervorrief. Vierzehn Grabsteine wurden auf die böswilligste Art umgeworfen, wobei einer vollständig in Trümmer ging. Hiermit nicht zufrieden, verunreinigten die Thäter auch noch ein Grab, machten Feuer am Friedhofe an und zertrümmerten sämmtliche Fensterscheiben der auf dem Friedhofe befindlichen Leichenkammer. Die Thäter sind von der hiesigen Gendarmerie bereits eruirt worden und werden sich nunmehr vor der politischen Behörde zu verantworten haben, welche in Anbetracht dieses schändlichen Vergehens, hoffentlich durch die strengste Bestrafung der Thäter, derartigen Vorkommnissen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.